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Justiz-Krankenhaus bietet kostenlose Tattoo-Entfernung

Resozialisierung der besonderen Art

Fröndenberg, 30.04.2009, Katja Ebbecke
Es ist warm in dem kleinen Raum. Vor dem Eingang leuchtet eine rote Anzeigetafel auf: „Laser Betrieb” Hier im Justizvollzugskrankenhaus (JVK) am Hirschberg, gesichert durch mehrere abgeschlossene Türen, bekommen Strafgefangene ein Geschenk für die Zeit nach dem Knast:

Ihre zumeist selbst gestochenen Tattoos werden entfernt.

„Was kann ich für dich tun?” Mit einem offenen Lächeln begrüßt OP-Schwester Kim Klinger ihren nächsten Patienten. Seit morgens um acht ist sie im Einsatz. Einmal die Woche werden Inhaftierte aus dem ganzen Land mit Fahrdiensten zum Laser-Studio des JVK gebracht. Es ist das einzige Justizkrankenhaus mit diesem Service in NRW. 700 Tattoo-Entfernungen pro Jahr schafft das Team. Heute stehen Insassen aus Bielefeld, Bochum, Detmold, Dortmund, Heinsberg und Schwerte auf Kims Liste.

„Viele erzählen mir, die Tätowierungen seien eine Jugendsünde gewesen”, sagt die OP-Schwester. „Die sind dann sehr froh, dass wir sie ihnen kostenlos wegmachen.” Rund 18 500 Insassen sitzen in Nordrhein-Westfalens Gefängnissen, mindestens jeder zweite davon ist tätowiert.

Steffen (Name von der Redaktion geändert) hat gleich mehrere Verzierungen auf Händen, Armen und dem Oberarm. Erst nach kurzem Zögern zeigt er der OP-Schwester auch das selbstgestochene Tattoo auf dem Oberschenkel: ein Hakenkreuz. „Die sind hier absolut nicht selten”, erklärt Kim Klinger. „Erst vorhin war einer da, der hatte 60 Stück über den ganzen Körper verteilt. Sogar auf den Genitalien waren welche – die machen wir dann aber nicht weg.”

Steffen will das politische Symbol vor seiner Entlassung unbedingt loswerden. „Es gab mal Zeiten, da war ich gegen Ausländer. Aber im Knast habe ich gelernt, mit ihnen umzugehen”, erklärt er. Die Tattoos habe er selbst gestochen: „mit 'ner Nadel und Ruß eben”.

Jetzt sitzt der für bewaffneten Raubüberfall inhaftierte Jugendliche gegenüber der 33-jährigen Krankenschwester und hat seinen Arm auf einer Liege platziert. „Tak, tak, tak, tak” bearbeitet der Laserstrahl die schwarzgefärbten Einritzungen. Der 18-Jährige scharrt mit den Füßen. Sein Arm zittert. „Das tut ganz schön weh”, erklärt Kim Klinger. „Die meisten sagen, mehr als das Tätowieren. Aber wie heißt es: Strafe muss sein.”

Strafe, die eigentlich eine Hilfe ist. „Wir machen die Leute hier gesundheitlich fit für den Arbeitsmarkt”, sagt Dr. Hüseyin Kumm, Laserschutzbeauftragter des JVK. Rund 230 000 Euro hat der Laser des Justizvollzugskrankenhauses gekostet. 300 bis 1000 Euro müssten Tätowierte beim Hautarzt für die Entfernung eines einzelnen Tattoos hinlegen. In Fröndenberg trägt die Kosten das Land. Aus gutem Grund, findet der Arzt: „Nachher haben die meisten bessere Chancen als vor der Haft.” Bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhofft sich auch Victor (Name von der Redaktion geändert). Der 20-jährige Russe hat Steffens Platz gegenüber Kim Klinger eingenommen. Die Finger seiner linken Hand zieren verschiedene russische Symbole, welche für „Tränen der Mutter”, „harte Kindheit” und „Einsitzen im Jugendgefängnis” stehen.

„Ich hab im Knast eine Ausbildung als Industriemechaniker gemacht”, erzählt Victor. „So mit den Tattoos kann ich mich draußen doch nicht bewerben.” Dann setzt die Krankenschwester eine frische Plastikröhre mit dem Laser auf und der 20-Jährige wird still. Zehn Sekunden pro Finger, schon ist alles vorbei. Weiße Brandblasen bleiben. Je nach Tattoo benötigt sie für eine Entfernung der Einritzungen drei bis sechs Sitzungen. „Wir hatten auch schon Leute, die so schmerzempfindlich waren, die sind nach der ersten Sitzung nie wieder gekommen”, berichtet Kim und lacht. In den fünf Jahren, in denen sie am Laser arbeitet, hat die OP-Schwester schon so einiges miterlebt. Ihre Lieblingsgeschichte: „Einer hatte sich auf den Unterarm tätowiert: ,Der Satan soll mein Führer sein'. Er hat dann schon selbst versucht, es zu entfernen, so dass man es kaum noch lesen konnte. Als er schließlich bei mir am OP-Tisch stand, habe ich ihn gefragt: ,Was soll das heißen? Der Salat soll für Freitag sein?'” Der Patient habe sich dermaßen amüsiert, dass er jetzt immer wieder gerne vorbeikomme.

Trotz der Arbeit mit teils gefährlichen Gefangenen wirkt sie unbeschwert. „Die müssen ja alle vorher durch die Sicherheitsschleuse, da habe ich eigentlich keine Angst.” Viel lieber erzählt die 33-Jährige von kuriosen Tattoos und kramt Fotos aus einer riesigen Schublade mit Patientenakten hervor. „Der hier hatte sich einen Elefanten auf die Stirn tätowieren lassen – das muss man sich mal vorstellen.” Auch Rechtschreibfehler seien nicht selten: „Sogar ‚Schlake 04' ist mir schon untergekommen”, erinnert sie sich. Ebenfalls ein beliebtes Motiv: der Name der Partnerin beziehungsweise Verflossenen. „Neulich hatte ein Patient 14 Frauennamen auf dem Arm.” Auch Laserschutzbeauftragter Kumm weiß eine Geschichte zu erzählen. „Da wollte sich ein Insasse einen Adler auf die Schultern tätowieren lassen”, beginnt er. „Doch seine Kumpels haben ihn reingelegt und die Vorderansicht einer Waschmaschine samt Logo auf den Rücken gestochen.”

Victors Tätowierungen waren zwar kein Versehen, dennoch fühlt er sich ohne Zeichen auf den Fingern wohler. „Wenn ich draußen bin, will ich nicht sofort als einer erkannt werden, der im Knast war”, erklärt er. Ein Jahr hat der 20-Jährige noch bis zu seiner Entlassung – und frisch gestochene Tattoos werden auch in der JVK nicht mehr entfernt.

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