Interview : "Sie alle hätten nie nach Afghanistan gehen sollen"

Oberhausen. Ronald Gegenfurtner (58) ist Chef im Friedensdorf International. Seit 22 Jahren reist er mit einem Team nach Afghanistan, um sich um verletzte und kranke Kinder zu kümmern. Kaum ein Deutscher kennt Land und Leute besser. Die NRZ sprach mit ihm über den Konflikt in Afghanistan.
Wird sich nach den Wahlen jetzt etwas ändern?
Gegenfurtner: Schon bei den Wahlen hat sich gezeigt, dass nicht allen Informationen Glauben zu schenken ist. Spricht eine Gruppe von enormer Wahlbeteiligung, ist der anderen jedoch längst klar, dass die Attentate ihre Wirkung nicht verfehlt haben und insbesondere auf dem Lande die Angst bei den Wählern enorm.
Was hat sich in den 22 Jahren geändert?
Gegenfurtner: Wir sind damals zu Fuß vom Hotel ins Büro gegangen. Heute undenkbar. Kabul war damals freundlich, offen, gastlich, asiatisch eben.
Aber auch von den Russen besetzt... Wie waren die?
Gegenfurtner: Die Russen waren dabei zu gehen. Beliebt waren sie nie, aber auch nie so aufdringlich wie ISAF und vor allen Dingen die US-Truppen. Spüren konnte man wenig von ihnen, sehen auch, Hilfe, die wir für die Kinder benötigten, bekamen wir über den Roten Halbmond von den Russen.
Welchen Eindruck macht Kabul heute auf Sie?
Gegenfurtner: Das ist nicht mehr unser Kabul. Alles ist mit Schutzwällen zubetoniert, besonders in den reichen Stadtteilen. In den Dörfern und einige Meter außerhalb gibt es keinen Schutz. Weder vor denen, die sich Beschützer nennen, noch vor denen, die sich hinter Beschützern verstecken. Und es gibt zu viele gierige Leute.
Wem geben Sie aus heutiger Sicht die Schuld am Zustand des Landes?
Gegenfurtner: Den USA und der Sowjetunion. Beide haben das Land über Jahre mit Krieg überzogen, Soldaten geschickt oder Waffen geliefert.
Was müsste im Idealfall geschehen?
Gegenfurtner: Zunächst müssten mal alle entwaffnet werden. Auch die vielen neuen Polizeien, von denen kaum jemand weiß, wer das überhaupt ist. Dann müsste vor allem die Korruption gestoppt werden. Vieles ist aber leider nicht mehr zu reparieren. Das Geld, das direkt und indirekt für den Frieden investiert wurde, hätte in den letzten 22 Jahren sicher ausgereicht, um jedem Afghanen, der möchte, so reich zu machen, dass keiner von Ihnen eine Schutztruppe, eine Armee und unterschiedliche Polizeitruppen notwendig gehabt hätte. Es muss hier auch die Frage erlaubt sein, ob es dann in Afghanistan überhaupt eine Basis für die „Tabiban” gäbe oder die „Mudjaheddin”. Welcher gesunde, satte und zufriedene Mensch begeht einen Selbstmordanschlag?
Sollten die Deutschen jetzt die Truppe abziehen?
Gegenfurtner: Ob es gut wäre, die ausländischen Truppen heute schnell abzuziehen, können wir als Friedensdorf wohl kaum beurteilen. Sie alle hätten nie dorthin gehen sollen. In diesen Tagen wird der Sieg über die Engländer gefeiert. Dann der Abzug der Russen und irgendwann die Schließung der Isaf-Camps.
Welche Rolle spielen die Exil-Afghanen im Land?
Gegenfurtner: Wer mir besonders leid tut, sind diejenigen, die während all der Jahre im Land geblieben sind und sich durchgebissen haben. Also auch Akadamiker, die ihre Leute nicht im Stich gelassen haben, obwohl sie die Möglichkeit gehabt hätten, in die USA oder nach Westeuropa zu gehen und Geld zu verdienen. Heute werden genau diese Leute von den Exil-Afghanen als provinziell abgetan. Das macht mich schon ziemlich wütend.
Was würden Sie dem Land von Herzen wünschen?
Gegenfurtner: Dass jeder satt werden und dabei ehrlich bleiben kann.
Dass jeder gesund werden und dabei sein Hab und Gut nicht verlieren muss.
Dass jeder dem Winter ohne Angst vor Hunger und Kälte entgegen sehen kann.
Dass afghanische Kinder nicht mehr zur Behandlung ins Friedensdorf müssen.








