Was die Tragödie mit uns macht – von Thomas Wels
27.07.2010 | 18:22 Uhr 2010-07-27T18:22:00+0200Das Grauen der Duisburger Katastrophe sitzt tief, es erschüttert nicht nur das Ruhrgebiet. Deutschland und die Welt sind schockiert und voller Trauer.
Die Panik in den Gesichtern, die Menschenmassen ohne Ausweg – diese Tragödie kommt so nahe an uns heran wie es selten eine Katastrophe zuvor tat.
Niemand kann sich dieser Urangst der Ausweglosigkeit entziehen. Umso verständlicher ist das Bedürfnis, die Ursachen, die Schuldigen ausfindig zu machen. Schon, um für sich selbst einen Ausweg aus der Ausweglosigkeit zu finden. Das ist nur allzu menschlich. Auch wir arbeiten mit Hochdruck und einem Rechercheteam daran, herauszufinden, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Heute haben wir erstmals die widerstreitenden Interessen innerhalb der Duisburger Verwaltung belegt.
Aufklärung tut Not, Ruhe bewahren aber auch. Morddrohungen gegen den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland, die die Evakuierung seiner Familie nötig machen – das geht entschieden zu weit.
Es geht auch an der Sache vorbei, nun eine Ursache im vermeintlich mausgrauen Ruhrgebiet zu suchen, das immer schon mal gerne Metropole sein wollte, aber – in Hamburg und Berlin haben sie’s ja immer schon gewusst – keine ist. Viele Politiker und Kulturschaffende haben sich – wie auch wir als Zeitung – für die Loveparade im Revier stark gemacht. Wie wir auch das Still-Leben auf der A 40 begrüßt haben.
Nicht, dass das Revier dank solcher Großereignisse den Strukturwandel bewältigen und daran wirtschaftlich genesen könnte. Das ist Unsinn. Und doch haben die Paraden in Essen und Dortmund, mehr noch die Tafel auf dem Ruhrschnellweg den Menschen viel gegeben: den Jungen – was bei vielen Älteren durchaus auf Unverständnis stieß – eine Mega-Party, und dem Ruhri ein erstes gemeinsames Volksfest auf der Schlag-Ader dieser Region. Es waren tolle Veranstaltungen mit fröhlichen Menschen. Niemand im öffentlichen Raum hat sich bei der Loveparade dafür eingesetzt, die Sicherheit hintan zu stellen. Wer sich ein solches Ereignis wünscht, geht von einem sicheren Fest aus. Die Standortfrage wurde gleichwohl immer wieder thematisiert.
Es muss erlaubt sein, allzuschnelle Einwände kritisch zu hinterfragen und Alternativen einzufordern. Wir sollten es dem Schrecken nicht erlauben, uns zu lähmen. Es muss schon möglich sein, auch Großes zu denken.
09:30
Etwas neben dem Thema, aber hat eigentlich den unsäglichen Begriff Ruhri geprägt?????
Ich bin aus Essen, also wenn schon Essenerin, aber ich bin kein Ruhri...
Das hört sich an wie Alki...
21:09
Erst Hosianna: Druck von den Verantwortlichen der Kulturhauptstadt, von der Landesregierung, der Opposition und auch von den Medien; nunmehr: Kreuzigung.
Warum hat die WAZ als der Medienträger im Ruhrgebiet nicht vorher massiv auf die bereits bekannten und zu erwartenden Probleme hingewiesen? Auch mitschuldig??!!
14:47
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14:27
@#4: endlich sagt es mal jemand.
vorher - nicht nur im vorfeld der love parade - wird kritikloser, lokalpatriotischer jubeljournalismus betrieben. wenn es dann schief geht, schwingt man sich zu ober-anklägern und -aufklärern auf.
12:04
Die Katastrophe an sich macht uns alle fassungslos. Der öffentliche Umgang damit jedoch wütend und ohnmächtig.
Jeder, der mit der Organisation zu tun hatte, ist doch zunächst einmal verantwortlich und hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sich auch verantwortlich zu fühlen. Das ist völlig unabhängig davon, wie es späterhin strafrechtlich bewertet wird.
Die Familien der Toten und Verletzten erleben das Drama ihres Lebens, und es wäre wichtig, dass jemand sagt, ich habe möglicherweise Fehler gemacht, wenn ja, ich schäme mich dafür, und ich fühle mich Ihnen gegenüber verantwortlich. Zu all ihrem Leid werden diese Menschen brüskiert durch ein nicht nachvollziehbares Verhalten der für die Veranstaltung Verantwortlichen, und das ist unerträglich.
Der OB steht mit seinem Namen für die Stadt für die Veranstaltung und die Folgen, und er gibt ein so armseliges Bild ab, dass es einen fast schon dauert. Und es ist nicht abzusehen, dass nur einer derjenigen, die beteiligt sind, die Grösse besitzt aufzustehen und sich zu stellen. Peinlicher kann es nicht sein, als dass einer dem anderen die Schuld zuschiebt.
Wenn Herr Sauerland und einer seiner Genossen, die ja auch mitbeteiligt waren, ein Mindestmass an Menschlichkeit in sich hätten, hätten sie verstanden, warum so scharfe Angriffe erfolgen. Dem hätte man durch einfühlsames Verhalten aus dem Weg gehen können.
Die einzig richtige Entscheidung des OB in dieser Sache ist die, dass er nicht an der Trauerfeier teilnimmt. Ansonsten ist es nicht nachvollziehbar, dass er seinen Nichtrücktritt damit begründet, dass er damit Schuld eingesteht. Selbst wenn es so wäre, er kann das doch. Wenn er unschuldig ist, werden die Ermittlungen das ergeben. Wenigstens menschlich hätte er dann aber ein Zeichen gesetzt. Und das trifft auf alle zu, die hier beteiligt sind.
Bisher haben wir in der öffentlichen Darstellung nur unfähige und unmenschliche Vertreter der Politik, der Verwaltung und des Veranstalters erlebt. Und das erklärt sicherlich die unglaublichen Reaktionen.
11:52
Viele Politiker und Kulturschaffende haben sich – wie auch wir als Zeitung – für die Loveparade im Revier stark gemacht.
Oho - die ersten selbstkritischen Worte zum Thema!
Und jetzt aber auch Butter bei die Fische, Herr Wels: Gehört es zum Wesen einer Zeitung, nein: zum Wesen VON JOURNALISMUS, sich für eine Sache starkzumachen - oder aber ebenjene Sache kritisch zu hinterfragen.....?
11:36
@1 Das ist höchstwahrscheinlich unterlassen worden worden weil dieser Fachmann garantiert von der Veranstaltung abgeraten hätte. Da hat man lieber Abnicker gesucht und falls die sich ebenfalls als kritisch herausstellten einfach mundtot gemacht. Auch die Verzögerungen bei der Genehmigung und das zu späte Zustellen der Unterlagen bei der Polizei lässt nur den Schluß zu dass Einwände vom Geschehen überholt werden sollten. Es nicht sein kann was nicht sein darf! Eine tödliche Gleichung die leider voll aufgegangen ist.
09:17
Die Love-Parade ist nicht meine Veranstaltung, grausame Musik, zugedröhnte Teilnehmer, Innenstädte, die mit Urin volllaufen. Trotzdem habe ich den Teilnehmern ihre Party gegönnt, 99,9 % wollten friedlich feiern. Es konnte niemand damit rechnen, dass ein Haufen ekelhaft dilettantischer Stümper mit der Planung überfordert ist. Das Beispiel Bochum hatte mir gezeigt, dass die Sicherheit der Menschen Vorrang hat vor allen anderen Interessen. Ich hätte niemals in einer deutschen Stadt mit solchen Stümpern gerechnet, die jetzt auch noch zu feige sind, ihre Fehler einzugestehen.
22:44
Nichts gegen Massen-Events, wenn man Leute hat, die sich damit wirklich auskennen.
Man hätte nur diesen Mann fragen müssen:
Hubert Klüpfel aus Duisburg gehört zu einem handverlesenen Stab ausländischer Experten, der für die saudischen Behörden Konzepte zur Lenkung dieser Menschenmassen erarbeitet. Klüpfel, von Haus aus Physiker, hat sich auf Verkehrsforschung spezialisiert und erstellt unter anderem Evakuierungskonzepte für Gebäude und große Fähren. Seine Firma TraffGo, ein Ableger der Universität Duisburg-Essen, hat Konzepte ebenso für den Weltjugendtag 2005 bei Köln entwickelt wie für den Aachener Hauptbahnhof. Unter der Ägide des 35-Jährigen sind Pläne entstanden für das Dortmunder Westfalenstadion oder eine norwegische Konzerthalle – und derzeit eben für die Neugestaltung des Zentrums von Mekka.
http://www.derwesten.de/nachrichten/panorama/Duisburger-Verkehrsforscher-plant-fuer-Mekkas-Pilgerstroeme-id2533416.html
Aber es gibt eben immer noch schlauere Leute, die es auf Kosten anderer besser wissen wollen.
Die Kosten sind diesmal sehr hoch - es hat Menschenleben und schwere Verletzungen gekostet.
Ich könnte mich täglich nur noch aufregen!
Und dann auch noch die Frechheit zu besitzen, den jungen Menschen, die den Veranstaltern aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung mit Massen-Evens vertraut haben, dass sie Veranstaltung im Griff haben, zuerst auch noch die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen!!!
ES IST EINFACH ZUM KOTZEN -
und der Oberbürgermeister von Duisburg eine armselige Figur.