Der Tag, der die Republik veränderte
Dortmund. Es war ein warmer Juni-Abend. Der Schah aus Persien und die Berliner Prominenz sind in der Oper - "Zauberflöte". Draußen knüppelt die Polizei Demonstranten nieder. Ein Schuss fällt. Benno Ohnesorg stirbt. Und die Republik steht vor ein
Der 2. Juni 1967 sollte der Höhepunkt des Staatsbesuchs von Schah Rezah Pahlevi und Farah Dibah sein. Doch als die Gäste aus Persien mit Bundespräsident Lübke und dem Berliner Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz Papagenos Arie lauschten, eskalierte vor der Deutschen Oper der Protest gegen den Kaiser vom Pfauenthron in Teheran. Die Ereignisse dieses Tages gelten als Ausgangspunkt der bundesweiten Studentenbewegung, als Grundlage für die Bewegung der "68er". Aber auch die RAF und die ihr nahestehende "Bewegung 2. Juni" beriefen sich in ihrem Terror auf dieses Datum.
Die breite Bismarckstraße war von Demonstranten gesäumt, als die Kolonne der Prominenz passierte und ausweichen musste. Eier und Tomaten flogen gegen die Vertreter des autoritären Regimes. Als die Aufführung in der Oper begann, begann auch die Polizei, mit Schlagstöcken und Wasserwerfern die Protestler zurückzudrängen. Bürgerkriegsähnliche Zustände waren das Ergebnis der übertriebenen Härte. Zivile Greiftrupps der Polizei jagten die Studenten, unterstützt von "Jubelpersern", die auf die Studenten einknüppelten. Die Polizei ließ die Schah-Anhänger, darunter Mitglieder des Geheimdienstes Savak, gewähren. Die Brutalität des Einsatzes war beispiellos.
Polizeipräsident Erich Duensing bezeichnet den Kessel später als "Leberwurst, in die man hineinsticht, um sie an den Enden zum Platzen zu bringen". Die Meldung, ein Polizist sei erstochen worden, heizt die Situation an. Beamte in Zivil werden als bewaffnete Greifer eingesetzt. Einer ist Karl-Heinz Kurras. Die Demonstranten werden in die Krumme Straße gedrängt. Polizisten verfolgen dort einen Rädelsführer bis in den Hof des Hauses 66/67. Dort geht auch der Student Benno Ohnesorg hin. Er ist einer der letzten, nach dem der Hof durch die Polizei erorbert wurde. Augenzeugen berichten, dass mehrere Beamte auf ihn einschlagen. Der 26-Jährige bricht zusammen. Dann fällt der Schuss. "Bist du wahnsinnig", soll einer seinen Kollegen Kurras ange-schrien haben.
Kurras behauptet vor Gericht, er habe in Notwehr geschossen. Ein Messer sei aufgeblitzt. Er behauptet auch, der Schuss habe sich gelöst. Fragen bleiben. Zeugen widersprechen ihm. Und obwohl der Richter befindet, dass Kurras in vielen Punkten die Unwahrheit gesagt habe, wird er freigesprochen. Bürgermeister Heinrich Albertz, der an diesem 2. Juni die harte Linie rechtfertigte, hat sich später selbst die Schuld an Ohnesorgs Tod gegeben. "Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war", zitieren Historiker den SPD-Politiker und Theologen. Noch im selben Jahr tritt er zurück.
Die Studentenproteste wuchsen mit diesem Tag über den Campus hinaus. Für die APO war der Tod Ohnesorgs ein Fanal. Sie opponierte gegen die Große Koalition, gegen die fehlende Auseinandersetzung der Eltern mit dem Faschismus, gegen konservative Eliten an den Unis, in der Gesellschaft. Politologen sehen den Tod Ohnesorgs als Initialzündung für die Bewegung der 68er.
Die 68er gingen auf die Straße und auf den Marsch durch die Institutionen. Das Bild vom schwerverletzten Ohnesorg wurde zur Ikone. Der tragische Tod wurde auch zum Symbol für die Radikalisierung der Bewegung. Eine Minderheit zog entsprechende Schlüsse. Die Kugel aus Kurras' Dienstwaffe bewies für sie, dass der deutsche Staat faschistisch sei.
Pastor als freiwillige Geisel
Die "Baader-Meinhof-Gruppe", aus der die RAF hervorging, wollte den "Polizeistaat BRD" bekämpfen. Die Terror-Gruppe "Bewegung 2. Juni" berief sich auf dieses Datum. Der Politologe Wolfgang Kraushaar zitiert sie: "Der Staat hat zuerst geschossen. Alles was wir nun tun, ist ein Akt der Gegengewalt."
Die Entführung des Berliner CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz durch ein "2.-Juni-Kommando" im Februar 1975 ist nur ein Beispiel für ihren Terror. Das "Kommando" will den Austausch "politischer Gefangener". Ein Pastor wirkte als freiwillige Geisel damals mit: Heinrich Albertz.







