Geschichtswerkstatt wünscht sich Regelfinanzierung
Oberhausen, 14.11.2009, Rusen TayfurGerade hat die Geschichtswerkstatt ihren 15. Geburtstag gefeiert. Eine Erfolgsstory, die den Mitarbeitern aber auch 15 Jahre lang Sorgenfalten beschert hat. Der Grund: Es gibt keine Regelfinanzierung für die Einrichtung. „Wir müssen von Jahr zu Jahr planen, von Projekt zu Projekt”, sagt André Wilger, einer von vielen Ehrenamtlern im Team. Er wirft der Politik vor, das Lob für erfolgreiche Projekte einzuheimsen, sich aber nicht genügend für eine verlässliche Finanzierung der Geschichtswerkstatt einzusetzen: „Minister Laumann wird die Ausstellung gerne gezeigt, aber dass die Arbeit für 'n Appel und 'n Ei gemacht wurde, das wird nicht erwähnt.”
Seit fünfzehn Jahren schon rede die Stadt sich mit ihrer Verschuldung heraus, laut Wilger „Auslegungssache.” Für Pflichtaufgaben sei schließlich Geld vorhanden, „und man könnte ja auch sagen, dass die Auseinandersetzung mit Geschichte zumindest eine moralische Pflicht ist”. Bisher werde diese wichtige Aufgabe mit „Patchwork-Sachen” finanziert: Entgeltvarianten, Midi-Jobs, Ein-Euro-Jobber und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Daneben gibt es immer wieder Praktikanten, meistens Geschichtsstudenten.
„Wir haben gute Leute”, sagt Heike Sander, „aber die müssen in absehbarer Zeit gehen und hinterlassen große Lücken.” Die Kultur- und Freizeitmanagerin hat selbst eine Art Dreiviertel-Stelle mit 16 Stunden pro Woche. „Wenn es Beschäftigungsverhältnisse gibt”, sagt André Wilger, „dann vom Arbeitsamt geförderte. Das bietet keine Sicherheit, weder für die Leute, noch für die Geschichtswerkstatt.”
Es gebe einfach niemanden bei der Stadt, der sich für ein besseres Finanzierungsmodell einsetze. „In Hamburg gibt es fünfzehn Geschichtswerkstätten”, sagt Wilger, „und alle haben eine Regelförderung.” Vieles wäre einfacher, wenn es zumindest einen festangestellten Mitarbeiter gäbe. „Jemand, der Zeit hat, Konzepte zu entwickeln”, sagt Heike Sander, „und auch ein Ohr in der Stadt, um nachzuhören, was es für Themen gibt, die gerade relevant sind.”
Aktuell schreibt das Team der Geschichtswerkstatt an einem Konzept, wie Oberhausen sich am Kulturhauptstadt-Projekt „Schachtzeichen” beteiligen könnte. Hierbei sollen mit Helium gefüllte Ballons an jenen Stellen aufsteigen, an denen einst Zechen standen. Abgesehen davon, dass bisher erst einer der Ballons finanziert sei – es gibt 20 mögliche Stellen im Stadtgebiet – gebe es auch noch keine wirklich gute Idee dafür, wie aus der Aktion eine Kulturveranstaltung werden könnte. Genau darüber zerbricht man sich hier den Kopf – insgesamt etwa 260 Stunden schon. „Das bezahlt uns kein Mensch”, sagt André Wilger.
Ein weiteres Problem: Seitdem die Geschichtswerkstatt vor fünf Jahren auf das Altenberg-Gelände umgezogen ist, sei die Frequenz der Besucher stark angestiegen. „Das sind ältere Leute, die vorbeikommen, ihre Geschichte erzählen, betüddelt werden wollen”, sagt Heike Sander. Dieser Service sei allein mit Ehrenamtlern schwer aufrechtzuerhalten – zumindest in der Qualität, in der es bisher gemacht werde. Sander: „Dabei ist das doch für unsere Stadtgesellschaft wichtig. Diese Menschen sind Teil unserer Stadt und unseres Gedächtnisses.”
Neue "Schichtwechsel"-Ausgabe des Journals ist erschienen
Der „Schichtwechsel” gehört zu den erfolgreichsten Projekten der Geschichtswerkstatt. Jetzt ist die achte Ausgabe des „Journals für die Geschichte Oberhausens” erschienen. Das Herzstück des Heftes ist ein Text über Oberhausener Spuren in Israel.
Sebastian Mohr hat in Haifa Erich Sander getroffen, der während des Holocausts mit seiner Familie aus Deutschland geflohen ist. Eine spannende Geschichte mit interessanten Details: Nach einer Festnahme am 9. November 1938 wurde Erich Sanders Vater ins Polizeipräsidium am Adolf-Hitler-Platz (heute Friedensplatz) verschleppt und teilte sich über einen längeren Zeitraum eine Gefängniszelle mit Hermann Albertz, dem Vater der späteren Oberbürgermeisterin Luise Albertz.
Natürlich findet auch der Dauerbrenner Bergbau seinen Platz im Heft. Dabei wird erstmals, wie die „Schichtwechsel”-Macher stolz betonen, die vollständige Geschichte von Schacht VI der Zeche Concordia erzählt. Auf dem Gelände befindet sich inzwischen das Theater an der Niebuhrg. Theatermacher Holger Hagemeyer wird ebenfalls vorgestellt – womit der Bogen von der Vergangenheit der Stadt in ihre Gegenwart mal wieder geschlagen wäre.
Ein weiteres Thema des Journals, das für drei Euro in der Buchhandlung und bei der Geschichtswerkstatt (Hansastraße 20, 30 78 350) erhältlich ist: Die Vondernsage aus dem 15. Jahrhundert, mit Burgfräulein, Zauberern und Rittern.
Übrigens wurde der „Schichtwechsel” nur in seinen ersten beiden Ausgaben 2006 von der Stadt finanziert, seither müssen die Macher eine Gebühr erheben und Anzeigenkunden finden. Das Schreiben der Texte, das Redigieren und Layouten liegt in der Hand eines engagierten ehrenamtlichen Teams.


