Bildung : Ende der Kreidezeit an deutschen Schulen

Berlin. Auf dem Stundenplan der Klasse 5d steht das Thema „Zeugnisse der Vergangenheit”. Es könnte auch „das Ende der Kreidezeit” lauten. Denn die Berliner Grundschule an der Bäke schafft nach und nach die klassische Schultafel ab und ersetzt sie durch interaktive „Whiteboards”.
Über die Zaubertafeln haben die Klassen Zugang zum Internet. Bilder und Aufzeichnungen aus dem Unterricht lassen sich speichern und können erkrankten Schülern per E-Mail nach Hause geschickt werden.
In der Klasse 1/2a lernen die Schüler an diesem Morgen spielerisch mit dem Whiteboard die Zahlen kennen. „Marlene, fang mal an”, sagt die Lehrerin Irina Wissmann. Sie hat ein Lernspiel aufgerufen, bei dem die Schüler eine Eule in Bewegung setzen. Immer dann, wenn die Kinder eine passende Zahl eintippen, fliegt die Eule weiter auf ihrem Ast. Zwischendurch tauchen einfache Sätze auf, die man lesen muss, damit das Spiel weitergeht.
"Das Whiteboard ist eine wesentliche Arbeitserleichterung"
Je älter die Grundschüler sind, desto weniger steht das Spielerische im Mittelpunkt. „Wir müssen die Kinder auf eine Lebens- und Arbeitswelt vorbereiten, aus der Computer nicht mehr wegzudenken sind”, sagt Schulleiter Jens Haase. Er hat sich das Ziel gesetzt, die gesamte Schule im Berliner Stadtteil Steglitz mit Whiteboards auszustatten.
Schon jetzt hängen in 13 Klassenzimmern die interaktiven Tafeln. „Wir wären die erste staatliche Grundschule mit einer Komplettausstattung”, sagt Haase. „Das Whiteboard ist eine wesentliche Arbeitserleichterung”, erläutert Wiebke Godehusen, die Lehrerin der Klasse 5d. „Ich gewinne Zeit. Tafelbilder kann ich zu Hause vorbereiten. Was wir im Unterricht erarbeiten, speichere ich auf einem USB-Stick." Das Whiteboard ist auch CD- und DVD-Player in einem. Wenn es zum Unterricht passt, wird im Internet recherchiert – beispielsweise auf der Videoplattform YouTube.
"Wir haben jetzt den Standard einer irischen Dorfschule"
Schulleiter Haase ist 60 Jahre alt, ursprünglich wollte er Elektrotechnik studieren. „Aus Sicht der Lehrer muss der Computer raus aus der Angst-Nische”, sagt er. „Viele Kollegen, die ohne Computer groß geworden sind, entdecken nun nach und nach die Möglichkeiten.” Wenn beispielsweise ein Besuch im Kraftwerk auf dem Stundenplan stehe, könne sich die Klasse vorher problemlos Bilder einer Turbine im Internet anschauen.
Der Schulleiter glaubt fest daran, dass sich die neue Technik durchsetzen wird. An vielen deutschen Privatschulen und in anderen europäischen Ländern wie Dänemark, Irland oder Finnland sei der Einsatz von Whiteboards längst Standard, sagt er. Haase macht keinen Hehl daraus, dass er Deutschland im Rückstand sieht. „Wenn wir komplett mit Whiteboards ausgestattet sind, können wir immerhin sagen: Wir haben jetzt den Standard einer irischen Dorfschule."
Haase kritisiert, Grundschulen seien im Vergleich zu Gymnasien deutlich schlechter ausgestattet. Doch gerade in den ersten Schuljahren müsse mehr in die Bildung investiert werden. „Die Finnen haben kapiert, dass es auf die Grundschule ankommt”, sagt Haase. „Wenn wir etwas verpfuschen, können es Lehrer in späteren Jahren nicht mehr reparieren.”





















