Wenn die Partnerin völlig ausgebrannt und depressiv ist
01.04.2010 | 10:10 Uhr 2010-04-01T10:10:27+0200
Essen.Immer mehr Studenten leiden unter Burn-Out. Der Partner weiß oft nicht, wie er reagieren soll. Jede Äußerung von ihm kann eine Explosion auslösen. Hinzu kommen Schuldgefühle: Ist er Ursache für die Depression seiner Partnerin? Paartherapeut Slobodian gibt Rat.
Meine Partnerin ist Studentin aus Ägypten und lebt in Münster. Dort muss sie für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen, da Nicht-EU-Studenten keinerlei Hilfen wie BAFöG beantragen können. Für ihren Lebensunterhalt arbeitet sie neben dem Studium noch im Schichtbetrieb. Das macht sie seit Jahren, und wir kennen uns seit zirka zwei Jahren.
Seit einiger Zeit klagt meine Partnerin über Schlaflosigkeit, andauernde Müdigkeit, Rückenprobleme, Kopfschmerzen und Migräneattacken. Entscheidungsschwierigkeiten in banalen Dingen des Alltags hielt ich lange für eine süße Charaktereigenschaft von ihr. Das Studium lief in letzter Zeit auch nicht wie gewünscht. Dazu kommen dauerhafte Geldsorgen. Ich wohne im Ruhrgebiet, so dass wir oft nur per Telefon Kontakt halten und uns auch mal einige Wochen nicht sehen können.
Erst haben wir angefangen, uns immer häufiger am Telefon zu streiten, obwohl bei persönlichen Treffen alles - abgesehen von üblichen Kleinigkeiten - sehr harmonisch war. Mir kamen die Gründe eher nichtig vor, so dass ich vor etwas mehr als zwei Wochen noch von einer gemeinsamen Zukunft ausging und zu diesem Anlass schon Angebote suchte. Parallel ging es ihr in Münster sehr schlecht, sie erzählte mir von Herzrasen und einem Zustand wie bei einem Kreislaufzusammenbruch. Sie wollte jedoch nicht, dass ich zu ihr fahre. Am Wochenende arbeitete sie wieder durchgehend bis weit nach Mitternacht und bei kurzen Telefonaten an jenem Wochenende wirkte sie unterkühlt.
Bis sie am Dienstag darauf nach mehrmaligem Nachfragen zugab, nichts mehr zu fühlen, keine Gefühle mehr für mich zu haben und zusätzlich ihre komplette Umwelt, sogar Möbelstücke, zu hassen. Sie nehme alles als Stress wahr, auch mich und meine Aussagen und Wünsche am Telefon, die in der Vergangenheit immer häufiger zum Streit führten. Sie fühle sich durch alles, auch und besonders durch mich überfordert.
Als sie nach einem banalen Streit explodierte, dass ich sie wieder (ständig) kritisiert hätte, kam ich zu der Überzeugung, dass irgendetwas nicht stimmen konnte, und suchte nach Symptomen dieser Art im Internet und stolperte sehr schnell über „Burn Out“. Ich druckte einige der Texte aus und gab ihr Links darüber. In mir gegenüber „gutgelaunten“ Momenten hat sie diese Dinge gelesen und sich in diesen Beschreibungen sehr stark wiedererkannt. Selbsttests im Internet, die sie ehrlich und spontan ausfüllte, in welcher sie auch das Gefühl von Haltlosigkeit und Depression bejahte, was mich erschreckt hat, stuften sie jeweils unabhängig in die am stärksten ausgeprägten Bereiche ein.
In anderen Momenten hält sie mir dann am Telefon wiederum vor, dass ich das Einzige wäre, was sie krank machen würde. Und wenn wir uns nicht sehen, ginge es ihr erheblich besser. Folglich sei alles in Ordnung mit ihr, die einzige Belastung sei ich.
Ich bin jedoch eigentlich der Meinung, dass ich nicht der auslösende Grund sein kann, denn sonst würde sie nicht, wenn sie bei mir wäre, besonders gut schlafen können und nach einigen Stunden bei mir wieder in einem „normalen“ entspannteren Zustand sein. Trotzdem habe ich langsam auch Schuldgefühle deswegen und hinterfrage mich, ob ich einen großen Anteil daran habe, dass die Person, die ich liebe, durch mich Schaden nimmt.
Nun wird sie für zwei Wochen in die Heimat fahren. Vermutlich werden dort die Symptome nach wenigen Tagen geringer werden und wenn sie zurück kommt, wird sie erst nicht die Notwendigkeit sehen, gegen ihren Zustand etwas zu tun oder vielleicht sogar eine Bestätigung darin sehen, dass es ihr ohne mich besser geht. Für Lösungsansätze bin ich dankbar. - Christian H. (30), ledig, keine Kinder
55 Jahre alt, Diplom-Sozialpädagoge, Mediator, Ausbildung in Integrativer Therapie/Psychotherapie am Fritz-Perls-Institut .
Seine Beratungsschwerpunkte im AWO-Beratungszentrum sind Umgang mit Sexualität, sexuelle Störungen, Paarberatung und –therapie.
Zu erreichen ist er unter 0201-31053 oder unter loreagneshaus@awo-niederrhein.de . Weitere Infos unter www.lore-agnes-haus.de
Die Antwort von Paartherapeut Rudolf Slobodian:
Danke für Ihr Vertrauen . Es ist gut, dass Sie sich so für Ihre Partnerin engagieren.
Natürlich ist es schwer, über Umwege genau zu diagnostizieren. Es scheint aber so, dass Sie mit Ihrer Vermutung, Ihre Partnerin sei ausgebrannt, gedanklich auf dem richtigen Weg sind. Für das Burnout-Syndrom gibt es keine einheitliche Definition, ebenso keine einheitlichen diagnostischen Kriterien. Trotzdem kann man sagen, dass ein Mensch, der mit Engagement versucht, sein Leben zu verwirklichen, d.h. für seine Sache „brennt“, im Laufe der Zeit und mit wachsenden Schwierigkeiten, die schwer oder nicht zu bewältigen sind, auf unterschiedlichen Ebenen in Gefahr gerät, „auszubrennen“.
Ihre Partnerin hatte sich mit viel Elan zu einem Studium auf einem anderen Kontinent, in einem ihr fremden Land entschlossen. Weit weg von stützenden familiären Strukturen und gewohnten Bezugspersonen gestaltet sie ihr Leben und sorgt neben dem Studium für ihren Lebensunterhalt durch eine Arbeit im Schichtdienst. Das fordert ein Höchstmaß an Disziplin, Leistungsfähigkeit und emotionalem Engagement. Wenn es dazu keinen angemessenen Ausgleich zur Erholung und Ressourcenbildung gibt, dann geht so ein Leben sowohl körperlich als auch seelisch an die Substanz. Das hat Auswirkungen auf alle Bereiche, da es irgendwann zu einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen kommt, die es dem Menschen kaum noch möglich macht, z.B. Schönes oder Angenehmes angemessen wahrzunehmen und entsprechend emotional darauf zu reagieren.
In der Folge spürt man auch den Stolz auf die eigene Leistung nicht mehr, das Selbstwertgefühl sinkt. Das ist besonders für Menschen, die unabhängig sein wollen oder müssen, tragisch und mit Scham behaftet. Für Sie als Partner bedeutet das, diese kritische Situation erst einmal zu verstehen. Wenn Sie versuchen, sie eigenmächtig zu „retten“, wird die Scham Ihrer Partnerin über das empfundene eigene Versagen größer. Zwangsläufig muss sie vehement dagegen halten. Als Beziehungspartner sind Sie nicht nur jemand, der stützt und fördert, Sie sind auch jemand, der zumindest emotional fordert. Auch das ist irgendwann Bestandteil der empfundenen Überlastung.
Ihre Chance besteht darin, ihr so viel wie möglich Stress zu nehmen. Sie können ihr Angebote machen, immer auf dem Hintergrund, dass Sie ihr deutlich machen, dass sie etwas Besonderes ist, sie viel geleistet hat und Sie stolz auf Ihre Partnerin sind. Das gibt Ihnen in stressfreien Situationen die Möglichkeit, ihr eine Beratung zu empfehlen. Es muss ihr überlassen bleiben, ob sie die Empfehlung annimmt oder nicht. Ob Sie dann als Unterstützung daran teilnehmen können, entscheidet Ihre Partnerin. Achten Sie bei jeder Empfehlung, bei jedem Angebot darauf, sie nicht in ihrem Selbstwert zu kränken. Fragen Sie sie, was sie braucht oder gerne hätte von Ihnen.
Burnout geht nicht von heute auf morgen weg. Es braucht geraume Zeit, sowohl mit als auch ohne professionelle Unterstützung. Wenn Ihre Partnerin sich auf Beratung oder Therapie einlassen kann, rechnen Sie nicht mit zwei oder drei Monaten, sondern eher mit einem Jahr, bis sie sich wieder davon erholt hat. Ob Sie das aushalten können oder wollen, müssen Sie entscheiden. Ich empfehle Ihnen, immer wieder darauf zu achten, dass Sie selbst sich angemessene Erholungszeiten zugestehen, sonst geht Ihre Liebe in der Stressbelastung unter.
Hilfe erhalten Sie bei der Zentralen Studienberatung in Münster. Dort wird auch die Kostenfrage geklärt, falls es zu einer Therapie außerhalb der Studienberatung kommt.
Zentrale Studienberatung: Dipl.-Psych Volker Koscielny
Schlossplatz 5
48143 Münster
0251-8322082
Email: Volker.Koscielny@uni-muenster.de
Haben Sie auch eine Frage an einen unserer Paartherapeuten? Dann schicken Sie eine Mail an partnerschaft@derwesten.de
21:56
@20
nichts gegen mallorca-spanisch; da lass ich nichts drauf kommen.
naja, sie werden schon ihren weg gehen. sie scheinen zumindest nicht auf den kopf gefallen zu sein, wie so manch ein anderer schreiberling hier.
20:05
Die soziale Kompetenz, so kann ich mir selbstsicher eingestehen, liegt mir.
Wenn ich auch sehe, dass manche es als soziale Kompetenz ansehen, wenn sie mit ihrem Ritalin-Dealer auf Du sind.
Die sog. Soft-Skills werden bei uns neben den VLen in Seminaren nähergebracht. Wer da kein Einverständniss hat, nicht in Gruppen arbeiten kann, Autorität mit Arroganz verwechselt, der kann wohl nur noch mittels überragender Noten im Keller arbeiten.
Meine persönl. Vorteile sind neben der hier schon angesprochenen Belastbarkeit und des Verständniss für diejenigen, die damit an ihre Grenzen kommen auch noch meine Kulturkompetenz samt mehrfacher Sprachenkenntnisse. Und damit meine ich nicht BBC-Englisch und Mallorca-Spanisch (wobei die Regionalsprache eher dem Katalanischem ähnelt).
Aber Danke für Ihren Hinweis, einen außenstehenden Eindruck über die Ansichten meines Professors hatte ich sowiso schon gesucht :)
Grüße
17:39
@gla
Verstehen Sie mich nicht falsch. Es geht auch weniger! Nur, Zitat mein Prof: Wer nicht alle drei Jahre befördert wird, ist ein Versager ...
dann darf sich ihr prof. ja auch zu den selbigen zählen.
außerdem ist es höchst naiv zu glauben, dass man führungspositionen in unternehmen nur aufgrund guter noten erreichen könnte. gute noten helfen ihnen da herzlich wenig wenn es an charakterstärke autoritärer ausstrahlung und sozialer kompetenz fehlt. das sind die wesentlichen faktoren, die man leider nur bedingt oder gar nicht erlernen kann.
09:00
Wenn die Partnerin völlig ausgebrannt und depressiv ist... - dann sollte sie Heidi Klum fragen.
04:12
9 Stunden Schlaf?
Wer kann denn in welcher Branche sich in dieser Zeit überhaupt noch 9 Stunden Schlaf leisten?
Was das Verstehen statt Auswendiglernen angeht, glaube ich schon, dass ich meine zusätzlichen Stunden in das Verstehen investiere. Was (!) allerdings anscheinend nicht mehr vom Staat verlangt wird, BA/MA sei Dank.
Es geht darum, sein Studium in der Regelstudienzeit zu absolvieren, das bedeute dann in meinem Fall mind. 22 Leistungspunkte pro Semester zu erlangen. Nach den üblichen Regeln heisst das im derzeitigem Semester 33 Vorlesungsstunden abarbeiten + eigentlich (!) nochmal die gleiche Zeit Zuhause dafür üben.
Soviel zum Verstehen.
Ich mach gesundheitshalber bei 50 Stunden aber Schluss und lern wie alle anderen dann noch mal in der Prüfungsphase doppelt und dreifach.
Dann noch Arbeiten. Man muss ja seinen Lebensunterhalt minimal verdienen.
Darf ich fragen, was daran ineffizient ist?
Wenn man es gerade noch schafft, trotz eigentlich verlangter 60 Stunden (33*2 = 66 sogar) 50 Stunden zu brauchen, um die von der Wirtschaft verlangte Leistungswerte zu erreichen, frage ich mich echt, was daran als nicht effizient gemeint werden kann.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Es geht auch weniger! Nur, Zitat mein Prof: Wer nicht alle drei Jahre befördert wird, ist ein Versager ...
Abgesehen, dass das vlt. ein bisschen hart klingt, aber die vorherige Rechnung wird Ihnen jeder Student bestätigen. 9 Stunden Schlaf hat da kein ernsthafter Student mehr, der sein Studium in der Regelstudienzeit erreichen muss!
Grüße vom mittlerweile zur Schlaftablette greifenden Studenten (Gott sei Dank fällt die erste VL aus..)
23:38
@gla
sie tun mir wahnsinnig leid. gott behüte sie wenn sie erst einmal ins berufsleben wechseln.
sie lernen anscheind nicht effizient. verstehen, statt auswendiglernen ist angesagt, dann klappts auch mit den 9 stunden schlaf.
21:47
Also wenn hier einer nochmal schreibt, Studenten haben sich ihren Burn-Out selber zuzuschreiben, dann raßte ich gleich stressbedingt aus.
Ich habe selber letztens einem Kollegen über die Schulter geschaut, wie er über seine IHK-Prüfung meckerte, wie schwer das sei. Für mich sah das nach nicht mal eine halbe meiner Uni-Klausuren aus.
Während man Praktika kostenlos durchzuführen muss, nebenbei noch mind. für 400 Euro arbeiten, mehr als 50 Stunden/ Woche für die Uni arbeiten... das alles kann sehr wohl schon belasten. Ein Grund mehr, warum ich mir freiwillig eine Beziehung nicht antuhe. Nebenbei merke ich allerdings auch, dass ich viele meine Freunde vlt. einmal im Monat sehe und ich schon deutlich unter Schlafstörungen leide....
Aber die Leute wollen mir mit ihren 40 Stundenwochen kommen + evtl. 10 zusätzlichen Stunden und dann sagen, Studis sind verweichlicht??
Ich kann nur sagen, dass ich, wenn ich gut plane, täglich max 5 1/2 Stunden Schlaf finde, Wochenende eingeschlossen, weil ich da noch Arbeiten muss. Also körperliche Anspannung 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag...
Es regt mich einfach nur auf, wie manche arrogant alle über einen Kamm scheren.. solche Leute halte ich nicht mal für ehemalige Studenten... denn die lernen Denken.
18:45
Hier wird die übliche Definition von Burn out widergegeben, da sie in das gesellschaftlich geprägte Sozialstaatsdenken passt. Wer mit Spezialisten spricht wird schnell erfahren, dass die meisten der sog. Burn-out-Patienten zumeist in ihrem Job überfordert sind. Würden diese Menschen es schaffen, eine Stufe unter dem aktuellen Level ihrer Beschäftigung zu arbeiten (leichtere Arbeit, weil z.B. weniger Verantwortung), dann würde sich das Burn out in relativ kurzer Zeit fast von selbst heilen. Leider steht diesen einfachen Vorgängen die Angst vor dem Verlust gesellschaftlicher Anerkennung und materieller Werte entgegen. Diesen Prozess kann man genauso auf jeden Schüler oder Studenten übertragen. Die Kriterien der Überforderung wirken gleich.
16:16
@11 Sie haben bestimmt Recht,früher waren die Studienbedingungen besser,man bezahlte einen
Betrag zur Rückmeldung ein und die Kv.Heute ist alles viel teuerer und man muß sich quasi wenn
man keine reichen Eltern hat während des Studiums ganz schön verschulden.Das dann natürlich Stress
entsteht ist nicht verwunderlich!Der Student muß sich ja auch immer die Frage stellen was
passiert wenn er versagt!
15:20
@11
Vielleicht sollte man Studenten darüber aufklären, dass sie trotz im Studium real existierender Armut, im Vergleich zu allen anderen Teilen der Gesellschaft, die größten Chancen haben, diese Armut nach dem Studium zu überwinden.
vllt sollte man den studenten auch noch sagen, dass die welt rund ist, und man sich die socken vor den schuhen anziehen sollte.
jemand, der nicht völlig banabe ist der weiss soetwas wohl selbst.