Das aktuelle Wetter NRW 14°C
Virus

Schweinegrippe verläuft bei deutschen Betroffenen milde

03.05.2009 | 08:31 Uhr
Schweinegrippe verläuft bei deutschen Betroffenen milde

Frankfurt/Mexiko-Stadt. Die Schweinegrippe scheint nicht so tödlich, wie zunächst befürchtet, den sechs deutschen Erkrankten geht es relativ gut. Experten warnen dennoch vor vorzeitigem Optimismus. Die Weltgesundheitsorganisation versorgt jetzt Entwicklungsländer mit Medikamenten.

Trotz erster Anzeichen, dass das neue Influenza-Virus weniger gefährlich als der Erreger der verheerenden Spanischen Grippe von 1918, besteht nach Einschätzung der WHO kein Anlass für eine voreilige Entwarnung.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Gesundheitsbehörden sind weltweit bislang 715 Erkrankungen an der Schweinegrippe bestätigt. Mit dem zweiten Fall einer Mensch-zu-Mensch-Infektion gibt es in Deutschland inzwischen sechs Patienten, bei denen die Infektion aber nicht dramatisch verläuft.

"Noch ein Zeit lang den Atem anhalten"

In einem Krankenhaus in Hongkong hängen Informationstafeln zur Schweinegrippe. Foto: ap

«Diese Viren mutieren, sie ändern sich, sie können sich mit anderem genetischen Material neu gruppieren, mit anderen Viren», erklärte am Samstag Mike Ryan, Direktor der Weltgesundheitsorganisation für das globale Warnsystem. Es wäre deshalb unklug, sich zu diesem Zeitpunkt von Hinweisen beruhigen zu lassen, das neue Virus sei schwächer als zunächst befürchtet.

Ähnlich äußerte sich auch das US-Zentrum für Seuchenkontrolle (CDC). «Wir haben schon Zeiten erlebt, in denen die Dinge scheinbar besser wurden, nur um dann schlechter zu werden», erklärte Anne Schuchat, Wissenschaftsdirektorin des CDC. «Ich glaube, in Mexiko werden wir noch eine Zeit lang den Atem anhalten.»

Zuvor hatte die gleiche Behörde erklärt, das Schweinegrippe-Virus H1N1 verfüge nicht über die genetischen Eigenschaften, die den früheren Erreger so gefährlich machten. Es gebe allerdings noch vieles, was die Wissenschaft über die Virulenz des Virus von 1918/19 herausfinden müsse, sagte CDC-Grippeexpertin Nancy Cox. Die Spanische Grippe war einer der tödlichsten Seuchen in der Geschichte der Menschheit. Experten schätzen, dass 40 bis 50 Millionen Menschen an der Krankheit starben.

Lage in Mexiko beobachten

In Mexiko trauern Angehörige eines Grippeopfers. Foto: ap

Das neue Virus scheine nicht die gefährliche Kraft früherer Erreger zu haben, bestätigte auch Cox' Kollege Steve Waterman, unter dessen Leitung ein internationales Expertenteam Mexiko im Kampf gegen die Schweinegrippe zur Seite steht. Eine voreilige Entwarnung dürfe es jedoch nicht geben, zunächst müsse abgewartet werden, ob sich die Lage in Mexiko nun wirklich stabilisiere.

Am stärksten betroffen ist Mexiko als Ursprungsland der Krankheit. Dort wurden bisher 443 Menschen angesteckt und 16 starben. In den USA wurden 170 Erkrankungen und ein Todesfall registriert. Kanada meldete 52 Ansteckungen, Spanien 15, Großbritannien 13.

In Deutschland erkrankten nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bislang sechs Menschen. Zudem gibt es 30 Verdachtsfälle. Neu bestätigt wurde die Krankheit jetzt bei einem 38-jährigen Mann aus Bayern, der im Krankenhaus von Mallersdorf (Landkreis Straubing-Bogen) im selben Zimmer wie ein infizierter 37-jähriger Mexiko-Urlauber lag. Dieser hatte auch eine 42 Jahre alte Krankenschwester angesteckt.

Infektionen in Deutschland verlaufen milde

RKI-Präsident Jörg Hacker sagte: «Insgesamt verlaufen die bisherigen Infektionen in Deutschland relativ milde, ähnlich wie bei der saisonalen Influenza.» Die Bundesbehörde sehe weiterhin keine allgemeine Gefährdung der Bevölkerung. 59 Prozent der Bundesbürger haben keine Angst vor einer weltweiten Ausbreitung des Virus, wie eine repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag der «Bild am Sonntag» ergab. Etwas Angst haben 36 Prozent und große Angst nur 4 Prozent.

Ab Sonntag wird die Schweinegrippe meldepflichtig. Das Bundesgesundheitsministerium ordnete per Rechtsverordnung an, dass Ärzte Verdachtsfälle und Erkrankungsfälle an das Gesundheitsamt melden müssen.

Hotel unter Quarantäne

Chinesische Kontrolleure untersuchen auf einem Flughafen in Shanghai Passagiere eines Fluges aus Mexiko. Foto: ap

Im Kampf gegen eine weitere Ausbreitung der Grippe schloss Mexiko am Freitag für fünf Tage alle Behörden und privaten Betriebe, die keine lebenswichtigen Dienstleistungen verrichten. Als Vorsichtsmaßnahme wurden auch in den USA Dutzende weiterer Schulen geschlossen. Insgesamt ruht der Unterricht bereits in mehr als 400 Schulen in 18 US-Staaten; knapp 250.000 Schüler waren betroffen.

Nach dem ersten Schweinegrippe-Fall in China wurden Flüge aus Mexiko ausgesetzt. Das Hotel, in dem der erkrankte Tourist aus Mexiko in Hongkong abgestiegen war, wurde für sieben Tage unter Quarantäne gestellt.

WHO verschickt Medikamente

Die WHO hat unterdessen 2,4 Millionen Einheiten des Grippemedikaments Tamiflu in 72 Entwicklungsländer verschickt. Der Schweizer Pharmakonzern Roche hat seinen Notvorrat von drei Millionen Packungen freigegeben und erhöht die Produktion weiter.

Die Entwicklungsländer sollen mit Tamiflu gegen den möglichen Ausbruch einer Schweinegrippe-Pandemie gewappnet werden. «Zu diesem Zeitpunkt ist es wichtig, dass alle Länder Zugang zu antiviralen Präparaten haben», sagte der zuständige WHO-Direktor Mike Ryan am Samstag in Genf. Die Empfängerländer nannte Ryan nicht. Er fügte hinzu, die WHO habe ihre Warnstufe noch nicht auf den Pandemie-Alarm der höchsten Stufe erhöht, da das Virus dazu erst noch eine anhaltende Übertragung außerhalb Nordamerikas verursachen müsse.

Roche gibt Notvorrat frei

Die Weltgesundheitsorganisation verschickt Grippemedikamente in Entwicklungsländer. Foto: ap

Der Schweizer Pharmakonzern Roche entsprach der Bitte der WHO und gab den Notvorrat an Tamiflu am Samstag frei. Der Vorrat werde nach Ermessen der WHO in betroffenen Ländern eingesetzt, teilte Roche mit. Die Vorräte der Gesundheitsorganisation umfassen regionale Bestände von zwei Millionen Packungen Tamiflu, die weltweit gelagert werden, sowie einen Notvorrat von drei Millionen bei Roche eingelagerten Packungen Tamiflu.

Zudem steigert Roche die Produktionsmenge von Tamiflu weiter, um die wachsende Nachfrage nach dem Grippemedikament zu decken. In der vergangenen Woche war der Produktionsausstoß von Tamiflu an verschiedenen Stellen in der Lieferkette erhöht worden. Die produzierte Menge Tamiflu könne dank der Produktionssteigerung laufend erhöht werden, erklärte der Konzern weiter. Roche unterstütze die Regierungen im Kampf gegen diesen Grippeausbruch und arbeite eng mit ihnen zusammen, um bei Bedarf Bestellungen für Tamiflu auszuführen, heißt es in der Mitteilung. (ap)

Mehr zum Thema:

DerWesten

Facebook
 
Kommentare
03.05.2009
08:12
Schweinegrippe verläuft bei deutschen Betroffenen milde
von FF | #6

@4

Sie sprechen mir aus der Seele.

Die Qualität der WAZ-Berichterstattung hat in den letzten Jahren immens nachgelassen und der Bildzeitungscharakter kristalisiert sich immer weiter heraus.

03.05.2009
00:33
Schweinegrippe verläuft bei deutschen Betroffenen milde
von TanteTrudi | #5

Also ich finde Hühnersuppe geil...

03.05.2009
00:24
Schweinegrippe verläuft bei deutschen Betroffenen milde
von linker Beobachter | #4

Mal ganz im Ernst, liebe Journalisten: Zum handwerkszeug gehört doch eigentlich die Recherche. Wo ist die geblieben bei der Berichterstattung über die Schweinegrippe ? Welötweit 635 Fälle, in den Medien - von WAZ bis WDR - indes wird auf Panik gebürstet. Der gefühlte Eindruck beim lesen der Artikel oder Sehen der Filme: Millionen menschen schniefen unter dem Virus, Gevatter Tod zieht globale Schneisen....

Geht`s denn noch ? Ordentliches journalistisches Handwerk hätte in diesem Fall eines bedeutet: Beobachten, gegebenenfalls melden - mit der erforderlichen Distanz und wirklichen Aufklärung. Denn noch liegt die Verbreitung dieses Vorus im Promillbereich. Wie wollen Journalisten eigentlich reagieren, wenn wirklich Millionen von Menschen von einem tatsächlich gefährlich grassierenden Virus betroffen sind ?

Manchmal wünsche ich mir die Zurückhaltung und Gründlichkeit jener Journalisten aus den Sechziger und Siebziger Jahren zurück, als die Verantwortung und nicht verkaufsträchtige oder quotenfördernde Schlagzeile sondern wirklich journalistisches Handeln im Vordergrund stand.

02.05.2009
23:56
Schweinegrippe verläuft bei deutschen Betroffenen milde
von kuba4711 | #3

Offenbar ist die Widerstandskraft des deutschen Michel gegen Panik -egal welcher Art- immens hoch .
Oder ist es -was die Banken-u. Wirtschaftskrise u. jetzt die Gesundheitskrise betrifft - der alte Glaube an die Obrigkeit,die es scho richten wird?

02.05.2009
23:10
Schweinegrippe verläuft bei deutschen Betroffenen milde
von janice09 | #2

Schweinegrippe?In Ordnung.Wie wärs denn mal wieder mit BSE oder Hühnergrippe und Fischwürmern und Vogelgrippe.

02.05.2009
22:59
Schweinegrippe verläuft bei deutschen Betroffenen milde
von aufrecht | #1

Und schon wieder wird eine arme, magere Sau durchs Weltdorf Presse gejagt.
Hungernde mexikanische Schreiber jubeln jeden Husten eines Menschen in der Stadt mit der höchsten Luftverpestung der Welt zur Schweinegrippe hoch. Täglich sterben doch wesentlich mehr Menschen an der riesigen Verschmutzung von Mexico City.
Keinen der verantwortlichen mexikanischen Politiker kümmert das.

Die Hysterie in Europa über die angebliche Gefahr halte ich für maßlos übertrieben und sogar schädlich. Die Produktion der wichtigen Impfstoffe für die folgende Grippesaison im nächsten Winter soll jetzt unterbrochen werden. Für ein oder zwei Infizierte aus Mexico. Welch ein Schwachsinn. An der gewöhnlichen Grippe sterben in Deutschland zwischen 4 und Fünftausend Menschen pro Jahr. Ohne Impfung sind es wesentlich mehr.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/670451/create

Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
Berlin in schwarz-gelb
Bildgalerie
BVB-Fans
Papst Benedikt wird 85
Bildgalerie
Kirche
Aus dem Ressort
Verzögerung am neuen Berliner Flughafen schockt Branche
Wirtschaft
"Wir haben keinen Plan B.", so lautete die Reaktion vieler Verantwortlichen nach der Bekanntgabe, dass sich die Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg verschieben wird. Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn befürchtet unkalkulierbare Kosten. Urlauber werden wohl zu einem anderen Terminal anreisen...
NRW wehrt sich gegen Akw-Neubau in den Niederlanden
Atomkraft
Im niederländischen Borssele ist ein neues Atomkraftwerk geplant. Der Ort in der Provinz Zeeland ist nur wenige Kilometer von Nordrhein-Westfalen entfernt. Die NRW-Landesregierung spricht sich gegen den Bau des Kraftwerks aus. Auch jeder Bürger kann bis zum 12. Januar Einspruch gegen das Akw...