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Karneval

Rosenmontags-Zug zeigt Merkel als Sünderin

15.02.2010 | 06:52 Uhr
Rosenmontags-Zug zeigt Merkel als Sünderin

Düsseldorf. Kanzlerin Merkel als Steuer-Sünderin und US-Präsident Obama auf dem Boden der Tatsachen: Mit närrischem Spott und tonnenweise Kamelle und Klümpkes haben die Rosenmontagszüge an Rhein und Ruhr den Höhepunkt der „Fünften Jahreszeit“ eingeläutet.

Trotz Schnees und eisiger Temperaturen haben in den Karnevalshochburgen hunderttausende Menschen ausgelassen Rosenmontag gefeiert. Zum größten Zug in Köln kamen nach Schätzungen der Veranstalter rund eine Million Zuschauer. Auch in Mainz und Düsseldorf säumten Hunderttausende die Straßen und feierten den Höhepunkt des närrischen Treibens. Auf zahlreichen Motivwagen bekam auch die schwarz-gelbe Bundesregierung ihr Fett weg.

Unter dem Motto „Jeck, we can“ zeigten die Mottowagen in Düsseldorf, dass der närrische Titel „Scharf, we can“ auch gut zum diesjährigen Rosenmontagszug gepasst hätte: Die zwölf Mottowagen von Wagenbauer Jacques Tilly waren bis zu letzt Geheimsache - und sind, wie gewohnt in Düsseldorf, brandaktuell.

Attacke: SPD-Chef Gabriel auf dem halbtoten Gaul SPD.

So verspotteten die Düsseldorfer Kanzlerin Angela Merkel anhand des biblischen Motivs vom Sündenapfel als Steuersünderin. US-Präsident Barack Obama steht im Düsseldorfer Rosenmontagszug Kopf - seine Versuche, die Welt zu verbessern enden auf dem Boden der Tatsachen. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel bekommt in Düsseldorf sein Fett weg: Mit einem Schwert bewaffnet führt er die SPD - auf einem halbtoten Gaul sitzend - zur Attacke. Einen Seitenhieb nach Köln haben die Düsseldorfer natürlich nicht ausgespart: Vor dem Hintergrund des U-Bahn-Bauskandals küsst ein blinder Kölner Jeck den blanken Hintern einer Möhne.

Jeck, we can“

Bis in den Nachmittag ist der Zug in der Landeshauptstadt unterwegs. Weil es im vergangenen Jahr teilweise zu eilig zuging, ist das Tempo diesmal etwas langsamer: 2,3 statt 2,8 Stundenkilometer - im Durchschnitt. Unter dem Motto „Jeck, we can!“ ziehen 69 Wagen, 40 Kapellen und 5500 Jecken durch die Stadt. Der Zugweg ist fünf Kilometer lang. Die Karnevalsgesellschaften wollen rund 50 Tonnen Wurfmaterial unters närrische Volk bringen.

Im Reich der Brüste: Italiens Premierminister Silvio Berlusconi aus Sicht der Kölner Narren.

In Köln setzten sich unter dem Motto „In Kölle jebützt“ (In Köln geküsst) mehr als 10.000 Teilnehmer zu einer mehrere Kilometer langen bunten Parade in Bewegung. 124 Musikkapellen sorgten für Stimmung, während die Jecken unter „Kölle Alaaf“-Rufen insgesamt 150 Tonnen Süßigkeiten und rund 300.000 kleine Blumensträuße in die Menge warfen. Bei Temperaturen knapp unter Null mussten sich die Kölner Jecken in diesem Jahr warm schunkeln. Räumfahrzeuge hatten zuvor die Zugstrecke von Schnee und Eis befreit.Ihre Motivwagen widmeten die Kölner Karnevalgesellschaften der Finanzkrise, der Schweinegrippe und zahlreichen Themen aus der Innen- und Außenpolitik.

Zu sehen war zum Beispiel der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, der vor den Augen von Cowboy Barack Obama ein trojanisches Pferd mit einer Atombombe im Bauch zieht. Aufs Korn nahmen die Karnevalisten auch den durch sein Liebesleben in die Schlagzeilen geratenen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Ein Wagen zeigte ihn in einem Meer von Frauenbrüsten; in Düsseldorf wird Berlusconi beim Vollzug der „Homoehe“ mit einem Mafiioso aufgespießt.

Drei Affen von den KVB...

Auf Stimmenfang? NRW Ministerpäsident Jürgen Rüttgers fährt im Kölner Rosenmontagszug mit.

Thematisiert wurden aber auch der Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor einem Jahr und der in der Folge bekannt gewordene Pfusch beim Bau der U-Bahn-Erweiterung: Drei Affen als Vertreter der Kölner Verkehrs-Betriebe, der Gutachter und der Stadt halten sich Mund, Ohren und Augen zu. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wiederum tritt als Lehrerin auf, die ihren Schülern Rekordschulden beibringen muss.

Auch die Mainzer verspotten die schwarz-gelben Koalitionäre in Berlin. Ein Gefährt zeigte Merkel als Braut, die den kleinen Guido Westerwelle (FDP) mit säuerlicher Miene über die Schwelle ins Brautgemach trägt. Auf einem anderen Wagen müssen beide Lotto spielen, um die Steuersenkungen finanzieren zu können. Die SPD kam ebenfalls nicht ungeschoren davon: So wird Parteichef Sigmar Gabriel als „zartes Pflänzchen“ neben seinen bereits verwelkten Vorgängern „eingetopft“.

Etwa 400.000 Zuschauer ließen sich von den kalten Temperaturen in Mainz nicht abschrecken und bestaunten den Zug mit knapp 10.000 Teilnehmern und 148 Wagen. „Bei uns in Meenz gilt die Devise, die Fassenacht kennt keine Krise“ lautete die diesjährige Devise der Narren.Auch im verschneiten Düsseldorf wurde ausgelassen gefeiert. Hunderttausende Zuschauer freuten sich in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt an den 72 Wagen und 5500 Jecken, die sich in diesem Jahr unter dem Motto „Jeck - we can“ formiert hatten

Unter dem Motto „Bönnsche Saache, drövver Laache“ (Bonner Sachen, drüber lachen) bewegte sich in Bonn der Rosenmontagszug durch die Straßen der Innenstadt. Der „Zoch“ mit Prinz Amir I. und Bonna Uta I. war um 12.00 Uhr gestartet. Insgesamt wurden im Rheinland zwei Millionen Rosenmontags-Gäste erwartet.

In Alpen zogen am Sonntag bereits die Kinder durch die Stadt.

Karneval mit Kultur im Ruhrgebiet

Der närrische Lindwurm, mal groß, mal kleiner, schlängelt sich Rosenmontag auch durch fast alle Städte des Ruhrgebiets. Früh dran waren die Bottroper, wo das bunte Treiben mit 60 Gruppen schon um 10.30 Uhr begann.

Ein schönes Motto haben die Langenberger Karnevalisten: „Schweinegrippe - die Kosten trägt die arme Sau“. Um 11.11. Uhr gingen die elf Motivwagen und 20 Fußgruppen auf die Reise, in Tönisheide seit 13 Uhr und in Velbert-Innenstadt ab 14.11 Uhr.

50 Wagen und Fußgruppen - so viele gab es in Herne noch nie. Um zwölf Uhr startete der Zoch auf dem Kurt-Edelhagen-Platz in Sodingen.

Aber auch in Duisburg herrscht Ausnahmezustand, um 13.11 Uhr setzte sich der Zoch in Bewegung mit 25 Kapellen, 77 Fußgruppen und 34 Großwagen. Am Streckenrand wurden 200.000 Jecke erwartet. Kultur und Krise stehen im Mittelpunkt des Essener Zuges, der um 13.11 Uhr an der Gruga gestartet ist. Das diesjährige Motto: „Jeder weiß hier anne Ruhr, Karneval ist auch Kultur“.

Elefanten in Oberhausen.

Karnvalistischer Massenstart

Am Nachmittag folgte ein karnevalistischer Massenstart: in Mülheim, Bochum-Linden und Dortmund, „Kultur pur von Ückendorf bis Buer“ heißt es in Gelsenkirchen. In Wattenscheid zogen die beiden Gänsereitervereine über den Hellweg, etwa 60 000 standen Spalier. Bis zu 40 000 Zuschauer wurden auf der Dorfstraße in Hattingen-Holthausen (15.11 Uhr) erwartet. In Rietberg steht der Rosenmontagszug unter dem Motto „Die Krise scheint vorbei zu sein, es atmet auf das rosa Schwein.“

Rosen kommt von Rasen?

Warum zum Karneval der Montag „Rosenmontag“ heißt, ist ein Rätsel. Sprachforscher nehmen an, dass das „Rosen“ eigentlich von „Rasen“ stammt - weil am Rosenmontag das Narrenvolk vor Begeisterung rast und sich, die Fastenzeit vor Augen, ein letztes Mal fleischlichen Freuden hingibt.Für die Herkunft dieses Wortes spricht die Hemmungslosigkeit, mit der man bereits im Mittelalter die Fastnacht feierte: Männer verkleideten sich als Frauen, Frauen als Männer, und alle waren sie bis zur Unkenntlichkeit vermummt und tollten lärmend durch die Straßen. Der Adel hingegen tanzte auf Maskenbällen. Andere glauben, dass der Rosenmontag seinen Namen dem vierten Fastensonntag verdankt: Dieser Tag wurde seit Papst Leo IX. (1049-1054) auch der „Rosensonntag“ genannt. Das Kirchenoberhaupt trat an diesem Tag mit einer goldenen Rose als Christus-Symbol vor die Gläubigen, um auf das Leiden von Jesus Christus zu verweisen. (Rolf Kiesendahl/apn/ddp/afp)

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