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Richard von Weizsäcker wird 90

14.04.2010 | 18:02 Uhr
Richard von Weizsäcker wird 90

Berlin. Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker feiert am heutigen Donnerstag seinen 90. Geburtstag. Für die Deutschen ist er der Vorzeige-Politiker. Mit ihm verbinden sie Begriffe wie Souveränität, Haltung, Würde - Eigenschaften also, die vielen anderen Politikern weniger zugeschrieben werden.

Zum Geburtstag, zu einem runden allemal, schreibt man ja manches Überhöfliche schnell mal so dahin, weil man dem Jubilar unbedingt ein Kompliment in XXL machen will, wo doch schon genügend in XL auf dem Markt ist.

Aber bei Richard von Weizsäcker, diesem Ausnahme-Präsidenten unter den besten Bundespräsidenten, scheint dieser Tage kein Wort der Wertschätzung zu weit hergeholt, keine Eloge zu emphatisch, kein Kränzchen zu schön geflochten. Wie kann das nur sein?

Wer sich durch die nunmehr neun Jahrzehnte dieses am 15. April 1920 in einem Stuttgarter Diplomaten-Haushalt geborenen Mannes gräbt, den es als Kind durch die Weimarer Republik, als Heranwachsenden durch das Dritte Reich, als Erwachsenen durch die Bundesrepublik geführt hat, kommt an Begriffen nicht vorbei, die mit den obersten Repräsentanten dieser Republik nicht gerade im Übermaß verbunden werden: Aura. Charisma. Haltung. Würde. Ernst. Souveränität.

Die Macht des geschliffenen Wortes

In Richard von Weizsäcker spiegelt sich das Bewusstsein, in ihm einen Sachwalter besessen zu haben, auf den man als Bundesbürger stolz sein durfte, ohne falscher Schwärmerei geziehen zu werden. Etwas, was für die Deutschen bis heute eine Rarität genannt werden darf. Die Macht des geschliffenen Wortes und wie man es intoniert steht im Zentrum der Wirkmächtigkeit Richard von Weizsäckers.

Gepaart mit einem gediegenen Gestus, den er sich als junger Mann auf Schulen in Berlin, Dänemark und der Schweiz und im Studium in Oxford und Grenoble zugelegt hat. Seine Biographie führte ihn vom hoch angesehenen Infanterieregiment 9 (das 19 Offiziere im Widerstand gegen Hitler verlor) erst als Jurist zu Mannesmann, später vom Industriellen zum Privatbankier und hernach vom kleinen Bruder des großen Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker zum lange Zeit populärsten deutschen Staatsmann. Nie ist Deutschland bis heute auf diplomatischem Parkett mit mehr Noblesse vertreten worden. Nie hat ein Präsident mit einer Rede derart Geschichte geschrieben.

Was Weizsäcker am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Kapitulation Nazi-Deutschlands im Bundestag sagte, wie er von dem Tag der Befreiung sprach („Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“), ist mittlerweile in über 25 Sprachen übersetzt worden. Ein Manifest der Autorität, Integrität und Lebensklugheit, entstanden in einer Zeit, als Politikverdrossenheit zum Modewort der Deutschen wurde.

Mythos vom 8. Mai

An diesem 8. Mai wurde er begründet, der Mythos Weizsäcker. Wann immer seither die Verunsicherung über bleischwere politisch-ethische Fragen mit Händen zu greifen war, wann immer im nationalen Selbstgespräch einer gesucht wurde, der abgekoppelt von Parteien und deren Interessen denken und urteilen kann, durfte man gewiss sein, dass - neben Helmut Schmidt - sein Name fiel.

Weizsäckers Gabe, für sich einzunehmen, trotz der ihn umgebenden Distanz, wurde oft mit seinem angeblichen Hang zu Sanftmut und Weichheit erklärt. Ein Fehlurteil, wie die jahrzehntelange diskret gelebte Rivalität zu Helmut Kohl , am Ende darf man von kühler Feindseligkeit sprechen, beweist. Ohne ausgeprägten Ehrgeiz und fein justierte Antennen für Macht hätte der preußische Schwabe Weizsäcker die vielen Fallen des Oggersheimers nicht umgehen können, der ihm lange Zeit den Weg ins Schloss Bellevue zu verstellen suchte.

Erst 1997, drei Jahre nach Ende seiner zweiten Amtszeit, rechnete Weizsäcker mit Kohl ab. Im „Spiegel“ konstatierte er, die Kraft, die Kohl auf den Erhalt von Macht verwende, übersteige bei weitem die konzeptionelle Pionierarbeit, `von geistiger Führung ganz zu schweigen“. Wenn Richard von Weizsäcker, dem leidenschaftlichen Wanderer und Skilangläufer, bis heute etwas Unbehagen bereitet, dann gedankliche Behäbigkeit.

Einfluss auf die Regierungen

Noch im Februar saß er des Mittags gemeinsam mit sechs anderen, deutlich älter wirkenden Polit-Dinos vom Schlage eines Henry Kissinger im Berliner Hotel Adlon und stritt leidenschaftlich für eine atomwaffenfreie Welt.

Befragt von einem Journalisten nach der Durchschlagskraft solcher graumelierten Senioren-Appelle, antwortete Richard von Weizsäcker ganz leise: „Wir haben kein Mandat, aber Einfluss auf unsere Regierungen.“

Ein Glück.

Dirk Hautkapp

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