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Wie die rechtsradikalen „Grauen Wölfe“ junge Türken ködern

28.02.2011 | 07:02 Uhr
Die Youtube-Videos der „Grauen Wölfe“ sind mit martialisch anmutenden Bildern unterlegt. Screenshots: Nicole Schlappa

Essen.   Die „Grauen Wölfe“ gewinnen immer mehr Einfluss auf türkische Jugendliche in NRW, warnen Experten. Sie ködern vor allem frustrierte junge Männer. Im Internet verbreiten sie ihre rassistische Propaganda - und gefährden die Integration.

Video
Die nationalistische türkische Organisation der Grauen Wölfe hat in Bochum ein neues Ladenlokal.

Der Bochumer Stadtteil Dahlhausen ist als sozialer Brennpunkt bekannt. Hier leben viele Migranten. Genau das richtige Terrain für die „Grauen Wölfe“. Seit einigen Wochen haben die türkischen Rechtsradikalen in einer ehemaligen Gaststätte ihr Quartier bezogen. Sie besuchen Familien, knüpfen Kontakte in Moscheen und Vereinen. Ihr Werben zielt vor allem auf junge Männer, die enttäuscht sind von der deutschen Gesellschaft. Die Bochumer sind besorgt. Einige haben sich hilfesuchend an die Stadt gewandt, doch die kann nichts tun. Die ungeliebten Nachbarn werden zwar vom Verfassungsschutz beobachtet, doch verboten sind sie nicht.

Rund 70 Vereine der nationalistischen Bewegung mit mehr als 2000 Mitgliedern zählen die Verfassungsschützer in NRW. Beinahe in jeder größeren Stadt gibt es Vereinsheime der Grauen Wölfe. „Ihr Einfluss auf türkische Jugendliche hat deutlich zugenommen“, sagt der Bochumer Erziehungswissenschaftler Kemal Bozay, ein Kenner der Szene. Vor allem in der dritten Generation mache sich zunehmend Perspektivlosigkeit breit. „Die jungen Leute fühlen sich von der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt. Sie suchen nach einer Identität, nach einem Ort, an dem sie wahrgenommen werden“, erklärt Bozay. „Das nutzt die Organisation aus.“

Gefahr für die Integration

Der Gruß der Bewegung symbolisiert einen Wolfskopf.

Die Grauen Wölfe, auch Ülkücü-Bewegung genannt, ködern die Jugendlichen mit einem reichhaltigen Freizeit-Angebot und Gemeinschaftsgefühl. Und ganz nebenbei wird ihnen in Kursen der rassistische Türken-Kult der Organisation eingeimpft. Das Ganze funktioniert nach dem Prinzip: Wir hier drinnen und die da draußen. Mit fatalen Folgen: „Das Erstarken eines übersteigerten türkischen Nationalbewusstseins gibt Anlass zur Sorge, da dies die Integration der Jugendlichen in die Lebens- und Gesellschaftsverhältnisse in Deutschland behindert“, warnen die NRW-Verfassungsschützer in ihrem jüngsten Bericht.

Von einer Integrations-Gefahr spricht auch der SPD-Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel. „Da kommt ein Riesen-Problem auf uns zu. Wenn wir nicht gegensteuern, treiben wir ganze Bugwellen von Jugendlichen in die Arme türkischer Rechtsradikaler.“ Wissenschaftler Bozay und Politiker Yüksel sind sich einig: Die Migranten-Schelte von Thilo Sarrazin und die anschließende Debatte hätten den Grauen Wölfen noch zusätzlichen Auftrieb gegeben.

Gedankengut vergleichbar mit deutschen Neonazis

Auch von den Familien kommt zumeist wenig Widerstand. „Die türkischen Vereine holen die Kinder von der Straße“, sagt Cem Sentürk vom Zentrum für Türkeistudien in Essen. Deshalb sei es den Eltern durchaus angenehmer, wenn die Jugendlichen ihre Zeit im Vereinsheim als anderswo verbringen. Zumal die türkischen Rechten meist höflich und moderat auftreten. Politische Großveranstaltungen seien seltener geworden, sagt Sentürk. Stattdessen habe man sich auf soziales Engagement verlegt. Das mache es den Behörden schwerer, Einblicke zu gewinnen. Auch der Gewalt haben die Grauen Wölfe offiziell abgeschworen.

Doch die Saubermann-Fassade ist unecht. Dahinter verbirgt sich eine Ideologie, die es locker mit dem Gedankengut deutscher Neonazis aufnehmen kann: übersteigerter Nationalismus, Führer-Kult und die Überzeugung, dass die eigene Rasse überlegen ist. Selbst bei den Feindbildern gibt es Gemeinsamkeiten: Deutsche und türkische Rechtsradikale eint der Hass auf Juden und Homosexuelle. Auch der Traum von einem Großreich gibt es bei den Grauen Wölfen: Es soll „Turan“ heißen und sich von Zentralasien bis zum Balkan erstrecken.

Hasserfüllte Propaganda im Internet

Im Internet zeigen die türkischen Rechtsradikalen ihr wahres Gesicht. In Videos, Chats und Blogs werden Kurden, Juden und andere „Feinde“ zur Zielscheibe hasserfüllter und teils hochaggressiver Propaganda, wie eine Untesuchung des NRW-Verfassungsschutzes zeigt. Vor allem Portale wie Youtube und Facebook werden gezielt genutzt. Auf Facebook gibt es verschiedene Gruppenseiten, die jedoch nur auf Empfehlung eines Mitglieds aufgerufen werden können.

Symbole der Bewegung sind die Wolfs-Figur und drei weiße Halbmonde. Der „Graue Wolf“ ist eine Figur aus dem vorislamischen Entstehungs-Mythos der türkischen Stämme.

Vielfach stellen die Jugendlichen auch selbst eigene Videos ins Netz. Darin inszenieren sie sich „als ‚harte Männer’, die – notfalls mit ihrem Leben – die Türkei verteidigen“, schreiben die Verfassungsschützer. „ Die Stimme aus dem Untergrund, man nennt mich auch den grauen Wolf. (...) Wir sind stark wie 1000 Volt. Du willst mich batteln, Du hast einen Fehler gemacht! Und für die sechs in Mathe hab’ ich meinen Lehrer geklatscht. (...) Du willst mein Land beleidigen und ich geb’ Dir den Gnadenstoß“, rapt etwa eine grimmige Stimme, während im Hintergrund Bilder von türkischen Soldaten, Fahnen und anderen National-Symbolen vorbeiziehen.

„Problem unterschätzt“

Das Fazit des NRW-Verfassungsschutzes: „Es ist davon auszugehen, dass sich mittlerweile nicht zuletzt durch das Internet eine eigene Jugendkultur der Ülkücü etabliert hat. Diese Jugendszene scheint sich weiter zu radikalisieren.“ Über das Internet kämen viele Jugendliche zudem erstmals in Kontakt mit der Ideologie der Grauen Wölfe, sagt Bozay. Dieses Gedankengut tragen sie dann in Vereine und Schulen. Immer wieder hätten Lehrer in den vergangenen Jahren über heftige Auseinandersetzungen mit ideologisierten Jugendlichen geklagt.

Doch auch die Erwachsenenwelt ist vor den Grauen Wölfen nicht gefeit. Immer wieder wird davor gewarnt, dass sich türkische Radikale in etablierte deutsche Parteien einschleichen. In NRW sei das Deutsch-Türkische Forum der CDU und vereinzelt auch die SPD von Mitgliedern der Grauen Wölfe infiltriert, klagt Yüksel. „Es ist ihnen zudem gelungen, in erheblichem Maße die Integrationsräte zu unterwandern.“

Aus Unwissenheit werde das Problem in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft und Politik völlig unterschätzt, sagt Yüksel. Auch in der Jugendarbeit und den Schulen gebe es noch keine Konzepte, um den Einfluss der Grauen Wölfe wirksam zu bekämpfen, bestätigt Bozay. „Wenn in der Essener Grugahalle Tausende türkische Rechtsradikale zusammenkommen, machen wir uns keine Sorgen“, sagt Yüksel. „Aber wenn 100 NPD-Mitglieder aufmarschieren, organisieren wir sofort eine Gegendemo.“

Melanie Bergs


Kommentare
28.02.2011
18:08
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28.02.2011
18:00
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28.02.2011
17:39
Wie die rechtsradikalen „Grauen Wölfe“ junge Türken ködern
von Elektrosteiger | #109

„Wenn in der Essener Grugahalle Tausende türkische Rechtsradikale zusammenkommen, machen wir uns keine Sorgen“, sagt Yüksel. „Aber wenn 100 NPD-Mitglieder aufmarschieren, organisieren wir sofort eine Gegendemo.“

Aha, nartürlich sind 1000 türkische Rechtsradikale (gibt es die eigentlich offiziell???) rechnerisch viel, viel weniger als 100 rechtsradikale Deutsche...
Das das aber in D keiner kapiert...

28.02.2011
16:59
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28.02.2011
16:57
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28.02.2011
16:41
Wie die rechtsradikalen „Grauen Wölfe“ junge Türken ködern
von rotrot | #106

Wäre denn das nicht ein Fall für die Antifa, oder gehen die nur auf deutsche Faschos los? Wieviel geld für den Kampf gegen Rechts wird denn für die Bekämpfung dieser Faschisten verwendet. oder sind türkischer Faschismus und Nationalismus etwas Gutes?

28.02.2011
16:17
Wie die rechtsradikalen „Grauen Wölfe“ junge Türken ködern
von stromer1953 | #105

Danke für die Info!

Nur ist es so, das ich Deutscher bin und kein Engländer! :-))

28.02.2011
15:31
Wie die rechtsradikalen „Grauen Wölfe“ junge Türken ködern
von stromer1953 | #104

Eine Frage an die Moderation.

Was bitte heißt Editiert OT?

Ganz normale Frage und vielleicht bitte auch eine Antwort!

28.02.2011
14:49
Wie die rechtsradikalen „Grauen Wölfe“ junge Türken ködern
von prophet-vs | #103

fragt doch mal Herrn Erdogan, was er von den grauen Wölfen hält (nach seinem tollen Auftritt in Düsseldorf) - kein Wunder, dass sich viele Türken von Deutschland abwenden. Allerdings gilt für Deutsche und Türken gemeinsam: Wenn keine Perspektive geschaffen wird, dann sind Tür und Tor offen für radikale Gruppierungen. Allerdings sollte hier eine Gleichbehandlung seitens des Verfassungsschutzes erfolgen. Ich finde Herr Erdogan hat seinen Landsleuten am 27.02.11 geschadet. Nach dieser arroganten Rede möchte ich Ihn am liebsten auffordern Komm nächstes Jahr wieder und nimm Deine integrations-unwilligen Landsleute mit - wir übergeben sie deinem Land und deinen Sozialkassen und bezahlen sehr gerne die Flüge. ... Die glorreiche Türkei sollte dann schnell pleite sein. Und in Deutschland kann das Geld an wirklich Bedürftige gehen.

28.02.2011
14:48
Wie die rechtsradikalen „Grauen Wölfe“ junge Türken ködern
von seiesdrum | #102

Wer die Grauen Wölfe in irgendeiner Hinsicht relativieren und in die Richtung: Migranten-Diskriminierung packen will, muss sich unabhängig von seiner Nationalität fragen lassen, ob er sicher ist, im richtigen Land zu leben.
Eines ist sicher, sollten sich abzeichnende Entwicklungen so weitergehen, wird D eines Tages nicht mehr wiederzuerkennen sein.
Und zwar in Hinblick auf Nationaleinkommen und Sozialstaat.

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