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User-Ansturm bringt Rottenneighbor ins Wackeln

06.09.2008 | 20:14 Uhr
User-Ansturm bringt Rottenneighbor ins Wackeln

Essen. Zuerst sorgte das Portal rottenneighbor.com aufgrund seiner Inhalte für negative Schlagzeilen. Dann aufgrund der Nichterreichbarkeit dieser Inhalte: Ende August war vielen deutschen Internetnutzern der Zugriff nicht mehr möglich. Wir haben uns bis zum Gründer der Seite durchgefragt.

In den Blogs kochte die Gerüchteküche. Von Zensur war die Rede, von staatlicher Einflussnahme und „chinesischen Verhältnissen“: Die inzwischen als „digitaler Pranger“ bekannte Website www.rottenneighbor.com war für viele deutsche Internetnutzer nicht mehr erreichbar.

Die Blogger waren ratlos. Über manche Provider war die Seite zugänglich, über andere nicht. Mehrere Nutzer lokalisierten das Problem schließlich beim Host, dem Server, der Zugiffe auf die Seite abarbeitet. Doch spätestens dort endete die Recherche. RottenNeighbor stellt auf seiner Seite lediglich ein Kontaktformular zur Verfügung. Anfragen auch von DerWesten blieben unbeantwortet. Wir haben uns durchgefragt, telefoniert – und hatten schließlich Brant Walker, Gründer von Rottenneighbor in der Leitung. Doch der Reihe nach.

Zensurvermutungen

In einer ersten Reaktion vermuteten viele Blogger eine Einflussnahme deutscher Politiker und Behörden, beispielsweise über Google (Rottenneighbor greift auf Karten des Unternehmens zurück). Sowohl Behörden als auch Google weisen solche Vorwürfe zurück.

Man könnte von Paranoia sprechen und sich über die Eilfertigkeit wundern, mit der deutsche Internetnutzer offenbar die staatliche Hand den Datenhahn zudrehen sehen. Es sind ihnen allerdings auch einige verbale Vorlagen geliefert worden in jüngster Zeit.

"Was die Chinesen können..."

Eine Steilvorlage kam eindeutig von CSU-Politiker Hans-Peter Uhl. Der bayerische Innenminister regt vor dem Hintergrund kinderpornografischer Angebote im Internet an, Provider per Gesetz zu zwingen, bestimmte Seiten aus dem Netz zu nehmen. Spätestens seit den Olympischen Spielen in Peking wisse man, was möglich sei: „Was die Chinesen können, sollten wir auch können. Da bin ich gern obrigkeitsstaatlich.“

An seinen Wünschen ließ Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), ebenfalls keinen Zweifel. „Es wäre mir lieber, der Gesetzgeber hätte mir Instrumente gegeben, mit denen ich das öffentliche Denunzieren einfach abstellen könnte“, ließ er in seinem Blog auf der Seite des LfM verlauten.

Sperren nicht erlaubt

Wenn sie nur dürften, es gäbe genug Amtsträger, die Internetseiten sperren lassen würden. Doch sie dürfen nicht. Nicht in Deutschland. Auf Rottenneighbor werden eindeutig Persönlichkeitsrechte verletzt, beispielsweise wenn „miese Nachbarn“ so beschimpft werden, dass sie als Person identifizierbar sind. Aber die Verteidigung von Persönlichkeitsrechten ist nur zivilrechtlich möglich. Wer betroffen ist, kann also einen Anwalt einschalten oder vor Gericht ziehen. Der Staat kann es auf dieser Grundlage nicht. Und verbieten kann er auch nicht.

Will es nach Aussagen seiner Vertreter auch nicht. „Haben wir nicht getan, hätten wir auch gar nicht vor“, teilt Peter Widlok, Sprecher der LfM, auf Anfrage mit. Dennoch hofft die Landesanstalt, dass ihr Protest Wirkung zeigt, „dass Google seine Möglichkeiten einsetzt, nicht um dieses Portal zu schließen, sondern um diese Diffamierungen zu ändern.“ Dabei betont Widlok, dass Google für ihn keineswegs der Verantwortliche und die Zusammenarbeit in der Vergangenheit sehr gut gewesen sei. Im September sollen Gespräche zwischen der LfM und dem Unternehmen stattfinden.

Provider weisen Verantwortung von sich

Haben die Provider die Hand im Spiel gehabt? Anfragen bei großen Anbietern ergeben stets das gleiche Ergebnis. Andreas Maurer vom Provider 1&1 meint zu freiwilliger Selbstkontrolle: „Etwas, was wir ganz klar nicht als unsere Rolle sehen, unsere Nutzer zu bevormunden oder uns als halbstaatlicher Zensor zu sehen.“ Überdies gebe es „in Deutschland keine Urteile, die Provider zwingen wollten.“ Er  verweist auf die Carrier. Carrier sind die Betreiber der physischen Datenautobahn, sie unterhalten die Infrastruktur des Internets, die Datenkabel zum Beispiel. Wenn irgendwo Manipulationsmöglichkeiten vorhanden seien, dann allenfalls da, so Maurer.

Vier große Carrier weisen jeden Verdacht von sich. Arcor: „Wir haben nicht gesperrt.“ Dennis Knake, Pressesprecher von QSC, betont, sein Unternehmen habe „überhaupt keinen Einfluss“ auf den Zugang zu Seiten. Er macht das erhöhte öffentliche Interesse an Rottenneighbor und daraus resultierende höhere Zugriffszahlen für die Schwierigkeiten verantwortlich.

Matthias Winter von Telefonica verortet mögliche Zugangsprobleme „deutlich außerhalb unseres Einflussbereiches“. Und Ralf Sauerzapf von der Deutschen Telekom schließt sich an: „Das hat mit unserer Seite gar nichts zu tun, auch mit Deutschland hat das nichts zu tun. Wir haben nichts gesperrt.“

Brant Walker am Telefon

Host Provider Rackspace, der Serverkapazitäten für den Betrieb von Rottenneighbor bereitstellt, verweist an die Besitzer der Domain. Inhaber ist ein Unternehmen namens Attention Ventures mit Sitz in Austin, Texas. Auf Anfragen per E-Mail reagieren weder Attention noch Rottenneighbor. Nach mehrmaligem Telefonkontakt gibt Attention schließlich eine Telefonnummer heraus. Und es meldet sich Brant Walker, Gründer von Rottenneighbor. Walker lässt sich die Situation erklären und nennt sie „interessant“. Vom deutschen Zugangsproblem scheint er noch nicht gehört zu haben. Er bestätigt allerdings einen sprunghaften Anstieg in deutschen Zugriffen „von mehreren tausend auf mehrere hunderttausend am Tag“ innerhalb des vergangenen Monats, die „zu viele unserer Ressourcen beansprucht“ hätten. Es seien daher für einige Tage Konfigurationsarbeiten am Server durchgeführt worden, um des Ansturms aus Übersee besser Herr zu werden. Eine „Down Time“, einen Ausfall des Servers, habe es aber eigentlich nicht geben sollen.

Möglicherweise war die ganze Diskussion das, was einige Beteiligten selbst vermutet haben: Ein Sturm im Wasserglas. Demnach hat der Ausfall eine simple Erklärung: Ende Juli, Anfang August wurde Rottenneighbor zum Medienthema. Das Interesse stieg, die Anzahl der Zugriffe ebenfalls. Aus den virtuellen Landkarten deutscher Städte schossen die roten und grünen Häuschen, Symbole für abwertende und wohlwollende Nachbarschafts-Kommentare, in die Höhe. Die Server waren überlastet. Und Konfigurationsarbeiten erschwerten den Zugang zusätzlich. Die in Deutschland tätigen Carrier betreiben unterschiedlich zuverlässige Netze, die Schnittpunkte (Peering Points) zwischen Carriern und Webhosts unterscheiden sich in ihrer Qualität. Vielleicht ist das alles. Solange sich die gesetzliche Grundlage nicht ändert, jedenfalls.

Mehr zum Thema:

Aus den Blogs:

Martina Herzog

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Kommentare
10.09.2008
13:25
User-Ansturm bringt Rottenneighbor ins Wackeln
von A.S. | #5

der Zugang ist wieder frei, auch für normale IP´s.

08.09.2008
13:44
User-Ansturm bringt Rottenneighbor ins Wackeln
von A.S. | #4

schnee,

mich interessiert das sehr!!!
Und politisch skandalös ist das auch! Es nicht um irgendeine Seite im web, sondern, da generell unliebsamen sites abgeschaltet werden können.
Dann sind wir im nullkommanix wieder bei Honi-stasi oder Adolf.
btw
mit einer amerikanischen IP null problemo der Zugang!!!

Hier wird also wieder Total-Verarsche betrieben.
Und die freie Presse macht dieses miese Spielchen mit.
schade waz.

07.09.2008
16:55
User-Ansturm bringt Rottenneighbor ins Wackeln
von schnee | #3

Wenn das, wo auch immer, gesperrt werden sollte... WEN interessiert es? Es ist so, als wenn man den Geschäften verbietet faule Äpfel zu verkaufen.

05.09.2008
19:29
User-Ansturm bringt Rottenneighbor ins Wackeln
von Pottblog | #2

Ich sehe dies ähnlich wie Reizzentrum - das ist zwar eine nette Aussage von Brant Walker, aber sie scheint meiner Meinung nach mit der Wahrheit nicht viel zu tun zu haben, da es nachweislich teilweise immer noch Probleme gibt. Ich komme z.B. beim jetzt gerade verwendeten Provider nicht auf die Seite. Ändere ich eine kleine Einstellung in den Systemeinstellungen bin ich sofort ohne Probleme auf der Seite.

PS: Schön wäre es, wenn der Artikel auch auf die an die Medien gerichtete Vorwürfe in meinem Ursprungsblogartikel eingegangen wäre.

05.09.2008
18:10
User-Ansturm bringt Rottenneighbor ins Wackeln
von Reizzentrum | #1

Die Aussgae von Brant Walker scheint DEUTLICH an der Wahrheit vorbei zu gehen. Denn von statischen IP-Adressen könnte man jederzeit problemlos auf rottenneighbor zugreifen. Nur (nicht alle!) dynamischen IP-Adressen konnten - nachvollziehbar und stabil - den Denunzierungsserver nicht erreichen. Daraus lässt sich mit an sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ableiten, dass die Nichterreichbarkeit GEWOLLT technisch bedingt ist.

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