Kommentar
„Wir wollten zusammen feiern“ – von Wilhelm Klümper
30.07.2010 | 18:50 Uhr 2010-07-30T18:50:00+0200Im Duisburger Tunnel des Grauens diese Zeilen auf einem großen Blatt Papier: „20 Menschen, 20 Herzen, 20 Seelen, 20 Familien, 20 Wünsche, 20 Raver und 20 Mal das gleiche Ziel: Loveparade in Duisburg. Wir haben überlebt, die 20 nicht. Wir wollten zusammen feiern und nicht um unser Leben kämpfen.“ Das Papier ist ein paar Tage alt. Jetzt haben wir 21 Tote zu beklagen.
Auch meine Familie ist, wie tausend andere, vom Unglück verschont geblieben. Wir leben in Duisburg. Ich hatte meinem 14-jährigen Sohn versprochen, ihn zur Loveparade zu begleiten. Kurz vor dem Tunnel sagte er: „Das ist mir zu voll. Lass uns das lieber zu Hause im Fernsehen anschauen.“ Mir war’s recht und wir machten uns auf den rund zwei Kilometer weiten Heimweg. Die 17-jährige Tochter und der 23-jährige Sohn waren bereits auf eigene Faust zur Loveparade gegangen. Kurz nach 18 Uhr die ersten Meldungen von Toten. Unsere Handyanrufe und SMS bleiben ohne Antwort. Stunden der bangen Ungewissheit. Etwa um 22 Uhr kam der erlösende Anruf: „Uns geht’s gut.“
Der Erleichterung folgt Wut. Wer ist schuldig? Ein Nachbar spricht aus, was wohl die meisten denken: Es müssen jetzt Köpfe rollen. Der Buhmann ist Oberbürgermeister Sauerland, ein Kümmerer und Kumpeltyp, kein Aktenfresser. Der macht auch schon mal frühmorgens Termine im Altenheim, um mit Senioren gemeinsam zu frühstücken. Ein Schulterklopfer, der das Gespräch mit dem Bürger geradezu sucht.
Der Chef der Verwaltung beschäftigt sich nicht mit den Details. Dafür hat er seine Leute, erzählt er. Uns sitzt beim Interview ein gebrochener Mann gegenüber, dem offenbar noch nicht klar ist, dass er sich als Erster Bürger in seiner Stadt Duisburg auf längere Zeit nicht ohne Bodyguards auf die Straße wagen kann.
Plötzlich melden sich viele zu Wort, die vorher gewarnt haben wollen. Vielleicht zu leise. Es hagelt Schuldzuweisungen in alle Richtungen. Der Veranstalter war’s. Oder vielleicht doch auch ein bisschen die Polizei? Die Besserwisser der Republik fällen ihr fernes Urteil. Klar doch, dass eine Stadt wie Duisburg so etwas nicht stemmen kann. Kann ja nur Größenwahn gewesen sein, sich die Loveparade an Land zu ziehen.
Vor einer Woche wollten wir alle doch nur laut zusammen feiern, stolz auf unsere Stadt und das Ruhrgebiet sein. Heute trauern wir leise um die 21 Toten. Es ist entsetzlich. Aber kein Grund, mit dem Finger auf uns zu zeigen.
04:04
Ein schöner Kommentar. Was micht stört, wo sind denn alle anderen aus dem Rathaus. Es muss doch einen Stellvertreter für den OB. Ich empfhinde das Verhalten der Stadt und ihrer Vertreter nach dieser Tragödie emporend. Anwohnerinitiativen übernehmen die Organisation im Tunnel. Sind denn alle abgetaucht? Der Tagesspiegel schreibt: Die Stadt Duisburg hat bis heute keine weltliche Anlaufstelle für Opfer. Das ist erbärmlich. Ich danke auch für Kommentar, da es vielen in Duisburg so ergangen ist wie Ihnen und Ihrer Familie. Es gab selten so eine Tragödie, wo außer der zu beklagenden Toten so viele Menschen mittelbar betroffen sind. Ich hoffe, dass es morgen eine würdige Gedenkfeier geben wird. Dann sind natürlich einige wieder aufgetaucht. Lasst uns die Aufarbeitung nach der Trauerfeier weiterführen. Heute halten wir inne.
00:12
Danke Herr Klümper für Ihre Worte.
Ihre Betroffenheit und ihr Mitgefühl, wie so vieler Menschen aus der Region, die ihre Anteilnahme mit den erschrockenen Angehörigen, die ihre Lieben verloren vereint, denen eine stille Tauer der Vernünftigen zusteht.
Doch anderen, die sich hektisch opportunistisch politisch positionierten, um wie im Wahlkampf zu agieren, erscheinen in beschämend erbärmlicher Niveaulosigkeit völlig demaskiert.
Das Geschrei um die Schuld an der Katastrophe, wird durch die unerträgliche Dummheit der wütenden oder politisch agierenden, nicht der Trauer gerecht, die angebracht sein sollte.