Phantom-Jagd: Experten streiten über DNA-Analyse
26.03.2009 | 17:36 Uhr 2009-03-26T17:36:00+0100
Essen. Die Wattestäbchen-Panne im Fall des Heilbronner Phantoms zeigt jetzt, dass sich die Experten uneins sind: Wie sicher ist eigentlich die DNA-Analyse? Immerhin wurde wegen dieser jahrelang in die falsche Richtung ermittelt. Jetzt fängt die Polizei wahrscheinlich wieder von vorne an.
Weil Wattestäbchen oder anderes Arbeitsmaterial der Polizei unter Umständen schon vor dem Gebrauch mit fremdem Genmaterial verunreinigt waren, stehen die Ermittler jetztl möglicherweise vor einem Scherbenhaufen. Den Bochumer Kriminologen Thomas Feltes überrascht die Entwicklung nicht. Er hält die Aussagekraft von DNA-Spuren im Rahmen polizeilicher Ermittlungen ohnehin für «maßlos überschätzt» und fordert ein «Ende dieser Hörigkeit».
Sicherlich gebe es genügend Beispiele dafür, dass Genspuren einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung von Straftaten geleistet hätten, erläutert der Professor für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum. Dennoch hält er DNA-Spuren bei der Verbrechensaufklärung nicht für den «Stein der Weisen» und fügt hinzu: «Alle Welt glaubt an eine hundertprozentige Sicherheit, wenn solche Spuren an einem Tatort gefunden werden. Doch das ist schlicht falsch.» Allein auf dem Fund von DNA dürfen Ermittlungsergebnisse nach seiner Meinung nicht basieren.
Seine generellen Zweifel begründet der Hochschullehrer einerseits mit der Fehlerwahrscheinlichkeit, die vielfach heruntergespielt werde und eben nicht zu vernachlässigen sei. Darüber hinaus sei die Sicherung solch sensibler Spuren am Tatort eben nicht so einfach, wie es häufig in Kriminalfilmen dargestellt werde. «Natürlich kommt der weiße Anzug bei den Beamten der Spurensicherung zum Einsatz. Doch überall wo Menschen arbeiten, werden auch Fehler gemacht - seien es falsche Markierungen oder schlicht übersehene Spuren», unterstreicht er.
Kriminologe Feltes will die nervenaufreibende und schwierige Arbeit der Beamten nicht geringschätzen und verweist auf die umfangreiche Ausbildung der Ermittler. «Das heißt aber nicht, dass es in einer Chaos-Situation nicht auch zu Fehlern kommen kann», gibt er zu bedenken. Der Professor ruft die Staatsanwaltschaften dazu auf, allein über DNA-Spuren «gelöste» Fälle kurzerhand an die Polizei zurückzugeben, «auch wenn der Druck der Öffentlichkeit häufig sehr groß ist». Die Aufklärung eines Verbrechens dürfe nicht zulasten der Genauigkeit gehen.
Sehr gering schätzt unterdessen Kriminalbiologe Mark Benecke im Gespräch mit DerWesten die Gefahr ein, dass Fehler bei DNA-Analysen auftauchen. Aber: "Gegen Dummheit und Faulheit hilft auch die sicherste Methode nicht", meint er.
Fehler entstehen durch Menschen
Grundsätzlich seien DNA-Analysen eine sichere Fahndungsmethode, bekräftigt Kriminalbiologe Benecke. Fehler entstehen vor allem durch den menschlichen Faktor. Dabei könne es relativ leicht zu "Verunreinigungen" der Wattestäbchen kommen, die für Speichelabstriche verwendet werden. "Es muss nur eine Person die Stäbchen in der Hand drehen, oder sie wurden falsch gelagert, beispielsweise in einer Kiste, in der zuvor Kleidungsstücke untergebracht waren. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt", so Benecke. Dabei wundert er sich, dass jahrelang im Falle des Phantoms keiner diese mögliche Verunreinigung in Betracht gezogen hat.
Trotz der Verunreinigung der Stäbchen sieht der Kriminalbiologe kein Problem darin, dass die Verbrechen, die dem Phantom bisher zur Last gelegt wurden, doch noch aufgeklärt werden. "Notfalls muss noch einmal alles nachtypisiert werden", so Benecke.
Dabei hat die die Soko "Parkplatz" allein im ersten Jahr nach dem Polizistinnenmord das "Phantom" in 70.000 Überstunden gejagt. Und jetzt steht fest: Möglicherweise gibt es dieses gar nicht. "Das Frustpotenzial ist da", so Joachim Lautensack, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft Baden-Württemberg. Immerhin haben damals 70 Personen an dem Mordfall an der jungen Polizistin gearbeitet. Auch in anderen Bundesländern gab es Sokos zu verschiedenen Fällen, deren Spur zum "Phantom" führten.
"Es kann sich jeder vorstellen, dass wir uns ziemlich bescheiden fühlen", sagt Joachim Lautensack. "Die Kollegen haben sich aber schön früh gefragt, wie das Phantom an so unterschiedlichen Taten beteiligt sein kann, aber wir haben nicht am Untersuchungsmaterial gezweifelt."
Das Online-Portal Stern.de hatte am Mittwoch berichtet, dass es das wegen zahlreicher Verbrechen gesuchte «Phantom von Heilbronn» womöglich nie gegeben hat. Offenbar seien die Wattestäbchen, die Fahnder zur Sicherung von DNA-Spuren verwendet hatten, schon vorher mit DNA-Material verunreinigt worden, meldete das Online-Portal. Diese Möglichkeit werde seit fast einem Jahr untersucht, teilte das LKA Baden-Württemberg mit.
Ermittler müssen nun umdenken
Einfacher werde das Arbeiten aus Sicht von Lautensack nicht, sollten sich die Hinweise bestätigen. "Wir müssen wohl wieder ganz von vorne anfangen", sagt er. Das sei aber auch eine Chance, Theorien zu verwerfen, die die Ermittlungen in eine andere Richtung laufen lassen würden. "Jetzt können wir auch anderen Hinweisen nachgehen, die nichts mit dem Phantom zu tun haben", so Lautensack.
Kriminologen fordern DNA-Gütesiegel für Wattestäbchen
Als Reaktion auf die mögliche Verunreinigung der DNA-Probe forderte der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Konsequenzen. Es solle eine Art Gütesiegel eingeführt werden, um die Möglichkeit von Falschanalysen wegen Verunreinigungen auszuschließen. «Die Hersteller sollten den Packungen DNA-Merkmale der beteiligten Mitarbeiter als Code beilegen», sagte BDK-Sprecher Bernd Carstensen den «Stuttgarter Nachrichten» zufolge, «damit könnte diese Spur gleich ausgeschlossen werden.»
Auch bei der Sicherung von Fingerspuren seien in der Vergangenheit Merkmale des sachbearbeitenden Polizisten vermerkt worden, um nicht versehentlich nach eigenen Leuten zu fahnden.
Dass mit den immer besseren Methoden des genetischen Fingerabdrucks auch Gefahren von Fehlern heraufbeschworen werden, hatte der BKA-Experte und Serologe Hermann Schmitter dem Blatt zufolge bereits vor einiger Zeit festgestellt. «Die Untersuchungsmethoden sind derart verbessert und empfindlich geworden, dass sich die Frage stellt, was überhaupt spurenrelevant ist.» Die wesentliche Arbeit im Labor sei nicht, alle gefundenen Spuren auszuwerten, sondern zu klären, «was überhaupt ins Reagenzglas gehört.»
DNA-Spuren werden nochmals untersucht
Wegen der aufgekommenen Zweifel an der Existenz des als Serienverbrecherin gesuchten «Phantoms» lassen Ermittler in Saarbrücken mehrere DNA-Spuren nochmals untersuchen. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Saarbrücken am Donnerstag sagte, wird dabei anderes Untersuchungsmaterial herangezogen als die bislang verwendeten und möglicherweise kontaminierten Wattestäbchen. Werde die DNA, die bislang dem «Phantom» zugeschrieben wurde, dabei nicht mehr sichergestellt, sei dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass das «Phantom» nicht existiere.
Lange Verbrechensliste
An mindestens 40 verschiedenen Tatorten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland und in Österreich waren DNA-Spuren einer unbekannten weiblichen Person gefunden worden, nach der jahrelang als geheimnisvolles «Phantom» gefahndet wurde. Die Frau soll mehrere Menschen getötet haben, unter anderem im April 2007 eine junge Polizistin in Heilbronn. Auch in Einbrüche und Diebstähle soll sie verwickelt gewesen sein.
Nach der Entdeckung einer DNA-Spur auf einer Cola-Dose, die 2007 bei einem Schuleinbruch in Saarbrücken gesichert worden war, hätten die Ermittler eine interne Untersuchung eingeleitet, berichtete «stern.de» weiter. Es habe geklärt werden sollen, ob möglicherweise doch Utensilien zur Spurensicherung schon vorher verunreinigt waren.
LKA prüft
In einer gemeinsamen Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Heilbronn, des Landeskriminalamts Saarland und des Landeskriminalamts Baden-Württemberg hieß es am Mittwoch, die Möglichkeit einer «Fremdkontamination und aller damit zusammenhängenden Fallkonstellationen» werde seit April 2008 «intensiv» geprüft. Das LKA Baden-Württemberg habe seitdem «mehrere hundert» unbenutzte Wattestäbchen ergebnislos untersucht. «Es besteht dennoch die Möglichkeit, dass Wattestäbchen einzelner Lieferchargen verunreinigt sein könnten.»
Dieser Hypothese werde seit Februar 2009 unter Federführung des Bundeskriminalamts mit «hohem Untersuchungsaufwand» nachgegangen, hieß es in der Erklärung. Ein Ergebnis liege jedoch noch nicht vor. Bis dahin seien Aussagen zu einer möglichen Verunreinigung der Wattestäbchen «spekulativ».
Laut «Stern.de» waren die zur Sicherung der DNA-Spuren verwendeten Wattestäbchen zwar ordnungsgemäß sterilisiert worden - doch könnten Verunreinigungen durch menschliche Körperzellen - etwa aus Hautresten, Schweiß und anderen Sekreten - überleben. Demnach haben inzwischen Packerinnen eines norddeutschen Unternehmens für Medizinbedarf Speichelproben für einen Vergleich ihrer DNA mit der des «Phantoms» abgegeben.
Laut «Stern.de» spricht für eine Verunreinigung auch, dass in Bayern noch keine Spuren des «Phantoms» entdeckt wurden. Dort würden andere Watte-Sticks benutzt als in anderen Bundesländern. (kwe/ap/ddp/afp)
18:28
Eigentlich habe ich von der Polizei nichts anderes erwartet. Früher musste so ein Polizist erst einen richtigen Beruf ergreifen und dann mit bestandener Lehre konnte er sich bei der Polizei bewerben.
Wenn ich helfen kann. Ich benutze meine Wattestäbchen immer nur von einer Seite. Die Wattestäbchen könnte ich aufbewahren. Aber die Polizei müsste die schon selber bei mir abholen.
17:40
Die DNA-Spuren wurden über einen Zeitraum von 16 Jahren an wechselnden Orten gefunden! Außerdem dürften die Labors ja keineswegs auf dem Kopf gefallen sein und durchaus bemerken, wenn sich mehrere DNA-Spuren in einer Probe befinden, die aus der Verseuchung und die am Tatort aufgenommene. Also gibt es Primärspuren und Sekundärspuren! Keine Probe wird doch wohl nur die eine DNA-Spur der Packerin beinhalten, das wäre doch wohl nur blöd, ein unbenutztes Stäbchen ins Labor zu schicken.
Und wurde nicht zumindest an einem Tatort auch Blut mit dieser DNA gefunden? Hat da etwa die Packerin ihr Tampon recycled?
17:05
Ich glaube weder, dass DNA-Tests absolut sicher sind, noch dass meine Daten, die daraus gewonnen werden sicher behandelt und nicht nur zu dem Zweck verwendet werden, für den sie gesammelt worden sind.
Es gibt genug Fälle, in denen auch Behörden ungesetzlich handeln, nur wird dafür meist niemand ztur rechenschaft gezogen.
Einmal versehentlich im Visir, kommt man ganz schnell in Erklärungsnot, wo man denn am 1. April 2001 zwischen 19 und 23 Uhr gewesen ist....
Bei Reihentests werde ich nicht freiwillig eine DNA-Probe abgeben. Erst wenn Blutgruppe des Täters und meine übereinstimmen, könnte ich es mir zu meiner Entlastung überlegen, aber auch nur, wenn ich kein Alibi hätte.
Man muss ja nicht alles mitmachen, so lange kein Richter eine Untersuchung anordet und dafür sollte zumindest ein Anfangsverdacht bestehen, der sich aus mehr, als der geschlechtszugehörigkeit und der Wohnadresse zusammen setzt.
16:42
Wenn mehrere Leute mit dem selben Q-Tip ihre Ohren gesäubert haban, kann man mit diesem Q-Tip keine Spechelprobe mehr nehmen....weiß das die Polizei nicht?
16:34
Wenn ich verurteilter Täter wäre,würde ich jetzt alle Hebel in Bewegung setzen,eine Wiederaufnahme meines Verfahrens anzustrengen.
Ich habe schon vor zig Jahren darauf hingewiesen,daß diese DNA-Aufklärungnicht der Stein der Weisen ist.Sobald auch nur ein Irrtum entstanden ist,ist diese ganze DNA-Sch... als Beweismittel absolut untauglich. Mich würde einmal interessieren,wieviel Unschuldige in unseren Gefängnissen einsitzen.
16:30
Ich habe jahrelang Straßenbahn gefahren. Da waren lt. Arbeitgeber gewisse Störungen am Fahrzeug auch technisch unmöglich!
16:09
ES haben schon Leute unschuldig im Knast gesessen, weil Gutachter sie eindeutig auf Kamerabildern identifiziert haben wollten.
Trotz Alibi und Leumundszeugen..
Man stelle sich nur mal vor, diese DNA Spenderin wäre aus irgendeinem Grund mal einer DNA Analyse unterzogen worden und eindeutig als Täterin identifiziert worden..
Gruselig
„Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt explodiert, wird die Stimme eines Experten sein, der sagt: Das ist technisch unmöglich!“
Peter Ustinov
15:52
Was wird denn ausgeschrieben? Sterile oder handelsübliche Stäbchen? Sollten die sterilen Wattestächen verseucht sein - besteht dann eigentlich keine Gefahr der Ansteckung bei einer OP, wenn schon DNA/DNS gefunden wird?
Das Argument mit der hochprozentigen Sicherheit der Identifikation und damit als Beweismittel in den Gerichtsverfahren habe ich mir auch gestellt.
Haben die eigentlich immer nur die DNA/DNS einer Mitarbeiterin dieser Firma gefunden oder noch weitere Mitarbeiter-DNA/DNS? Dann hätte ja nur die eine unrein gearbeitet.
15:44
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15:33
Das Problem liegt in der Art und Weise der Beschaffung. Da werden die Wattestäbchen ausgeschrieben. Der Bieter mit dem billigsten Angebot bekommt den Auftrag. Ob da Nachweise über die Fähigkeiten der Firma eine Rolle spielen, wage ich zu bezweifeln. Ebenso ist zu bezweifeln, ob eine Kontrolle und Prüfung stattgefunden hat, oder ob diese überhaupt Bestandteil der Ausschreibung war.
Auch eine laufende Kontrolle, geschweige denn eine Zertifizierung nach ISO, wird nicht stattfinden. Also kann die Firma erstmal den Auftrag reinholen und dann versuchen. Dann wird allen Ecken und Enden gespart.