Nokia-Image im freien Fall
HANDYS. Experte warnt: Kunden könnten die Geräte des finnischen Konzern als "sozial unerwünscht" einstufen.
ESSEN. Der Ansehensverlust durch die Schließung des Bochumer Nokia-Werks könnte für den finnischen Handyhersteller spürbare wirtschaftliche Folgen haben, weil die Marke künftig mit einem Makel behaftet ist. Es könne passieren, dass Kunden Nokia-Handys als "sozial unerwünscht" einstufen und deshalb nicht mehr kaufen, sagte der Essener Marketingexperte Hendrik Schröder der NRZ. Der Schaden ist laut einer Umfrage des Kölner Marktforschungsinstituts Psychonomics AG bereits messbar: "Das Image von Nokia hat in den vergangenen Tagen deutlich gelitten", sagte Projektleiterin Bettina Willmann - und zwar "fast erdrutschartig".
Deutlich ins Negative gewendet
Psychonomics zufolge ist das "Image von Nokia im freien Fall". Laut dem aktuellen Marken-Monitor "BrandIndex", für den das Institut täglich 1000 Bundesbürger befragt, hat sich die im Branchenvergleich bislang überdurchschnittlich positive Wahrnehmung und hohe Präsenz der Marke Nokia in der Öffentlichkeit in den vergangenen Tagen deutlich ins Negative gewendet. Beim Arbeitgeber-Image fiel Nokia im Vergleich zu den relevanten Konkurrenzherstellern steil vom ersten auf den letzten Platz.
Negative Auswirkungen ließen sich auch in der Wahrnehmung von Qualität und Preis feststellen, hieß es: Die Verbraucher bewerteten die Qualität der Marke Nokia binnnen weniger Tage deutlich schlechter, auch das Preis-Leistungsverhältnis sähen sie bereits deutlich kritischer. Willmann erwartet, dass solche Bewertungen Auswirkungen auf den Absatz von Nokia-Handys haben.
Prof. Hendrik Schröder, Inhaber des Lehrstuhls für Marketing und Handel an der Universität Duisburg-Essen, erkennt eine derzeit "hoch explosive Gemengelage": auf der einen Seite das "ökonomische Kalkül" des finnischen Konzerns - und auf der anderen die öffentliche Empörung. "Nokia scheint ganz offensichtlich diese Art der Wahrnehmung egal zu sein." Die Frage sei, ob der Konzern alle Effekte bedacht habe.
Schröder sprach von einer "durchaus verbesserungswürdigen" Kommunikationspolitik des Unternehmens. Es geht "um einen ganz enormen Flurschaden, der hier hinterlassen wird". Der Experte: "So sollte man mit den Partnern Deutschland, NRW und Bochum nicht umgehen" - denn schließlich sei Nokia Subventionsempfänger.
Gewerkschafter von IG Metall und DGB haben bereits zum Boykott der Marke aufgerufen. Auf den Zug springen jetzt auch Politiker auf. Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) und SPD-Fraktionschef Peter Struck etwa wollen künftig keine Nokia-Handys mehr benutzen. Wie sich diese Stimmungslage indes langfristig auf den Absatz des Branchenführers auswirkt, lässt sich noch nicht absehen.
Das Nokia-Management selbst hat Sorge um einen Image-Schaden bislang indes zumindest offiziell nicht erkennen lassen. "Ich bin davon überzeugt, dass die Leute verstehen, dass es die Pflicht der Nokia-Geschäftsführung ist, die Wettbewerbsfähigkeit von Nokia weltweit langfristig zu sichern", sagte Konzern-Vorstand Veli Sundbäck noch bei Bekanntgabe des Schließungsbeschlusses für Bochum. Eine krasse Fehleinschätzung, wie die öffentliche Debatte in Deutschland bereits zeigt. (NRZ)


























