Kirche : Katholische Priester mit Frau, Kind und Segen des Papstes

Essen. Ein katholischer Pfarrer mit Frau und Kind? Mit dem Segen der Kirche? Was unmöglich klingt, gibt es durchaus: Evangelische Pfarrer leben nach dem Übertritt zur katholischen Kirche nicht im Zölibat - mit dem Segen des Papstes.
Und es gibt sie doch: verheiratete Priester, die nicht im Zölibat leben, sondern Frau und Kinder haben. Zwar sind sie im Adress- und Telefonbuch meistens schwer zu finden, und die beiden großen Kirchen machen nicht viel Aufhebens von ihnen. Nach wie vor scheint der verheiratete Priester ein Tabu-Thema zu sein, über das auch die Betroffenen selbst oft nicht gerne sprechen. Doch in Deutschland gibt es mehrere evangelische Pfarrer, die katholische Priester geworden sind.
Der Papst kann eine Ausnahme machen
Seit Papst Pius XII. besteht in der Kirche die Möglichkeit, dass konvertierte Amtsträger aus protestantischen Denominationen oder aus den orthodoxen Kirchen zu Priestern geweiht werden können und ihre bestehende Ehe weiterführen dürfen. Nötig dafür ist der Segen des Papstes, der eine "Dispens" vom Weihehindernis der Ehe gewähren kann (Kanon 1047 des kirchlichen Gesetzesbuches CIC). Weltweit gibt es mindestens 300 Priester,die aus protestantischen Gemeinschaften zur katholischen Kirche konvertiert sind und die Priesterweihe empfangen haben.Auch in den mit Rom unierten Kirchen des östlich-orientalischen Ritus gibt es die Zölibatsverpflichtung nur für Bischöfe, "einfache" Priester sind meist verheiratet.
Er hat drei wunderbare Kinder, ist seit über 25 Jahren glücklich verheiratet, war evangelischer Pastor und ist jetzt katholischer Priester: Peter Moskopf, ursprünglich Krankenpfleger an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Nach dem Studium der evangelischen Theologie arbeitete der Norderstedter zunächst als Vikar in Niebüll (Kreis Nordfriesland), dannacht Jahre lang als Gemeindepastor in Büchen (Kreis Herzogtum Lauenburg). "Ich wollte immer evangelischer Pfarrer werden", sagt er. "Da gab es nicht den Funken eines Zweifels."
Die schönen Seiten der katholischen Kirche
Und doch wurde schon während seines Studiums der evangelischen Theologie der Keim zur späteren Konversion gelegt, als Moskopf mit Begeisterung den Vorlesungen des katholischen Ökumenikers Otto Hermann Pesch folgte und seine Diplomarbeit über Thomas von Aquin schrieb. "Im Laufe der Zeit bin ich dann der katholischen Kirche näher gekommen und habe ihre schönen Seiten immer besser kennen gelernt", betont er.
Die schönen Seiten der katholischen Kirche: Das sind für den früheren evangelischen Pfarrer vor allem die Liturgie, das Rosenkranzgebet und die Wallfahrten. Moskopf besuchte unter anderem die Wallfahrtsorte La Salette, Ars, Rom und Santiago de Compostela. "Und Maria spielt für mich eine große Rolle", fügt er hinzu. All diese Aspekte aber sind in der evangelischen Kirche nicht beheimatet, und so reifte in ihm der Entschluss, "mein Leben nach meinem Denken und Glauben auszurichten".
"Der Zölibat ist eine kluge Einrichtung"
2000 trat Peter Moskopf zusammen mit seiner Frau Gisela, Tochter Astrid und den Söhnen Florian und Ferdinand zum katholischen Glauben über. "Meine Familie steht voll hinter mir", unterstreicht Moskopf. Danach studierte er katholische Theologie in Erfurt, besuchte das Priesterseminar und arbeitete gleichzeitig als Seelsorger in der katholischen Kirchengemeinde St.-Laurentius in Wismar. 2004 wurde er von Erzbischof Werner Thissen im Hamburger Dom zum Priester geweiht.
Moskopf, der längst mit seiner Frau Silberhochzeit gefeiert hat, stört sich nicht an der von der katholischen Kirche verordneten Ehelosigkeit von Priestern. "Der Zölibat ist eine kluge Einrichtung", betont der überzeugte Ehemann und Vater. "Eigentlich ist ein Pfarrer für seine Familie eine Zumutung, und ich kann meiner Frau nur danken, dass sie das alles so geduldig und liebevoll durchträgt." Auf Gemeindefesten und bei offiziellen Auftritten versteckt Moskopf seine Frau, mit der er ganz normal im Pfarrhaus lebt, keineswegs, sondern nimmt sie selbstverständlich mit. "Das läuft hier in Lübeck ganz unproblematisch", freut sich der Priester, der die katholische Gemeinde St. Joseph-St. Georg im Stadtteil Kücknitz leitet.
Schließlich seien im stark evangelisch geprägten Umfeld der Hansestadt verheiratete Pfarrer das Selbstverständliche. Bereut hat der locker, gelassen und zufrieden wirkende Moskopf seinen weitreichenden Schritt nie. "Eigentlich bietet die katholische Kirche mehr Freiheit als die evangelische. Die theologische Bandbreite und Vielfalt ist einfach größer", sagt er. Ein Glücksfall sei auch, dass die evangelische Kirche seinen Wechsel nicht als Niederlage und die katholische Kirche ihn nicht als Triumph empfunden habe. "Auf evangelischer Seite ist die Haltung mir gegenüber überhaupt nicht aggressiv."
Apfelsaft statt Wein
Denselben Weg wie Peter Moskopf ist Stefan Thiel gegangen: Mit seiner Familie - seiner Frau Karin und drei Kindern - trat der Berliner im Jahr 2001 vom evangelischen zum katholischen Glauben über. Sechs Jahre lang hatte der 40-Jährige zuvor als evangelischer Pfarrer die Gemeinde von Bockendorf bei Hainichen im Erzgebirge betreut. "Dass ich katholisierende Tendenzen habe, hat schon am Anfang meines Dienstes unser Superintendent in meine Beurteilung geschrieben", berichtet er.
Doch wie bei Peter Moskopf reifte der Entschluss, die Konfession zu wechseln, erst langsam. Bei einem Besuch in Taizé, wo er auch seine Frau kennenlernte, bekam Thiel den Anstoß, Evangelische Theologie zu studieren - und beschäftigte sich nebenher schon bald mit Katholischer Theologie. Als Pfarrer trat der Berliner und Wahl-Sachse dem "Bund für evangelisch-katholische Wiedervereinigung" bei und versuchte, katholische Anliegen in die evangelische Kirche zu bringen, doch das wurde nicht angenommen. "Stattdessen werden in der evangelischen Kirche heutzutage eher gegenläufige Bewegungen vorangetrieben wie beispielsweise Abendmahlsfeiern, denen Laien vorstehen", merkt Thiel kritisch an. “Beim Umgang mit dem Altarsakrament gibt es auf evangelischer Seite manche Missstände, etwa wenn man nicht-konsekrierte Hostien austeilt oder Apfelsaft statt Wein."
Keine Abwertung des evangelischen Glaubens
So war es letztlich die Tabernakel-Frömmigkeit, die den Ausschlag für die Konversion gab. Doch trotz ihrer inneren Überzeugung, das Richtige zu tun,sei der Familie die endgültige Entscheidung sehr schwer gefallen, fügt Stefan Thiel hinzu - und will seine Entscheidung keineswegs als Abwertung des evangelischen Glaubens verstanden wissen. Ganz im Gegenteil: Mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen möchte er versuchen, den Katholiken zu erklären, wie die evangelischen Christen empfinden. 2006 vom Dresden-Meißener Bischof Joachim Reinelt zum Priester geweiht, ist Thiel heute als Kaplan in Borna an der Grenze von Sachsen und Thüringen tätig.
In seiner eigenen Gemeinde hat sich das Erstaunen über den verheirateten Priester längst gelegt. Nur in der Nachbarschaft, wo Thiel manchmal Vertretungen macht, löst das noch Verwunderung aus. "Ich will kein Präzedenzfall für die Abschaffung des Zölibats sein", unterstreicht der Kaplan, der im Unterschied zu Moskopf nicht im Pfarrhaus wohnt und auch nicht Gemeindeleiter werden kann. "Schließlich weiß ich aus eigener Erfahrung, wie schwer es heutzutage ist, eine gute Ehe zu führen."







