Sozialforscherin kritisiert deutsches Bildungssystem
22.02.2012 | 14:10 Uhr 2012-02-22T14:10:48+0100Die renommierte Berliner Sozialforscherin Jutta Allmendinger hat das deutsche Bildungssystem scharf kritisiert. Obwohl seit langem bekannt sei, wie wichtig Bildung sei, sehe sie "nach wie vor nicht das, was wir brauchen", sagte sie beim sozialpolitischen Aschermittwoch der Kirchen in Essen.
Essen (dapd-nrw). Die renommierte Berliner Sozialforscherin Jutta Allmendinger hat das deutsche Bildungssystem scharf kritisiert. Obwohl seit langem bekannt sei, wie wichtig Bildung sei, sehe sie "nach wie vor nicht das, was wir brauchen", sagte sie beim sozialpolitischen Aschermittwoch der Kirchen in Essen.
Das derzeitige System gehe zu wenig auf die einzelnen Kinder ein, monierte Allmendinger. Im Ergebnis seien 21 Prozent der 15-Jährigen im Prinzip Analphabeten. Sie könnten zwar Texte lesen, aber nicht richtig verarbeiten.
Um diese "Bildungsarmut" zu bekämpfen, müsse insbesondere für Kinder mehr getan werden, forderte die Forscherin. Es gehe in die falsche Richtung, wenn Universitäten kostenlos seien, für die qualifizierte Betreuung kleiner Kinder aber oft viel gezahlt werden müsse. Denn im Kindesalter würden die Grundlagen für das spätere Leben gelegt. Und eine höhere Bildung bedeute nicht nur bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und damit auch die Chance auf ein finanziell unabhängiges Leben, sondern gehe meist auch mit einer besseren Gesundheit einher, betonte Allmendinger.
Gerade am Anfang der Bildungskarrieren müsse der Staat daher mehr investieren, um auch Kindern aus sozial schwächeren Familien mehr Möglichkeiten zu eröffnen, forderte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Vor diesem Hintergrund prangerte sie die "soziale Vererbung von Bildung" an. Es sei eine "Ungerechtigkeit", dass der Bildungserfolg eines Kindes im heutigen System wesentlich davon abhänge, welcher Bildungsschicht seine Eltern angehörten.
Allmendinger warb dafür, den Sozialstaat auf zwei Säulen zu stellen. Er müsse zwar präventiv verstärkt wirken. "Wir können aber auch nicht auf den Sozialstaat im klassischen Sinne verzichten", sagte die Forscherin. Es sei wichtig, dass jenen Menschen, die im weiteren Leben Unterstützung bräuchten, weiterhin geholfen werde. Als Beispiel nannte sie die skandinavischen Länder, in denen es ein erfolgreiches Bildungssystem, zugleich aber auch bessere Unterstützungen für Arbeitslose gebe. "Das muss unser Vorbild sein", sagte Allmendinger.
dapd