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OECD-Studie zeigt: Arbeit lohnt sich nicht

18.02.2010 | 21:54 Uhr
OECD-Studie zeigt: Arbeit lohnt sich nicht

Brüssel. Neuer Zündstoff für eine ohnehin aufgeheizte Debatte: Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommt zum Ergebnis, dass die Bundesbürger, falls sie ihren Job verlieren, finanziell weniger gut geschützt sind als die Arbeitnehmer in vielen anderen Industriestaaten.

Arbeit lohnt sich also nicht. Das besagt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Bundesbürger sind, wenn sie ihren Job verlieren, weniger gut geschützt als Arbeitnehmer in anderen Industriestaaten. Die Absicherung sei „im europäischen Vergleich eher gering“, erklärt die OECD.

Unmittelbar nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes erhält ein Single den Berechnungen zufolge in Deutschland 60 Prozent seines Nettolohns aus staatlichen Leistungen ersetzt. Das ist weniger als in Spanien, Frankreich und der Slowakei und sogar viel weniger als in Luxemburg, Portugal oder den Niederlanden – aber immerhin noch leicht über dem Durchschnitt aller untersuchten Länder rund um den Erdball.

Einen echten Grund zur Unzufriedenheit haben derweil Geringverdiener in Deutschland, die plötzlich auf der Straße sitzen. Denn bei der Höhe des Lohnersatzes für kinderlose Alleinstehende oder Ehepaare (mit zuvor einem Verdiener) liegt die Bundesrepublik am unteren Ende der Tabelle – auf den Plätzen 22 und 24 von insgesamt 29.

Keine kleinere Gesamtrechnung

Wer daraus ableiten wollte, die soziale Sicherung müsse demnach für den deutschen Steuerzahler günstiger sein als für die meisten anderen EU-Staaten, wäre allerdings voreilig. Denn in Deutschland fließt – nach Kalkulationen des europäischen Statistikamts – ein höherer Teil der Staatsausgaben und der Wirtschaftsleistung in den leistungsverwaltenden Sozialstaat als im europäischen Durchschnitt. Die Gesamtrechnung fällt also keineswegs kleiner aus als bei den Nachbarn.

Und auch eine andere Schlussfolgerung wäre vorschnell: Die Vermutung, gerade in Deutschland müssten die Anreize für die Jobsuche besonders hoch sein, weil ja der Lohnersatz nicht so üppig ausfällt, trifft nach Einschätzung der OECD nicht zu. Ganz im Gegenteil: Die Ökonomen kommen zum Ergebnis, dass es in Deutschland an Anreizen mangelt, sich eine existenzsichernde Beschäftigung zu suchen.

Hohe Steuerlast

Ein Alleinerziehender oder verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern müsse mehr als 60 Prozent des nationalen Durchschnittslohns verdienen, ehe das Nettoeinkommen über dem liege, was ihm an Sozialleistungen zustehe. Und dabei sind nicht einmal die Kosten für Kinderbetreuung eingerechnet, die auf Menschen zukommen, wenn sie wieder einem Ganztags-Job nachgehen.

In anderen Worten: Trotz der Hartz-Reformen lohne es sich für viele Arbeitslose überhaupt nicht, einen vollwertigen Job anzunehmen. Aber nicht etwa, weil sie auch ohne Arbeit genug Geld zu Verfügung haben. Sondern weil „regulär beschäftigte Personen schon bei einem geringen Verdienst einer relativ hohen Steuer- und Abgabenbelastung“ unterliegen, wie Herwig Immervoll erklärt. Der OECD-Volkswirt empfiehlt der Bundesregierung, sich einmal in Irland oder anderen EU-Ländern umzuschauen, denn dieses Problem lasse sich lösen.

Dänemark ist in vielerlei Hinsicht ein Vorbild. Trotz Finanzkrise läuft das Haushaltsdefizit nicht aus dem Ruder, wachsen die Schuldenberge nicht in den Himmel. Zudem bestätigen regelmäßige Umfragen, dass kein anderes Volk so zufrieden ist mit seinen Lebensbedingungen wie die nördlichen Nachbarn.

Beispiel: Dänemark

Das mag womöglich auch daran liegen, dass die Dänen mit einer umfassenden sozialen Absicherung rechnen können, falls sie ihren Job verlieren. In der aktuellen OECD-Studie rangiert Dänemark beim Lohnersatz in der Spitzengruppe. Zudem können die Skandinavier damit kalkulieren, dass sie der Staat vergleichsweise lange unterstützt, wenn sie ohne Job sind, berichtet Arbeitsmarkt-Expertin Claudia Wogedan von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Diese relativ generöse soziale Unterstützung führe allerdings nicht dazu, dass die Dänen bei der Suche nach Arbeit halbherzig vorgingen. „Die Betreuung und Aktivierung ist früher und besser als in den meisten anderen EU-Ländern“, erläutert Wogedan. Das Ergebnis spricht für sich: Die dänische Arbeitslosenrate lag im vergangenen Jahr mit 4,5 Prozent gerade einmal halb so hoch wie in der EU.

Der Blick lohne noch weiter nördlich, meint die Expertin. So garantierten die Finnen bedürftigen Arbeitssuchenden eine Grundsicherung, unbeschadet von deren privaten Vermögen. Auf diese Weise müssten Menschen, die ihren Job verlieren, keinen jähen sozialen Abstieg fürchten und nicht vorschnell einen Posten suchen, der nichts mit ihrer eigentlichen Qualifikation zu tun habe.

Die OECD lenkt derweil die Aufmerksamkeit nach Irland, wo Arbeitssuchende vom Staat nicht durch hohe Abgaben davon abgehalten, sondern sogar dafür belohnt würden, wenn sie einen sozialversicherungspflichtigen Job annehmen. „In Irland liegt für Alleinerziehende ab einer bestimmten Wochenarbeitszeit das Nettoeinkommen sogar über dem Bruttolohn“, erläutern die OECD-Fachleute.

Detlef Fechtner

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