Wechselkunden machen Druck auf Stromriesen
16.02.2010 | 07:46 Uhr 2010-02-16T07:46:00+0100
Essen.Beim Strom gucken die Kunden aufs Geld - und sind durchaus bereit zum Wechsel, wenn die Konkurrenz günstigere Tarife anbietet. Das ergibt eine aktuelle Studie. Billigstromanbieter wachsen also und auch die Ökostrombranche wittert Morgenluft.
Die jüngsten Strompreiserhöhungen haben die vier großen Energieversorger in eine Vertrauenskrise gestürzt. Jeder zweite Kunde von RWE, Eon, EnBW oder Vattenfall schwankt oder ist bereit, den Anbieter zu wechseln. Das ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Infratest. Befragt wurden 1000 Privathaushalte.
Der Preis zählt
Die Marktforscher raten den Konzernstrategen: Wer bei der Image- und Kundenpflege schludert, den bestraft der Markt. Denn so wechselfaul, wie gerne behauptet, ist der deutsche Stromverbraucher gar nicht, sagt Infratest-Mitarbeiter Apostolos Apergis.
Auch mit der Kundentreue, über die sich etwa die Autobranche freut, scheint es bei Stromverbrauchern nicht weit her zu sein. Laut Infratest haben in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 20 Prozent der Privathaushalte ihren Energielieferanten gekündigt. Generell hält es über die Hälfte der Befragten für unwichtig, von welchem Anbieter sie Strom beziehen. „Was zählt, ist der Preis“, sagt Apergis.
Die vier großen Stromkonzerne sind zugleich die großen Verlierer. Danach verloren RWE, Eon & Co in den vergangenen zwei Jahren Stammkunden vor allem an kleine überregionale Versorger, die mit Billigtarifen locken, sowie an die Anbieter von Ökostrom wie etwa Lichtblick oder Naturstrom. Beide Versorgergruppen, also Billig- und Ökostromanbieter, beliefern nur 15 Prozent der Stromkunden in Deutschland. Doch sie sind die einzigen, die in den vergangenen zwei Jahren einen Nettozuwachs an Kunden aufweisen konnten.
Blick aufs Geld
Ökologische Kriterien spielen bei der Mehrzahl der Kunden eine eher untergeordnete Rolle. Zwar geben fast alle Befragten (92 Prozent) an, dass es für sie wichtig sei, aus welcher Quelle der Strom erzeugt werde. Doch für zwei Drittel war der maßgebliche Grund des Lieferantenwechsels die Aussicht, dadurch Geld zu sparen. Eine echte Glaubensfrage ist dagegen die Atomenergie: 50 Prozent lehnen einen Tarif ab, der Kernenergie enthält. 48 Prozent stören sich daran nicht.
Ökostromkunden indes wechseln aus Überzeugung, weniger aus Kostengründen. „In dieser Versorgergruppe steckt noch viel Potenzial, dort sind zugleich die treuesten Kunden“, sagt Apergis. Billigstromanbietern prophezeit er eine hohe Fluktuation: „Viele Kunden hüpfen von einem günstigen Tarif zum nächsten.“ Doch Sorgen müssten sich vor allem die großen überregionalen Anbieter sowie Stadtwerke machen. Denn sie haben mit dem Vertrauen auch die Kundenbindung eingebüßt, folgert Infratest.
Die Bundesnetzagentur sieht die Stromverbraucher in Deutschland dennoch immer noch als Wechselmuffel. 2008 hätten 2,1 Millionen Privatkunden den Lieferanten gewechselt, das sind fünf Prozent der Haushalte. 2006 seien es gerade einmal rund 680 000 Kündigungen gewesen, 2007 schon 1,47 Millionen.
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