Interview zur Wirtschaftskrise : Handwerker hoffen auf öffentliche Aufträge

Brüssel. Noch sind die Betriebe ausgelastet und keine Kreditklemme in Sicht. Doch das deutsche Handwerk bekommt die Krise langsam aber sicher zu spüren. Handwerkspräsident Otto Kentzler über die Lage der Betriebe, die Aussichten fürs laufende Jahr und die Bedeutung staatlicher Aufträge.
Herr Kentzler, leidet das Handwerk unter einer Kreditklemme?
Kentzler: Nein. Viele Betriebe machen allerdings die Erfahrung, dass sich Konditionen verschlechtern und Zinsen steigen – allerdings in kleinen Schritten. Besser wäre es, wenn die Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank deutlicher weitergegeben würden. Problematisch ist vor allem, dass mehr Sicherheiten verlangt werden. Aber eine Kreditklemme ist derzeit nicht zu erkennen.
Also geht den Betrieben das Geld nicht aus?
Kentzler: Die Bauvorhaben unserer Betriebe betreffen Investitionen bis zu vier oder fünf Millionen Euro Obergrenze. Dafür ist Geld vorhanden. Denn Volksbanken und Sparkassen haben ja in jüngster Zeit einen Zufluss bei den Einlagen privater Sparer erlebt. Und der wird zu großen Teilen in der jeweiligen Region wieder in Form von Krediten ausgereicht.
An welchen Stellen trifft die Krise das Handwerk?
Kentzler: Es gibt Nachfrageausfälle. Es werden Leistungen storniert. Ein Kunde sagt: Bis hier und erst einmal nicht weiter. Oder er lässt sich kein neues Dach mehr machen, sondern nur eine Abdichtung. Neubauaufträge aus der Wirtschaft werden seltener. Zudem müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass manche Auftraggeber nicht mehr bezahlen können. Das stellt einen Handwerksbetrieb vor große Probleme, wenn plötzlich größere Summen ausfallen.
Welche Unterstützung erwarten Sie vom Staat?
Kentzler: Es ist wichtig, dass jetzt rasch die vorgesehenen Entlastungen und Investitionen kommen. Der öffentliche Auftraggeber muss Gas geben, Schulen und Kindergärten sanieren. Hier sind neben den Kommunen auch die Länder in der Verantwortung, z.B. im Hochschulbereich.
Drängt die Zeit?
Kentzler: Noch sind unsere Betriebe relativ gut ausgelastet. Die Maßnahmen der Konjunkturpakete müssen Mitte des zweiten Quartals beginnen, damit sie auch wirken und dann muss auch die private Nachfrage steigen – allein schon wegen der günstigen Kredite für die energiesparende Nachrüstung von Gebäuden.
Was erwarten Sie für dieses Jahr?
Kentzler: Im Handwerk sind in Deutschland knapp fünf Millionen Männer und Frauen beschäftigt. Wir hoffen, dass wir die Beschäftigtenzahlen halten können. Und wenn die staatlichen Maßnahmen wie erhofft greifen, dann dürften die Umsätze zumindest nominal auf dem Stand des Vorjahres bleiben.
Und was erwarten Sie von den Handwerksbetrieben?
Kentzler: Dass sie mit in die Hände spucken und zur Wiederbelebung der Wirtschaft beitragen. Das Handwerk muss auf der einen Seite aktiv um Kundenaufträge werben, auf der anderen Seite auch selbst Aufträge erteilen und wenn möglich sogar Investitionen gerade jetzt vorziehen.
Zur Person:
Für sein eigenes Unternehmen in Dortmund hat der gelernte Gas-Wasser-Installateur und Klempner seit gut vier Jahren weniger Zeit als früher. Denn seither vertritt der 67-jährige Westfale als Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks die Interessen der fast fünf Millionen Beschäftigten in den mehr als 900000 deutschen Handwerksbetrieben.
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