Umstrittene Ausbildung auf der „Gorch Fock“
20.01.2011 | 07:37 Uhr 2011-01-20T07:37:00+0100
Berlin/Köln. Nach den Berichten über eine Meuterei unter den Kadetten der „Gorch Fock“ gerät die die Ausbildung auf dem Segelschiff ins Zwielicht. Durfte die junge Frau, die im November tödlich abstürzte, überhaupt in die Rahen?
Angesichts der neuen Berichte über den Tod einer Offiziersanwärterin auf der „Gorch Fock“ kritisiert die SPD die Zustände auf dem Bundeswehr-Segelschulschiff. Es stelle sich die Frage, „ob dieses tragische Unglück vermeidbar gewesen wäre“, sagte der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Offensichtlich sei Druck auf in Ausbildung befindliche Soldaten ausgeübt worden, auf die hohen Masten zu klettern. „Hier wird es sehr, sehr ernst“, sagte Arnold.
Die 25-jährigen Marine-Soldatin Sarah Lena Seele war im November vergangenen Jahres aus der Takelage der „Gorch Fock“ auf das Deck gestürzt. Sie starb kurz darauf an den Folgen des Unfalls. Laut „Kölner Stadt-Anzeiger“ hätte die Offiziersanwärterin gar nicht auf den Mast klettern dürfen, weil die 1,59 Meter große Frau die vorgeschriebene Mindestsgröße unterschritten habe.
„Ausbildung auf dem Schiff hat sich über viele Generationen bewährt“
Der Bundeswehrverband, eine Vertretung der Soldaten, stellte sich am Donnerstag hinter die Ausbildung auf der Gorch Fock: Man müsse nun prüfen, ob Sicherheitsbestimmungen verletzt worden seien, sagte Verbandschef Ulrich Kirsch dem Hamburger Abendblatt.. „Wenn es so war, dann geht das zulasten der Ausbilder“, sagte Kirsch. Es gebe aber keine bessere Ausbildung als auf einem Schiff, wenn es um den Crew-Gedanken geht. „Das hat sich über viele Generationen bewährt, und es wird sich auch in Zukunft bewähren“, sagte Kirsch.
Nach dem tödlichen Sturz einer Kadettin aus der Takelage des Segelschulschiffs „Gorch Fock“ im November hatten Kameraden den Ausbildern massiven Druck bis hin zur Nötigung vorgeworfen. Dies geht aus einem Brief des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus (FDP) an den Verteidigungsausschuss hervor. Nach dem Vorfall kam es demnach zu Spannungen zwischen der Crew und der Schiffsführung, die vier der Offiziersanwärter der Meuterei beschuldigte.
„Den Kadetten wurde gedroht“
Demnach berichteten die Kadetten von massivem Druck der Ausbilder hinsichtlich des - freiwilligen - Aufenterns, also des Hinaufkletterns in die Takelage. Wollte jemand nicht aufentern, sei „zum Teil sehr starker Druck aufgebaut worden. Von manchen wurde dies als Nötigung empfunden“, schreibt Königshaus. Den Kadetten sei gedroht worden, andernfalls nicht mehr Offizier werden zu können. Es seien Sätze gefallen wie „Wenn Sie nicht hochgehen, fliegen Sie morgen nach Hause“ oder „Wenn Sie das nicht schaffen, wie wollen Sie dann Menschen führen?“ So sei auch ein Offiziersanwärter mit ausgeprägter Höhenangst dazu gebracht worden, auf den höchsten Mast zu klettern.
Nach dem tödlichen Sturz ihrer Kameradin aufs Deck am 7. November hätten „viele nicht mehr aufentern“ wollen, „andere wollten nicht mit der Gorch Fock weiterfahren“, schreibt der Wehrbeauftragte. Zwei von der Schiffsführung als Vermittler eingesetzte Offiziersanwärter wurden demnach von Kommandant und Erstem Offizier kurz darauf mit dem Vorwurf der Meuterei und des Aufhetzens der Crew konfrontiert.
Auch ein Fall von sexueller Nötigung wird angesprochen
Die beiden und zwei weitere Kadetten sollten noch vor dem erneuten Auslaufen der „Gorch Fock“ abgelöst und zurück nach Deutschland geflogen werden. Dabei ging es den Erkenntnissen von Königshaus zufolge auch um die Aberkennung der Eignung zum Offizier. Als kurz darauf die Ausbildung auf dem Schiff vorerst ausgesetzt worden sei, nahm die Schiffsführung diese Maßnahme zurück.
Königshaus hat dem Brief zufolge den Inspekteur der Marine um eine Untersuchung der Vorfälle gebeten und auch das Verteidigungsministerium informiert. In dem Brief geht es zudem um einen Fall sexueller Belästigung eines Obergefreiten durch Kameraden.
Einem Bericht von „Spiegel Online“ zufolge sorgten die Vorwürfe am Mittwoch im Verteidigungsausschuss für hitzige Diskussionen. Die Bundeswehr sagte nach Angaben von Ausschussmitgliedern demnach zu, die Berichte umgehend zu prüfen und gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen.
afp/dapd
15:39
@17
Danke für die Info - den aktuellen Stand der Ermittlungen kannte ich noch nicht. Trotzdem kennen weder wir noch die FAZ alle Fakten.
Es heißt also abweichend von Tucholsky: Ein Soldat ist mutmaßlich fahrlässig Tötender.
15:19
Zumindest zu b/ kann ich aushelfen:
http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/DocEF32C7552297F4AA1A552C1AD6AAF5589ATplEcommonScontent.html
14:34
@15
Wissen Sie a/ was ein Mord ist (in Abgrenzung zu anderen Tötungsdelikten) und b/ mehr über die tatsächlichen Vorgänge rund um den fraglichen Schuss in Afghanistan?
10:50
Das Tucholsky-Zitat bestätigt sich jeden Tag mehr.
16:45
@DaDU
Die andere Frage muss trotz der Tragödie erlaubt sein, was wollen diese streikenden Offiziersanwärter in einem Kampfeinsatz machen?
Fragen ist immer erlaubt. Nur, was in einem Kampfeinsatz passiert, spielt in diesem Fall keine Rolle. Es handelt sich um eine Übung in Friedenszeiten. Da gelten nun mal einzuhaltende Sicherheitsbestimmungen und Unfallverhütungsmaßnahmen. Wenn es dabei zu einem tödlichen Unfall kommt, ist zu prüfen ob diese Vorschriften eingehalten wurden - oder ob die Vorschriften vielleicht nicht ausreichend sind.
Das ist Sache der Schiffsführung. Kommt diese ihren Aufgaben nicht nach und will einfach wie bisher weitermachen, muß sie abgelöst werden. Kein Wunder wenn dann die Betroffenen den Befehl verweigern...
Ab wieviel Toten wäre ihrer Meinung nach zu prüfen ob alles mit rechten Dingen zugeht?
15:54
@11
Ein Kommandant hat aber keine Befehlsgewalt mehr, wenn es darum geht gefährliche Stunts, die vom Ministerium ganz bewusst als freiwillig deklariert wurden, durch Zwang und Nötigung herbeizuführen! Das ist Anmaßung.
Das Berufsbild Soldat darf keinesfalls so missverstanden werden, dass hier überflüssiges Risikoklettern ohne jeden Ausbildungsnutzen als ganz normal wahrgenommen wird.
Das Unfallrisiko wäre durch Sicherungsmaßnahmen stark zu mindern - Höhenkletteraktionen werden aber auch in der Marine nicht benötigt.
14:13
Das war keine Meuterei, sondern allenfalls Befehlsverweigerung; und die auch nicht, wenn es um einen freiwilligen Vorgang ging. Die Bundeswehr ist auf einem sehr schlechten Weg. Es wird wieder blinder Gehorsam gefordert, der leider damals schon A. H. vor einem Putsch geschützt hat. Die Unteroffiziere (ohne Abitur, oft geistig arme Hauptschüler) haben immer weniger humane Bildung und missbrauchen ihre Stellung. Die Abschaffung der Wehrpflicht wird überall und vermehrt dazu führen, dass immer mehr damit gerechtfertigt wird, man sei ja freiwilig beim Bund und hätte es wissen müssen. Die Gorch Fock ist so überholt, als würden Heeresoffiziere noch zu Pferde und am Degen ausgebildet statt im Panzerfahrzeug. Bei der modernen Marine geht es nicht mehr um die Crew, da sitzen Spezialkräfte oft allein an Computern, mit deren Hilfe alles gelenkt wird.
13:24
Die eine Frage ist, warum eine angehende Medizinerin an Board eines Seglschulschiffes muss? Früher gab es auch noch das Schulschiff Deutschland als Ausbildungsschiff für OAs, dass im Ernstfall als Sanitätsschiff dienen sollte.
Die andere Frage muss trotz der Tragödie erlaubt sein, was wollen diese streikenden Offiziersanwärter in einem Kampfeinsatz machen? Unter Beschuss, wenn Kameraden fallen und die schwimmfähigkeit des Schiffes bedroht ist? Vielleicht war es den jungen Leuten nicht so ganz klar, dass der Beruf des Soldaten gewisse Gefahren birgt?
Vielleicht hätte der Kommandant mehr Fingerspitzengefühl haben müssen, bestimmt müssen auch gewisse Traditionen überdacht werden, aber der Kommandant trifft die Entscheidungen!
Leider ist manchmal bei dder Bundeswehr der Unterschied zwischen Schikane und Notwendigkeit nicht klar erkennbar, da sich der Vorgestzte immer hinter seiner Befehlsgewalt verstecken kann.
Es wird sich wohl einfach zu wenig beschwert bei Ungerechtigkeiten.
13:04
Jetzt fühle ich mich aber auch einmal dazu genötigt, mich zu diesem Thema zu äußern.
Ale einer von ganz wenigen hier bin ich selber vor 15 Jahren auf dem Schiff als Offizieranwärter gewesen. Auch ich habe die Fxxxx Gorch nicht geliebt, und ich habe die ersten Male auch Angst gehabt, die Masten aufzuentern und in die Rahen zu klettern. Niemand von uns ist dazu erpresst worden, es wurde nur jedem geraten, es zumindest zu versuchen. Und natürlich gab es auch einige ganz wenige, die mit der Höhe nicht zurechtkamen und deshalb immer ihren Dienst am Boden versehen haben. Ausgelacht wurden sie (damals bei uns jedenfalls!) nicht!
Dass ein Segelschiff im Computerzeitalter keine vollständige Ausbildungsgrundlage für einen Marineoffizier darstellt, steht außer Frage. Ebenso, dass jede Teilstreitkraft (TSK) ihren Schleifstein braucht, um ihr angehendes Führungspersonal auf ihre Belastungsfähigkeit hin zu prüfen.
Meine Erfahrungen durch die Fock waren im wesentlichen die, dass ich dort gelernt habe, unter Stress ruhig und geduldig zu bleiben, im Team mit vielen anderen zu funktionieren und eigene Wünsche und Befindlichkeiten dem Gruppenerfolg unterzuordnen. Abgesehen davon, dass die Fock für mich als damalige Landratte und mehr oder weniger unreifer Halbstarker die erste längere Seefahrt war, bei der ich die angenehmen und unangenehmen Seiten der Natur kennen- und respektieren lernte.
Zum Theme Aufentern: Unser Bootsmann damals hatte uns sinngemäß gesagt, dass bei jedem, wenn er erst einmal angefangen hat, hochzuklettern, sofort der eigene Selbsterhaltungstrieb einen Mechanismus in Gang setzt, durch den man sich nun auf jeden Schritt und jeden Handgriff konzentriert und nebenbei ganz automatisch wie selbstverständlich weiterklettert. Und so seltsam es sich anhört, das gleiche habe ich auch an mir beobachtet, wenn ich hochging. Es funktionierte tatsächlich, und ich habe einmal in 45 m Höhe auf der Groß-Royal stehend den Sonnenaufgang erleben dürfen, was ein unheimlich beeindruckendes Erlebnis war. Ganz egal, was und wie laut da unten irgendwelche Leute gerade brüllten:-)
Dieser Unfall war nicht der erste dieser Art auf der Gorch Fock. Und natürlich ist er in keinster Weise schönzureden, sondern eine absolute Katastrophe. Der Tod ihrer Kameradin muss für die Soldaten ein Schock gewesen sein, und das hat absolut nix mit dem Berufsbild des Soldaten zu tun; schließlich handelte es sich hier nicht um einen Einsatz! Die Beschreibung der anschließenden Vorkommnisse um die versuchte Entlassung der 4 OAs klingt in meinen Ohren ein wenig zu sehr redaktionell zusammengeschustert, um sie so 1:1 zu glauben, daher warte ich erstmal auf weitere Infos des Wehrbeauftragten. Um einen OA zu entlassen, bedarf es bestimmter Mindestvorraussetzungen und bestimmter rechtlicher Schritte, die keinesfalls einfach so an Bord getroffen werden können.
M.E. sollte die GF in modifizierter Form weiterhin ein Baustein in der Ausbildung zum (Marine-)Offizier bleiben. Das Aufentern in die Rahe sollte auf jeden Fall weiter freiwillig sein, und wenn jemand endgültig zu viel Angst hat, um dort hochzuklettern, dann ist er deshalb noch lange nicht nicht zum Offizier ungeeignet.
12:57
Würden doch alle Bürger in Uniform meutern...