Soziales : Hungerkrise in den USA

Washington. Mit der Wirtschaftskrise steigt die Zahl der hungernden Menschen in den USA dramatisch an. Der jüngste Regierungsbericht schockiert: 49 Millionen Amerikaner haben nicht genug zu essen. Allein 17 Millionen Kinder sind hungrig. Obama verspricht Hilfe.
Jeden Monat wird die Schlange vor der Suppenküche von „Loaves & Fishes” in Sacramento ein wenig länger. Bereits am späten Vormittag warten Dutzende „Gäste”, wie Sister Libby ihre Klientel nennt, geduldig auf den Beginn der Essensausgabe. „Wir sehen einen Anstieg der Nachfrage nach unseren Diensten um mehr als 20 Prozent”, weiß die Ordensfrau, deren Zentrum am Rand der kalifornischen Hauptstadt zu einem Magneten für die Gestrandeten der Wirtschaftskrise geworden ist. Waren es Anfang des Jahres noch 650 Mahlzeiten, die „Loaves & Fishes” jeden Tag ausgab, sind es nun rund 800.
Suppenküchen und Lebensmittelbanken
„Das Problem lässt sich nicht mehr übersehen”, meint die Anwältin der Armen, die viele „neue Gesichter” in den Schlangen der Hungrigen sieht. Immer häufiger stehen Menschen an, die noch Arbeit haben, aber nicht mehr genügend verdienen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. „Die Leute wählen zwischen Miete und Essen”, weiß Sister Libby.
Da sich leichter eine Mahlzeit als ein Dach über dem Kopf organisieren lässt, tauchen sie in den Suppenküchen und Lebensmittelbanken auf.
Obwohl die katholische Nonne seit Jahren in vorderster Front gegen Armut kämpft, zeigt sie sich „schockiert” von dem neuesten Hungerbericht der US-Regierung. Demnach stieg die Zahl der Amerikaner, die keinen sicheren Zugang zu Nahrungsmitteln haben mit 49 Millionen auf den höchsten Stand an, seit die Statistik vor 14 Jahren offiziell erhoben wird. Darunter 17 Millionen Kinder. Besonders hart getroffen werden die Haushalte des Südens und Westens, aber auch Minderheiten.
Bei einem Drittel der Betroffenen fallen Mahlzeiten ganz aus oder schrumpfen die Portionen auf weniger als das notwendige Minimum zusammen. Die übrigen haben dank staatlicher Lebensmittelhilfe und privater Unterstützung durch Lebensmittelbanken genügend zu essen, müssen aber oft auf minderwertige und nährstoffarme Kost ausweichen. Obst und Gemüse fehlen ebenso oft auf dem Speiseplan wie frische Milchprodukte oder Fleisch.
Obama verspricht Hilfe
„Das ist ein Weckruf für dieses Land”, meint Landwirtschaftsminister Tom Vilsack, dessen Ministerium im Auftrag des US-Kongresses die Zahlen erhebt. So versteht auch US-Präsident Barack Obama die alarmierende Entwicklung. Aus dem fernen China meldete er sich mit einer Stellungnahme zu Wort, in der er versprach, „den Trend von steigendem Hunger umzukehren.” Während des Wahlkampfs hatte Obama das ehrgeizige Ziel formuliert, bis 2015 die Nahrungsmittel-Unsicherheit unter Kindern zu beenden.
Dass die Statistik einen dramatischen Anstieg des Hungerproblems unter den Jüngsten nachweist, muss den Präsidenten deshalb ganz besonders beunruhigen. Demnach lebten 2008 mehr als 17 Millionen Kinder oder 22,5 Prozent in Haushalten, in denen es nicht genügend zu Essen gab. Vier Millionen mehr als im Vorjahr.
Experten sind sich darin einig, dass die Hungerzahlen angesichts einer Arbeitslosigkeit von über zehn Prozent für 2009 noch dramatischer ausfallen dürften.
Einstellung auf den Winter
Schwester Libby von „Loaves & Fishes” stellt sich jedenfalls auf einen Krisenwinter ein. „Wir versuchen Nahrung und Unterkünfte zu sichern”, berichtet sie von ihren Vorbereitungen. Das einzige, was nicht fehlt, sind Helfer. In ihrem Zentrum vor den Toren Sacramentos kann sie auf mehr als 1000 Freiwillige zurückgreifen. „Wir erleben einen Zustrom an Leuten, die etwas tun wollen,” betont sie. Einer der wenigen Lichtblicke in einer Krise, deren Ausmaß viele überrascht. NRZ






