Klimawandel : Wenn die Meere steigen, müssen Großstädte umziehen
Berlin. Sollten uns bis zu 300 Jahre bleiben, bis das Grönlandeis abgetaut ist, dann bliebe uns Zeit, ein paar euroäische Großstädte umziehen zu lassen. Das hofft jedenfalls Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. Denn die Meerespegel werden steigen.
Ja doch, es gibt Hoffnung. Es könnte durchaus 300 Jahre dauern, bis das Grönlandeis getaut ist. „Man hätte dann die Zeit, um Bremen, London und Paris rückzuverlagern”, meint Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. Klimaexperten-Humor? Der Physikprofessor Schellnhuber meint es völlig ernst. Europas küstennahe Großstädte hat er auf lange Frist abgeschrieben. Nichts mehr zu machen. Auf der Kopenhagener Klimakonferenz geht es im Dezember allein um die Frage, ob es noch viel schlimmer kommt.
Diese Sorge hat den Professor mit drei weiteren Koryphäen in Sachen Klima und Umwelt vor die Bundespressekonferenz getrieben. Gemeinsam fordern sie einen „Rettungsschirm für das Weltklima”. In Kopenhagen sei endlich verbindlich festzuschreiben, dass die weitere globale Erwärmung zwei Grad nicht übersteigen darf: „Zwei Grad sind ein fauler Kompromiss mit der Natur, wir kriegen nur nichts Besseres mehr”, sagt Schellnhuber.
Relativ genaues Bild
Die Faustformel lautet: Ein Grad Erderwärmung lässt den Meeresspiegel um 15 bis 20 Meter steigen. Das ist aus dem Auf und Ab seit 40 Millionen Jahren zu ersehen, von dem es mittlerweile ein relativ genaues Bild gibt. In der Eiszeit vor 30 000 Jahren etwa lag der Meeresspiegel 120 Meter unter dem heutigen Niveau. Vor 30 Millionen Jahren, als es auf der Welt drei bis vier Grad wärmer war als heute, lag er 50 bis 70 Meter darüber.
Seit 1900 ist die globale Mitteltemperatur schon um 0,8 Grad gestiegen. Wenn es gelingen soll, die weitere Erwärmung in diesem Jahrhundert auf zwei Grad zu begrenzen, darf die Menschheit in den nächsten vier Jahrzehnten noch 750 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen, jeder Erdenbürger also 110 Tonnen. Jeder Deutsche kommt derzeit auf knapp 11 Tonnen - im Jahr.
Faire Aufteilung
Die politische Frage lautet, wie dieses verbleibende „Emissionsbudget” fair aufzuteilen ist. Darüber wird in Kopenhagen gestritten. Wünschenswert aus Sicht der Klimaexperten wäre ein weltweiter Konsens, dass der CO2-Ausstoß der Industrieländer, gemessen am Stand von 1990, bis 2050 um 80 Prozent sinken soll, damit er global um 50 Prozent abnehmen kann.
Und wenn nicht? Seine „letzte Hoffnung” sei, hat Schellnhuber vor einigen Monaten gesagt, dass die ganze Klimaforscherzunft sich „kollektiv geirrt” habe: „Das ist mein dickster Strohhalm.” Leider gebe es dafür keinerlei Anzeichen.










