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Schach

Der sensible Großmeister

Sport, 14.01.2009, Thomas Lelgemann
Essen. Sebastian Siebrecht ist nicht der stärkste, aber mit 2,02 Metern der längste Großmeister der Welt. Der Essener ist ein Lebenskünstler, der in acht europäischen Ligen spielt und auch als Weihnachtsmann gefragt ist.

„Puuh”, sagt Sebastian Siebrecht und blickt nachdenklich zur Decke, „das ist gleich zu Beginn des Gesprächs wirklich eine schwierige Frage. Was ist mein Beruf? Event-Manager, Schachtrainer, Schachprofi. Von allem ein bisschen. Meine Mission ist Schach. Ich lebe Schach.”

Und das sieht dann zum Beispiel in den nächsten Tagen so aus: Am Wochenende spielt er für Eupen in der 1. belgischen Liga, nach einem Tag in Essen fliegt der 35-Jährige nach Graz. Fünf Tage in Österreich mit vier Partien in der dortigen 1. Liga, dann wieder ab nach Hause, wo er mit seinem Heimatverein SF Katernberg in der Bundesliga vor zwei schweren Spielen steht.

Damit nicht genug, Sebastian Siebrecht sitzt in weiteren fünf europäischen Ligen am Brett. Für Apeldoorn in den Niederlanden, für Differdange in Luxemburg, für Cannes in Frankreich, für Mallorca in Spanien und für Thessaloniki in Griechenland. So etwas ist nur im Schach möglich, weil die Ligaspiele nur an bestimmten Wochenenden stattfinden.

Siebrecht vertraut seiner Intuition

"Ich setze auf meine Intuition", sagt der Essener Großmeister Sebastian Siebrecht. (Foto: WAZ, Michael Gohl) (Michael Gohl)
"Ich setze auf meine Intuition", sagt der Essener Großmeister Sebastian Siebrecht. (Foto: WAZ, Michael Gohl)

Acht Klubs in acht Ligen, Sebastian Siebrecht ist ein Vielspieler. Er selbst nennt sich Schach-Romantiker, weil er nicht wie die meisten Schach-Asse nächtelang vor dem Computer sitzt, um mit Hilfe der künstlichen Intelligenz eine neue Variante im 17. Zug zu entdecken. „Ich setze auf meine Intuition”, sagt der Essener, „ich liebe es, meine Gegner vor Probleme zu stellen, mit denen sie nicht gerechnet haben.”

Und weil er ein so kreativer Kopf ist, zaubert er auch oft ein richtiges Kunstwerk auf das Brett. Wie bei den deutschen Titelkämpfen 2000 und 2008, als er mit dem Schönheitspreis ausgezeichnet wurde. Wohl gemerkt nicht, weil er ein so stattlicher Kerl ist, sondern weil er seine Gegner mit Zügen überraschte. Wie aus einem Guss, mit ausgeklügelten Kombinationen.

Seit November 2008 trägt Sebastian Siebrecht den höchsten Titel, den ein Schachspieler erreichen kann. Jetzt darf er sich Großmeister nennen, jetzt gehört er zum Hochadel des königlichen Spiels. Und Sebastian Siebrecht wäre nicht Sebastian Siebrecht, wenn er nicht sofort einen markigen Spruch parat hätte: „Ich bin zwar nicht der stärkste, aber der längste Großmeister.” In der Spalte Größe steht auf seinem Personalausweis: 202 Zentimeter.

"Ich spiele Schach - und das dort, wo es mir gefällt"

Seine Länge macht dem Globetrotter in manchem Hotelbett zu schaffen. Wenn er nicht gerade in einer der acht Ligen über schwierigen Stellungen brütet, dann spielt er bei Turnieren. So hat er die Welt gesehen: Kuba, Usbekistan, die Vereinigten Arabischen Emirate, und, und, und. Reich wird ein Schachprofi nicht. „Es reicht für die Spesen”, sagt er, „ich verbinde das Angenehme mit dem Angenehmen. Ich spiele Schach - und das dort, wo es mir gefällt. In den Bergen, am Meer.”

Nur im Dezember zieht es Siebrecht nicht in die Welt. Da wird aus dem Großmeister ein Weihnachtsmann. Dann nimmt er aus seinem Schrank eines seiner 80 Kostüme und macht Kinder glücklich. „Das hat mal mit einem Job als Student angefangen”, erzählt er, „jetzt werde ich vor Weihnachten für 50 Auftritte gebucht. In Familien, bei Firmen. Ich liebe das Funkeln in den Kinderaugen.”

Mit 35 steht Siebrecht an einer Kreuzung des Lebens. Soll er es versuchen, von der erweiterten deutschen Spitze in die Weltklasse zu gelangen? Oder soll er lieber Plan B in Angriff nehmen?

Eine Schach-Akademie im Ruhrgebiet?

Siebrecht schwankt: „Ich könnte mir vorstellen, mit Hilfe von Sponsoren im Ruhrgebiet eine Schach-Akademie zu gründen. Schach ist für Kinder und Jugendliche ideal. Man kann keine Züge zurücknehmen. Du lernst, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.”

Die Arbeit mit Kindern macht ihm Spaß. Als Weihnachtsmann, als Schachlehrer. Als Vater sähe er sich auch sehr gern. „Aber welche Frau bleibt bei mir”, fragt er sich, „ich bin ja immer unterwegs. Und wenn eine Freundin mit zu Turnieren gefahren ist, hat sie irgendwann gesagt, entweder spielst du Schach oder wir machen Urlaub.” Irgendwann muss er im Leben das tun, was er im Schach gelernt hat. Entscheiden, Verantwortung übernehmen.

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