Islamexperte warnt Schalke vor Eskalation
S04, 04.08.2009, Jürgen Polzin und Rusen Tayfur
Klar ist hier Fußball Religion. Und klar, natürlich hatte man auch schon mal gewitzelt, dass keiner an Gott vorbeikomme, außer Stan Libuda. Doch dieser Ärger um eine Zeile, die seit Jahrzehnten gesungen wird, macht den Fußball-Bundesligisten Schalke 04 zunächst einmal sprachlos.
Wüste Beschimpfungen treffen auf der Geschäftsstelle in Gelsenkirchen ein, seit das Thema im Internet hochgekocht ist. In hunderten Mails fordern mutmaßlich strenggläubige Muslime, dass die angeblich islamfeindliche Passage aus dem Vereinslied gestrichen werden soll: „Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht.” Der Klub schweigt.
Erinnerungen an den Karikaturenstreit
Jochen Hippler, Islamwissenschaftler am Institut für Frieden und Entwicklung der Universität Duisburg-Essen, warnt davor, den Vorgang als Sommertheater zu unterschätzen. „Entscheidend ist nicht allein, wie die Zeile formuliert ist. Entscheidend ist, in welchen Kontext sie gestellt wird.”
Blau und Weiß, wie lieb ich Dich, Blau und Weiß, verlass mich nicht, Blau und Weiß ist ja der Himmel nur, Blau und Weiß ist unsere Fußballgarnitur.
Hätten wir ein Königreich, Machten wir es den Schalkern gleich, Alle Mädchen, die so jung und schön, Müssten alle Blau und Weiß spazieren gehn.
Mohammed war ein Prophet, Der vom Fußballspielen nichts versteht, Doch aus all der schönen Farbenpracht, hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.
Tausend Feuer in der Nacht haben uns das große Glück gebracht, Tausend Freunde, die zusammenstehn. Dann wird der FC Schalke niemals untergehn.
Text: Heinz J. König, 1963
Hippler hebt damit auf den Karikaturenstreit ab, der 2006 zu weltweiten Protesten muslimischer Organisationen geführt hatte. „Die Zeile im Schalker Lied mag läppisch sein”, sagt Hippler, „doch was wäre, wenn es in Gelsenkirchen gleichzeitig Übergriffe auf drei muslimische Mitbürger geben würde und die türkische Presse beide Vorgänge in Verbindung setzt?”
Hürriyet und andere türkische Medien haben über den Propheten im Schalker Vereinslied bereits berichtet. Doch von großer Aufregung kann bislang offenbar keine Rede sein. Der Bericht, den sowohl die auflagenstarke „Hürriyet“ als auch die islamisch-konservativ geprägte Zeitung „Zaman“ für ihre Europa-Ausgaben verwendeten, stammt von ein und demselben Gelsenkirchener Reporter.
Nüchtern berichtet dieser, dass der Heilige Mohammed in der Schalke-Hymne vorkommt, um dann in Anspielung auf den Vers ironisch zu formulieren: „Während es als erwiesen gilt, dass das von Millionen Schalke-Fans seit Jahren gesungene Lied im Jahre 1963 von Hans J. König geschrieben wurde, gibt es keinerlei Quelle oder Hadis (religiöser Begriff für Spruch oder Tat Mohammeds), die darauf hinweisen würden, dass der Heilige Mohammed die Farben Blau und Weiß bevorzugte.“
Bei Schalke "gibt es viele Mohammeds"
Um Entspannung bemühen sich nun viele. „Wir müssen auch mal über so ein Thema lachen können”, wünscht sich Mehmet Ajaz, der Integrationsbeauftragte von Gelsenkirchen. Islamexperte Jochen Hippler ermuntert ihn und rät dem Schalker Vorstand zugleich, das Thema bei aller Brisanz entspannt anzugehen: „Muslime haben Humor, auch wenn sie manchmal so tun, als hätten sie keinen.”
Vermitteln will nun Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime. Schließlich leiste der Verein eine gute Integrationsarbeit, und er glaube nicht, dass dies den meisten Muslimen in Deutschland bekannt sei, sagt Mazyek. Verpflichtet fühlt er sich den vielen türkischen Anhängern und Spielern: „Im Fußballverein Schalke 04 und unter seinen Fans gibt es viele Mohammeds”.
