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Stadtwerke suchen bundesweit nach neuen Stromkunden

19.02.2010 | 07:29 Uhr
Stadtwerke suchen bundesweit nach neuen Stromkunden

Bochum/Duisburg.Angriff ist die beste Verteidigung. Deshalb gehen jetzt immer mehr Stadtwerke in die Offensive. Sie wollen den Verlust hiesiger Haushalte an Billigstrom-Anbietern nicht weiter hinnehmen und werben jetzt selbst bundesweit um Kunden. Bochum und Duisburg melden erste Erfolge.

Die Bochumer haben die Qual der Wahl. Die Einwohner können unter 52 verschiedenen Stromanbietern wählen. Zwar gelten die Deutschen immer noch als Wechselmuffel – gerade einmal 20 Prozent der Haushalte haben bisher den Stromanbieter gewechselt. Trotzdem drängen immer mehr Anbieter auf den liberalisierten Markt, um den alteingesessenen Unternehmen den Platz streitig zu machen. Das bekommen auch die kommunalen Stromversorger zu spüren. „Trotz der vielen Wilderer auf unserem Gebiet beliefern wir 95,5 Prozent der hiesigen Haushalte, was im Vergleich zu anderen Städten noch eine gute Quote ist“, berichtet der Sprecher der Bochumer Stadtwerke Thomas Schönberg.

Reines Internetprodukt mit kleinem Kostenapparat

Kampflos wollen die Bochumer das Feld nicht den Billig-Anbietern überlassen. „Wir sehen den Wettbewerb als Chance und haben uns deshalb entschlossen, ebenfalls bundesweit auf den Markt zu gehen“, betont Schönberg. So hat die Gelsenwasser AG – seit 2003 in Besitz der Stadtwerke Bochum und Dortmund – eine erfolgreiche Tochtergesellschaft: „Energiehochdrei hat innerhalb eines halben Jahres je 20.000 Gas- und Stromkunden gewonnen“, sagt Schönberg. Dabei handle es sich um ein reines Internetprodukt mit einem „kleinen Kostenapparat“, weil die Stadtwerke in der Abwicklung und im Servicebereich nicht viel Personal einsetzen müssen.

Auch das „Rheinpower Pro“-Angebot der Bochumer Stadtwerke laufe bundesweit zufriedenstellend. In zwei Jahren habe man außerhalb Bochums eine kleine fünfstellige Kundenzahl gewonnen. „Aus unserer Sicht ist das ein schönes Mitnahmeprodukt aus der Universitätsstadt: Studenten können so nach Studiums-Ende ein Stück Heimat an ihren neuen Berufsstandort mitnehmen“, erklärt Schönberg.

Kommunale Unternehmen erobern den Billig-Sektor

Mit der Strategie bundesweit zu operieren stehen die Bochumer Stadtwerke nicht alleine da. Bei einer Verivox-Untersuchung im Januar stellte sich heraus, dass von 25 Stromversorgern, die Extrem-Billig-Angebote mit Ganz-Jahres-Vorauszahlungen offerieren, mehr als die Hälfte von kommunalen Unternehmen oder deren Töchtern stammen. Darunter sind aus NRW unter anderem auch die Stadtwerke Bielefeld und Troisdorf.

Sponsoring
Gespräche über Trikotwerbung zwischen Stadtwerke und MSV
Gespräche über Trikotwerbung zwischen Stadtwerke und MSV

Eine Verlängerung des Trikot-Sponsorvertrages zwischen den Duisburger Stadtwerken und dem MSV Duisburg ist noch offen.

Ob sich das Trikot-Sponsoring beim MSV Duisburg für die Stadtwerke Duisburg auch in nackten Zahlen rentiert, konnte Pressesprecher Nordiek nicht sagen. „Die Idee hat sicherlich gefruchtet, aber ob wir in anderen Zweitliga-Städten dadurch hohe Abschlusszahlen haben, können wir derzeit nicht sagen.“ Ob der Sponsorvertrag mit dem MSV Duisburg über die Saison hinaus verlängert wird, stehe noch nicht fest. „Die Gespräche laufen“, sagt Stadtwerke-Sprecher Thomas Nordiek. Ein wichtiger Faktor ist wohl die sportliche Entwicklung. Falls der MSV doch noch den Aufstieg in die 1. Bundesliga schaffen sollte, müsste wohl die finanzielle Unterstützung weitaus höher als bisher ausfallen. (ik)

Mit großen Ambitionen sind die Stadtwerke Duisburg zum 1. Oktober 2009 mit dem neuen Produkt „Rheinpower“ in den Billigstrom-Markt eingestiegen. Verluste unter den Duisburger Haushalten sollen überregional aufgefangen werden. Das lassen sich die Stadtwerke einiges kosten, denn mit dem Einstieg als Trikotsponsor beim Fußball-Zweitligisten MSV Duisburg investiert das Unternehmen Schätzungen zufolge bis zum Saisonende eine Million Euro.

Schrittweise werden neue Gebiete erobert

6000 Kunden konnte das Unternehmen seit dem Start für Rheinpower gewinnen. „Damit sind wir sehr zufrieden, da wir bisher erst unser Angebot schrittweise am Niederrhein, im Ruhrgebiet und Richtung Niedersachsen ausgeweitet haben“, so Stadtwerke-Sprecher Thomas Nordiek. Aktuell versorgt das Unternehmen rund 250.000 Haushalte in Duisburg – das seien rund 94 Prozent im Stadtgebiet. „Die Zahl ist relativ stabil“, so Nordiek – auch wenn die Stadtwerke erst zum Januar ihre Tarife um 4,1 Prozent bzw. 0,9 Cent pro Kilowattstunde erhöhen mussten. „Dafür geben wir unseren Kunden aber eine Garantie bis zum Rest des Jahres, dass keine weitere Erhöhung dazukommen wird.“

Die Preiserhöhungen zahlreicher Stromversorger Anfang 2010 haben bereits viele Kunden ins Grübbeln gebracht und die Wechselbereitschaft der Kunden weiter erhöht. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes Infratest schwankt jeder zweite Kunde von RWE, Eon, EnBW oder Vattenfall oder ist sogar bereit, sich einen günstigeren Anbieter zu holen.

Trägheit verhindert häufig den Wechsel

Derartige Studien relativiert Dr. Thorsten Storck vom Internetvergleichsportal Verivox: „Das sind Willens- und Absichtserklärungen, aber in der Realität sind die Zahlen deutlich geringer – bisher haben nur rund 20 Prozent der Haushalte einmal den Anbieter gewechselt“. Ähnlich sei es auf dem Telekommunikationsmarkt – auch dort seien noch 80 Prozent bei der Telekom. „Viele Menschen haben halt noch mit ihrer Trägheit zu kämpfen“, bilanziert Storck.

Trotzdem sei es ein Fehler von klassischen Grundversorgern sich nur in ihrem angestammten Gebiet zu bewegen: „Irgendwann haben sie durch die Liberalisierung des Strommarktes so viele Kunden verloren, dass sie ein Kostenproblem bekommen“, erklärt der Verivox-Experte.

Ingmar Kreienbrink

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