Studenten in NRW besetzen immer mehr Hörsäle
12.11.2009 | 15:56 Uhr 2009-11-12T15:56:00+0100
Düsseldorf/Berlin. Aus Protest gegen die derzeitigen Studienbedingungen halten heute Studenten mehrerer nordrhein-westfälischer Universitäten Hörsäle besetzt. Betroffen sind die Universitäten Bielefeld und Duisburg-Essen sowie die Hochschule Niederrhein mit ihrem Standort in Mönchengladbach.
Aus Protest gegen die derzeitigen Studienbedingungen halten Studenten mehrerer nordrhein-westfälischer Universitäten Hörsäle besetzt. Betroffen sind nach Angaben des Landes-ASten-Treffens vom Donnerstag die Universitäten Bielefeld und Duisburg-Essen sowie die Hochschule Niederrhein mit ihrem Standort in Mönchengladbach. NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) kritisierte die Aktionen.
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An der Hochschule Duisburg-Essen begann die Besetzung der beiden Audimax-Hörsäle bereits am Dienstagmittag nach einer Vollversammlung des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (AStA). Etwa 200 bis 300 Studenten beteiligen sich an den jeweiligen Standorten an den Aktionen, wie eine Sprecherin der Pressestelle mitteilte.
"Kontraproduktive Forderung"
Rektor Ulrich Radtke diskutierte am Mittwoch mit den Studenten. Deren Forderung nach einer Abschaffung der Studiengebühren bezeichnete er als «kontraproduktiv». Dennoch bestehe in vielen Kritikpunkten Einigkeit zwischen Rektorat und protestierenden Studenten. Derzeit duldet die Uni-Leitung den Bildungsstreik noch, fordert von den Studenten aber, ihre Aktion bis zum Freitagabend,13. November, 18 Uhr zu beenden.
An der Universität Bielefeld war es am Mittwochnachmittag nach einer Diskussionsveranstaltung zu einer Besetzung des Audimax gekommen. Etwa 100 Studenten beteiligten sich an der Besetzung des Hörsaals, wie die Pressestelle der Hochschule mitteilte.
Nach Angaben der Uni hatte Rektor Gerhard Sagerer bereits am Mittwochabend die Protestierenden besucht und mit ihnen gesprochen. Er sagte eine Diskussion um die Verbesserung des Studienbetriebes zu, verlangte aber zugleich, die Besetzung zu beenden. Dennoch übernachteten etwa 60 Studenten in dem Hörsaal.
Hochschulleitung forderte Liste
Am Donnerstagmorgen besuchten Sagerer und weitere Vertreter der Hochschulleitung die Studenten und forderten eine Liste mit konkreten Forderungen. Weil diese nicht vorgelegt werden konnte, forderte der Rektor die Protestierenden auf, den Hörsaal zu räumen und einen reibungslosen Lehrbetrieb zu ermöglichen. Dieser Forderung kamen die Studenten nicht nach.
Wissenschaftsminister Pinkwart erklärte, die protestierenden Studenten würden offensichtlich nicht anerkennen, «dass der ständige Prozess, die Studienbedingungen und die Qualität der Lehre fortwährend zu verbessern, erhebliche Fortschritte gemacht hat». Das Thema «Bildung» müsse konstruktiv und «ohne ideologische Scheuklappen» diskutiert werden.
Der Minister verwies darauf, dass in NRW seit 2005 die Landeszuschüsse für die Grundfinanzierung der Hochschulen kontinuierlich gestiegen seien und derzeit bei über drei Milliarden Euro lägen. Hinzu kämen weitere Landes- und Bundesmittel. Inklusive der Einnahmen aus Studienbeiträgen hätten die öffentlichen Hochschulen damit in diesem Jahr über eine halbe Milliarde Euro mehr zur Verfügung gehabt als noch vor vier Jahren.
Unterstützung fanden die Studenten dagegen bei den Grünen im Landtag. Bei den Beratungen zum Haushalt 2010 wolle man die Abschaffung der Studiengebühren beantragen, sagte die Grünen-Hochschulexpertin Ruth Seidl. 2006 hatte die CDU/FDP-Landesregierung ein Gesetz beschlossen, wonach die staatlichen Universitäten und Fachhochschulen in NRW Studiengebühren erheben dürfen. 31 von 36 staatlichen Hochschulen erheben derzeit Beiträge von zumeist 500 Euro pro Semester.
Auch der hochschulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Karl Schultheis, sprach sich für eine Abschaffung der Studiengebühren aus. Die Streiks und Besetzungen von Hörsälen zeigten, unter welchem Druck die Studierenden in NRW stünden. "Wieder einmal wird deutlich, dass sich die Studienbedingungen nicht bessern», sagte er. Viele junge Menschen könnten sich ein Studium nicht mehr leisten, weil sie Angst hätten, sich zu verschulden. Deshalb sei es nötig, die Studienfinanzierung zu verändern.
Deutschlandweite Proteste
Deutschlandweit haben Hunderte Studenten am Donnerstag Hörsäle und Seminarräume an Universitäten in ganz Deutschland besetzt. An der Universität in Tübingen wurde die Aktion durch die Polizei beendet, an anderen Hochschulen wurden die meist am Mittwoch begonnenen Proteste zunächst geduldet. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) zeigte Verständnis, dass die Studenten Veränderungen an ihrer Universität sehen wollten. An einen Ausstieg aus dem Bologna-Prozess sei aber nicht zu denken. DGB-Chef Michael Sommer forderte mehr Geld für die Bildung.
Schavan forderte ihre Länderkollegen zugleich auf, beschlossene Reformen an den Hochschulen rasch umzusetzen, da die Studenten klare Signale bräuchten, dass es die verabredeten Korrekturen bei der neuen Studienstruktur gebe. «Bologna bedeutet mehr Chancen für Studierende«, bekräftigte Schavan. Aber manches, was in der ersten Phase nicht gut gelaufen sei, könne auch korrigiert werden.
Mehr Geld investieren
Sommer sagte, «wer mehr Qualität im Bildungswesen will, wird mehr Geld investieren müssen.» Um das Versprechen einer »Bildungsrepublik Deutschland«, wie im Koalitionsvertrag von Union und FDP angekündigt, einlösen zu können, müssten aber neue Prioritäten gesetzt werden.
Seit Mittwochabend besetzen etwa 400 Studenten das Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Auch an der Fachhochschule Coburg war der größte Hörsaal in der Hand von Studenten. In der Julius-Maximilians-Universität Würzburg besetzen seit Mittwochabend etwa 30 Studenten das Audimax.
In Göttingen verbrachten bis zu 100 Studenten die Nacht zum Donnerstag in Schlafsäcken in einem Seminargebäude der Universität. Sie hatten das Erdgeschoss des Gebäudes schon am späten Mittwochnachmittag für besetzt erklärt. In Hamburg halten rund 250 Studenten seit Mittwochnachmittag das Audimax der Universität besetzt.
An der Freien Universität (FU) sowie der Humboldt-Universität (HU) in Berlin setzten Studenten ihre Proteste von Mittwochabend ebenfalls fort. An der FU vereinbarten die rund 100 protestierenden Studenten mit der Universitätsleitung, bis Freitag keine Räumung des besetzten Hörsaals durchzuführen.
Die Proteste sollen am Dienstag, 17. November, in einem bundesweiten Bildungsstreik mit Demonstrationen und Ansprachen münden. (ap/ddp)
13:51
Die Bundesregierung lässt sich in Sachen Bildung leider von den Lobbyisten der Bertelsmannstiftung beraten.
Diese Stiftung ist ein Neoliberaler, marktradikaler think-tank, der am liebsten alles privatisieren möchte (lat. Privare: Beraubung), von dem Gesundheitssystem angefangen, bis zur Ökonomisierung der Universitäten! Dies macht die Stiftung hinterhältig, unter anderem über den Umweg CHE (Centrum für Hochschulentwicklung).
Die Schäden dieses neoliberalen think-tanks werden unter anderem hier dokumentiert:
www.bertelsmannkritik.de
oder hier: www.anti-bertelsmann.de/
Dieser sog. Stiftung gehört die Gemeinnützigkeit ein für alle mal aberkannt, denn sie ist für Deutschlands Bildungszukunft extrem gefährlich!
09:57
Das Anrennen gegen die Silos. Den Blick in die Leere der Lehre. Gegen die Logik der Benutzeroberflächen.
Das Leben war real - Danke, dass die Studenten daran erinnern. Der Staat- lächerlich, martialisch, hilflos, wie eh und je! Bis zum Ausspucken der falschen Zähne!
23:02
Als betroffener Student muss ich mich auch mal zu Wort melden.
Da sind wohl manche im falschen Jahrzehnt als Student immatrikuliert...
Es gibt Studenten, die tatsächlich vorsätzlich etwas aus ihrem Leben machen möchten. Manche von ihnen studieren sogar etwas sinnvolles wie Betriebswirtschaftslehre statt spätmittelalterlicher, schwarzafrikanischer, femministischer Literatur. Stellt euch das mal vor.
Eine kleine Clique nostalgischer Linkschaoten spielt jedoch lieber Revolution im Sandkasten und schadet der überwältigenden Mehrheit. Eine Frechheit. Und dass die Geschädigten ihren Schaden auch noch in Form einer Zwangsabgabe finanzieren müssen, setzt dem Topf den Deckel auf.
Ich möchte deutlich darauf aufmerksam machen, dass es sich bei den Besetzern beispielsweise in Duisburg um eine nicht legitimierte Minderheit handelt, die den Großteil der Studenten belästigen und den Ablauf an der Uni stören.
22:25
@von interessierter Beobachter
Ja.
Aber auch nur von einer Minderheit der Nichtaktivisten.
Was hauptsächlich daran liegt, daß sich kein normaler Mensch gerne mit Fanatikern ins Boot setzt.
Die Idee der Bologna-Reform und dem Wechsel zu Bachelor und Master Studiengängen ist vollkommen richtig, und jeder das alte Studiensystem Deutschlands als das Beste der Welt verteidigt hat zum einen den Schuß nicht mehr gehört, und outet sich ausserdem als Rassist (immerhin lebt ein Großteil der Welt mit dem Bachelor und Master System sehr gut, und es werden auch in diesen Universitätssystemen viele excellente Wissenschaftler, Philosophen, etc. herangebildet) - weil er unausgesprochen das alte Motto Deutschlands nachbetet welches denn hieß: Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen.
Was aber mal wieder passiert ist, daß die gesamte Bologna-Reform, wie vieles was in Deutschland passiert, absolut stümperhaft, inkompetent und kontraproduktiv durchgezogen (wenn man überhaupt dieses Wort verwenden soll) wurde. Die Verantwortlichen für dieses Stümpertum sind zahlreich - u.A. gehört dazu die immer weiter ausufernde, bürokratische Megakrake Staat, Kirchtumpolitik seitens der Länder, Unwilligkeit seitens der Universitäten die Reform überhaupt durchziehen zu wollen und das Nutzen von Studiengebühren für alles Mögliche, außer für das für was sie eigentlich gedacht waren.
Die Protestierenden, die sich aber öffentlich produzieren, sind aber Typen, die am liebsten morgen schon nach Kuba auswandern würden, oder besser noch das gesamte hiesige Land in ein glorreiches Ebenbild des real existierenden Sozialismus ala Stalinrussland oder China unter dem größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts, Mao, verwandeln möchten.
Das solche Flaggenträger dann nur auf wenig Symphatie in der Masse treffen braucht nicht zu verwundern.
21:34
Super, die unpolitische Generation zeigt Mumm und Rückgrat! Es wird Zeit, dass unser Zukunft ihr Recht einfordert und sie sollten unsere Solidarität erwarten können.
Wir Elterngeneration erwarten von der Generation der heutigen Studenten, dass sie unsere Renten bezahlen, dass sie die Schulden bezahlen, die wir gemacht haben. Von den Studiengebühren wird ein nicht unerheblicher Beitrag von den Banken als Sicherheit für die Studentenkredite abgezweigt! Das Geld hilft den Banken, nicht den Hochschulen!
Weiterhin: eine Durchlässigkeit der Studiengänge an den verschiedenen Hochschulen ist nicht mehr gegeben: wer sein Studium an einer Hochschule begonnen hat, kann die Hochschule vor den Bachelorabschluss nicht wechseln! Unser Bachelor wird international nur bedingt anerkannt! Unser Diplom hatte weltweit hohes Ansehen! Das, was mal führend in unserer Welt war, wird systematisch kaputt gemacht!
Die meisten Studierenden trauen sich nicht, an den Protesten teilzunehmen, weil sie in 6 Semestern fertig sein müssen! Dann haben sie einen Abschluss, mit dem die Industrie nix anfangen kann und will. Gebt den Kindern eine Chance, die sie verdienen! Unterstützt die berechtigten Forderungen!
Liebe Studenten, habt den Mut für eure Interessen einzutreten und wehrt euch gegen unzumutbare Ausbildungsbedingungen!
20:43
Ich hoffe dass meine Tochter sich an den Aktionen beteiligt. Aber ich fürchte dass sie genauso träge ist wie viele andere von Euch!
19:39
Und weil es nicht stimmt @Necromat
Die Besetzer stoßen auch unter Nichtaktivisten auf Sympathien und Verständnis.
18:22
Ich finde diesen Artikel irgendwie schon fast eine Frechheit. Es ist die Rede von 50 Studenten hier 200 Studenten da. Dass die meisten Studenten gegen die Hörsaalbesetzungen sind, die nur von kleinen radikalen Minderheiten durchgeführt werden, wird wieder komplett unter den Teppich gekehrt, weil es schlicht und einfach kein guter Aufmacher ist!