Wie Besucherzahlen geschätzt werden
29.07.2010 | 17:43 Uhr 2010-07-29T17:43:00+0200
Duisburg.Erst war die Rede von 1,4 Millionen Besuchern, dann sollen es insgesamt 300.000 gewesen sein. Dabei sei das Zählen von Besuchern doch „kein Buch mit sieben Siegeln“, sagt Sicherheitsexperte Konhäuser und erklärt, wie Schätzungen funktionieren.
Als noch alles friedlich verlief am vergangenen Samstagnachmittag bei der Loveparade, wurde stolz verkündet: „Heute werden in Duisburg 1,4 Millionen Menschen erwartet.“
Doch schon einen Tag später, als sich die Tragödie der Todesopfer auf der Loveparade wie ein schwarzer Schleier über die Stadt gelegt hatte, wollte diese Angabe niemand mehr bestätigen. Stetig wurden die Besucherzahlen nach unten korrigiert – bis es plötzlich nur noch rund 300.000 Raver gewesen sein sollen. Erstaunlich, dass nun niemand mehr verlässlich sagen kann, wie viele Besucher auf das Gelände am alten Güterbahnhof strömten, wo doch sonst Veranstalter und Polizei nach jeder Großveranstaltung sofort die Gesamtzahl parat haben.
Besucherschätzungen sind „kein Buch mit sieben Siegeln“
Nach neuesten Informationen der WAZ-Mediengruppe sollen sich gegen 14 Uhr zwischen 60.000 und 70.000 Menschen auf dem Gelände aufgehalten haben. Gegen 18 Uhr seien es 160.000 Besucher gewesen, bestätigte Dirk Oberhagemann, Katastrophenforscher im Auftrag der Bundesregierung.
„Wie man die Zahl der Besucher schätzt, ist doch kein Buch mit sieben Siegeln“, wundert sich Henryk Konhäuser, Geschäftsführer der Rendsburger Risikoberatungsgesellschaft ascopert über die schwankenden Besucherangaben. Das gängigste Verfahren, Gäste zu zählen, sei zu prüfen, wie viele Menschen sich auf einem Quadratmeter befinden, erklärt Konhäuser. Das Ergebnis wird dann mit der Gesamtfläche des Geländes multipliziert. Noch genauere Angaben zur Besucherzahl liefern Helikopter-Aufnahmen. „Damit kann bereits während der laufenden Veranstaltung im Detail geklärt werden, wo es sich dichter staut und wo noch Platz ist“, sagt Konhäuser.
Entspannt sei es für die Besucher, wenn auf einem Quadratmeter nicht mehr als zwei Menschen Platz fänden. „Das ist eine lockere Beflockung bei Musikveranstaltungen. Jeder Veranstaltungsgast kann noch tanzen.“ Richtig eng werde es da bei vier Leuten. „Hier müssten alle gleichzeitig die Arme hochreißen, um genügend Platz zu haben“, sagt Konhäuser.
Raver Count zählt Loveparade-Besucher
Eine weitere Möglichkeit, Besucherzahlen zu ermitteln, sei, die Getränkeumsätze hochzurechnen. Dies eigne sich aber nur, wenn keine eigenen Flüssigkeiten mitgebracht würden. „Bei der Loveparade in Berlin etwa, wo viele Raver Bierkästen im Tiergarten abgestellt hatten, helfen solche Schätzungen natürlich nicht.“
Einer, der sich nicht wie Henryk Konhäuser bloß über die widersprüchlichen Besucherzahlen wundert, sondern regelrecht wütend darüber ist, ist Sven Jansen. Bereits am vergangenen Sonntag wurde der Erkrather selbst aktiv und hat die Internetseite www.loveparaderavercount.de freigeschaltet. Dort können sich Besucher der Loveparade per Mausklick zählen lassen. Knapp 113.000 Menschen haben dies bereits getan. Jeder User kann auch nur einmal klicken. Jedenfalls, solange er sich von demselben Computer mit derselben IP-Adresse anmeldet. Freilich ist die Aussagekraft des Raver Counts zweifelhaft und vor Gericht nicht verwendbar. Niemand kann nachprüfen, ob alle, die geklickt haben, auch auf der Loveparade gewesen sind.
18:54
Dass die Zahlen der Loveparade (wie bei den meisten Großveranstaltungen dieser Art) hoffnungslos übertrieben sind zeigt schon ganz einfach der Vergleich mit Fotos von Veranstaltungen, bei denen die Teilnehmer gezählt sind.
Beispiel: Berlin Marathon - Die 40.000 Läufer füllen einen großen Teil der Strecke zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule - hinzu kommen noch viele Zuschauer am Straßenrand. Die Läufer müssen in mehreren Wellen starten, damit die ganze Masse überhaupt halbwegs in Bewegung kommt. Das ganze gibt eindrucksvolle Luftbilder. Vergleicht man jetzt die Bilder vom Marathon mit den Bildern von der Loveparade ist natürlich klar, dass es bei der Loveparade natürlich mehr Besucher waren - aber 30x so viele (= 1,2 Millionen) wie 2006 behauptet? Nie und nimmer!!
12:57
@8 jetzt wurde der Link bereits geändert ;)
10:32
Man muss bei Ereignissen, bei denen Besucher den Tag über kommen und gehen, auch noch die zu einem bestimmten Zeitpunkt festgestellten Besucher (ich habs bei einem kleineren Ereignis gemacht, indem ich die parkenden Autos gezählt und mit der Anzahl der durchschnittlichen Insassen multipliziert habe) anhand der Verweildauer hochrechnen. Beispiel 8 Stunden Gesamt-Ereignis, in meinem Fall konnte man die erste und die letzte Stunde streichen, weil zögerlich angelaufen und bis zuletzt waren nur noch eine Handvoll Besucher zu sehen, bleiben 6 Stunden, und bei einer Umfrage von 100 willkürlich herausgegriffenen Leuten wurden sie befragt, wieviel Stunden sie geblieben waren und zu wievielt sie im Auto saßen.
20000 Leute anwesend, zwei Stunden im Schnitt, 6 Stunden zählten, Gesamtzahl also 60.000. Wenn man die Zahl der Köpfe auf den Luftaufnahmen der Love Parade zählt oder auch nur die Quadratmeter mal geschätzter Personenzahl pro Quadratmeter, fehlt bei den Hochrechnungen für die Love Parade noch die Verweildauer und man hätte realistische Zahlen.
09:13
@1 man wird nicht direkt gezählt man muss wenn man sich auf der Seite befindet nochmal nen link anklicken.
09:11
Platzwahl und Zulässigkeit
Der Veranstaltungsplatz war nicht erprobt. Nach seiner Lage handelt es sich um einen abgeschlossenen Bereich mit besonderen Gefährdungen durch die umgebende Verkehrsführung sowohl für Teilnehmer als auch für die Nutzer der Verkehrsmittel. Das Genehmigungsverfahren ist in seiner Begründung der Platzwahl zu prüfen. In der Auswahl müssen alternative Plätze hinsichtlich der Eignung abgewogen worden sein. Mit dem Fehlen geeigneter Plätze wie Sportstadien, Festwiesen wäre auf die Nicht Bereitstellbarkeit zu verweisen gewesen. Wann ist nun mit der Entrichtung einer Gebühr die Genehmigung des Bevollmächtigten der Stadt Duisburg gegenseitig vollzogen worden? Handelte es sich um einen mehrseitig durch Einhalten von Form und Maßstäben rechtswirksamen Vertrag oder wurde unvollständig mit einer autoritären Handlung der Betrieb auf ungeeignetem Platz veranlasst ohne letztlich genehmigt zu sein.
War der Betrieb nach allen für eine Genehmigung erforderlichen Aspekten zugelassen oder leiste eine UNTERSCHRIFT IN LETZTER MINUTE Deckung für ein nicht genehmigungsfähiges Vorhaben?
08:52
Wenn die Zahl der Besucher nur bei 350000 lag, wäre es ja noch schlimmer gekommen, wenn es 1.5 Millionen gewesen wären.
Selbst be Zugrundelegung der revidierten Zahl von Dortmund, 800.000, wäre das Konzept aus allen Nähten geplatzt, mit gefährlichem Gedränge an den zahlreichen Sperren. Wenn dann die letzte Sperre überrant worden wäre, wäre es an der Rampe und auf dem Gelände zu unhaltbaren Zuständen gekommen. Im Grunde genommen, so zynisch das jetzt auch klingt, haben die Verantwortlichen also noch sehr viel Glück im Unglück gehabt daß die LP 2010 nicht so attraktiv wie die Vorgängerveranstltungen war. Es hätte noch sehr viel schlimmer kommen können!
08:47
Ich bin immer noch etwas skeptisch, denn die Schätzung über die Quadratmeter läßt außer acht, das die Verteilung völlig inhomogen war. Um die Floats herum und bei den Bühnen war sicher das größte Gedränge (mal abgesehen von der Rampe), und in den Bereichen am Zaun die wenigsten Leute. Welchen Quadratmeter will man da für die Schätzung zu Grunde legen? Ganz so einfach gehts nicht, und ich schätze mal, daß die Profis da schon etwas komplizierter und genauer arbeiten. Die Angabe von 160.000 scheint immerhin im richtigen Bereich zu liegen, wenn man die Luftbildaufnahmen betrachtet.
Das würde bedeuten, noch sicherer Platz für 90.000 Leute! Wenn man das bedenkt, wird das Versagen des Veranstalters, für eine bessere Verteilung, und insbesondere für die Auflösung der Blockade am Rampenkopf zu sorgen, noch eindeutiger. Eine Schande.
08:19
Der Witz ist ja, dass jeder der Verantwortlichen (Veranstalter, Stadtverwaltung usw.) mit realistischen Zahlen gerechnet haben (ca. 300.000-400.000), so wie es in Essen und Dortmund in Wirklichkeit auch war. Alle anderen Zahlen sind, wie längst zugegeben, PR des Veranstalters. Und der hat sehr nachdrücklich drum gebeten, die echten Zahlen geheim zu halten. Peinlich wirds jetzt, wo vor der Katastrophe so hohe Zahlen verkündet worden sind, und dafür gar keine Genehmigung vorlag.
Realistische Schätzungen beim Stilleben A40 liegen auch bei ca. 1-1,5 Mio., und nicht 3 Mio, wie offiziell verkündet.
Die Öffentlichkeit wird regelmäßig verar.. äh veralbert.
08:15
@2
nicht je mehr menschen desto schlimmer.
das unglück geschah an einer ecke - dreißig meter weiter gings schon wieder.
hätte es die tunnel-situation nicht gegeben, es währe vielleicht gar nix passiert.
das veranstaltungskonzept wird im übrigen von gerichten bewertet werden.
00:54
Wenn die Zahl der Besucher nur bei 350000 lag, wäre es ja noch schlimmer gekommen, wenn es 1.5 Millionen gewesen wären. Das heisst das Veranstaltungskonzept war so etwas von unprofessionell, das es schon kriminell ist.