Israel zieht es vor zu leben
Der israelische Gesandte Ilan Mor im WAZ-Gespräch über das Ansehen seines Landes, das moralische Dilemma im Umgang mit den Palästinensern und die Problemzonen im Verhältnis zu den Deutschen
Ilan Mor: "Was wir brauchen, ist das Gefühl, dass wir nicht alleine sind." Foto: WAZ, Felix Hoffmann
Foto: Felix Hoffmann
Herr Mor, Sie waren 1992 bis 1996 schon einmal in Deutschland. Hat sich das Land seither verändert?
Mor: Ja, politisch natürlich, aber auch kulturell und gesellschaftlich. Die Deutschen sind heute selbstbewusster, ihre Tabus sind lockerer geworden. Man sieht und liest heute mehr über das Leid der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, zeigt Filme wie "Die Gustloff" und "Die Flucht". Ich habe die Filme natürlich auch gesehen. Ich will aber nicht bewerten, ob das gut ist oder schlecht.
Und Hitler wird in einer Komödie dargestellt. Akzeptiert man das in Israel?
Mor: Es gibt eine Grenze in unserer Bereitschaft, so etwas zu akzeptieren. Aber der Film - von Dani Levy - ist ja gescheitert. Und warum sollen wir uns mit einem Film auseinandersetzen, der meines Erachtens keinen Erfolg hatte? Der "Untergang" ist eine andere Sache. Viele Leute in Israel haben den Film gesehen. Und zu meiner Überraschung ist der Himmel nicht heruntergefallen. Aber Deutschland wird von Israelis eher am Rande verfolgt. Ihre eigene Tagesordnung, nämlich mit der beständigen Bedrohung leben zu müssen, ist wichtiger für sie.
Man erlebt in Deutschland immer wieder antisemitische Ausfälle. Sie auch?
Mor: Ja, das ist ein Teil der Veränderungen in Deutschland. In den 90er-Jahren haben wir viele Hassbriefe bekommen. Anonym, ohne Absender. Heute: mit Absender. Als es den Skandal um den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gab und der Zentralrat der Juden in Deutschland seinen Rücktritt verlangte, sprach ich mit einem Beamten. Er sagte: "Wie können diese Juden sich in unsere Angelegenheiten einmischen?" Ich antwortete: "Meine Güte, die Juden sind genauso Deutsche wie Sie. Die haben das gleiche Recht, etwas zu fordern."
Sowas ist Antisemitismus. Und zwar nicht von jemandem auf der Straße! Außerdem ist es salonfähig geworden, über die Politik in Israel die Juden zu kritisieren. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich darf man Israel kritisieren, aber man muss eine Linie ziehen zwischen berechtigter Kritik und Antisemitismus.
Und wo liegt die?
Mor: Da gibt es den so genannten 3-D-Test. Wenn drei "D" erfüllt sind, dann wissen wir, dass die schmale Grenze zum Antisemitismus überschritten ist: Delegitimierung, Dehumanisierung und doppelter Standard.
Also Israel das Existenzrecht abzusprechen und Israelis als Unmenschen darzustellen. Und doppelter Standard?
Mor: Israel ist eine Demokratie, also betrachtet man es mit anderen Maßstäben als die arabischen Länder. Wir sollen "verhältnismäßig" auf Raketenangriffe reagieren, eine Demokratie soll mit ihren Feinden reden usw.. Dabei wird vergessen, dass ein Terroranschlag auch die Verletzung eines Menschenrechtes darstellt. Unseres Rechts zu leben.
Auch Palästinenser berichten immer wieder von Menschenrechtsverletzungen.
Mor: Ja, es gibt Soldaten, die die Palästinenser schlecht behandeln. Ich bin nicht stolz darauf. Aber das ist ein Preis, der leider Gottes von beiden Seiten bezahlt werden muss. Stellen Sie sich mal vor, ein Terrorist könnte sich frei bewegen, ohne Checkpoints. Sollten wir so jemanden höflich überreden, es nicht zu tun? Die moralischen Entscheidungen, die wir in Israel treffen müssen, sind schlimm. Es sind immer Entscheidungen zwischen Pest und Cholera.
Unter denen das Ansehen des Landes leidet.
Mor: Ja, das Ansehen Israels in der Welt ist nicht so gut. Aber manchmal ziehen wir es eben vor, am Leben zu bleiben, statt beliebt zu sein. Meine Aufgabe ist es, das zu erklären. Sehen Sie, was wir brauchen, ist eine gewisse Sympathie, die uns zeigt, dass wir nicht alleine sind. Wenn wir nicht mehr das Gefühl hätten, geächtet zu sein, könnte unsere Politik mutiger sein. In dem Moment, wo auch die arabische Welt uns anerkennt und als gleichberechtigt akzeptiert, werden Sie sehr überrascht sein, wie weit Israel bereit ist, mit den Palästinensern zu gehen.
Das Interview fasste Achim Beer zusammen.







