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Mobbing

NRW-Initiative gegen Mobbing an Schulen gefordert

21.02.2011 | 13:03 Uhr
NRW-Initiative gegen Mobbing an Schulen gefordert

Herten.   Von den Mitschülern verspottet und gedemütigt: Für Mobbing-Opfer wird der Schulbesuch zum Alptraum. Doch kaum ein Jugendlicher traut sich, offen über das Problem zu reden. Die FDP fordert ein Aktionsprogramm gegen Mobbing.

Sie wurde krankenhausreif geschlagen, gedemütigt und beschimpft. Anderthalb Jahre ging Sylvia Hamacher in ihrer alten Schule durch die Hölle . Die heute 18-Jährige ist ein ehemaliges Mobbing-Opfer.

Doch im Gegensatz zu vielen anderen, denen das gleiche Schicksal widerfahren ist, schweigt sie nicht. Die junge Frau aus Herten hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben – in der Hoffnung, die Problematik einer breiteren Öffentlichkeit mehr zugänglich zu machen. Mit der Unterstützung durch die Landtagsfraktion der FDP präsentiert die Schülerin seit einigen Monaten ihren Erfahrungsbericht einem breitem Publikum - mit großem Erfolg.

„Nach jeder Lesung und jeder Buchpräsentation kommen viele, viele Menschen auf mich zu und sagen ‚Mir ist das Gleiche passiert’. Doch kaum einer traut sich, darüber öffentlich zu reden“, sagt die Schülerin aus Herten. Warum das so ist, erklärt sie sich so: „Wenn du gemobbt wirst, dann fühlst du dich, als ob du selbst schuld bist und als ob das nur dir passiert.“

Keine genauen Zahlen, aber eine vermutlich hohe Dunkelziffer

Genaue Zahlen, wie viele Schüler von Mobbing betroffen sind, gibt es nicht. „Jedoch ist bei kaum einem Thema die Dunkelziffer so hoch“, ist sich Meinrad Kamps, Schulpsychologe aus Essen, sicher. „Viele Schüler schämen sich, dass sie nicht selber damit fertig werden und erzählen nicht oder zu spät davon.“

Das Thema Mobbing wird seit Jahren immer wieder aufgegriffen , doch wirklich sinnvolle Ansätze zur Bekämpfung von Mobbing durch die Politik gebe es nicht, meint Ralf Witzel, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion. „Das Problem wird viel zu oft unterschätzt“, sagt er. Deswegen hat die FDP eine Kleine Anfrage an die Landesregierung gestellt. Darin fordert sie ein Aktionsprogramm gegen Mobbing. Das momentane Netz an Hilfe für Mobbingopfer bezeichnet die FDP in ihrer Anfrage als „lückenhaft“ und nennt als Beweis die Erfahrungen von Sylvia Hamacher. Nur eine gezielte Aufklärung könne vor „weiteren unzähligen Mobbingopfern an nordrhein-westfälischen Schulen“ schützen.

Die Landesregierung will die Idee jedoch nicht aufgreifen, sondern setzt vor allem auf die Eigeninitiative der Pädagogen. „Es liegt bei den Schulen, inwieweit sie die ihnen angebotene Hilfe des Landes annehmen“, so ein Sprecher des Schulministeriums. Da es „keine verlässlichen Schätzungen“ gebe, geht das Schulministerium zudem nicht davon aus, dass es „unzählige weitere“ Mobbingopfer gebe. Stattdessen sei es „wünschenswert, dass Mobbing dort öffentlich gemacht und bearbeitet wird, wo es aufgetreten ist“, so die Antwort auf die FDP-Anfrage.

Kritik am Verhalten der Lehrer

Sylvia Hamacher kritisiert in ihrem Buch vor allem das Verhalten ihrer Lehrer und der Schulleitung, die, ihrer Einschätzung nach, „oft selbst so hilflos waren“. Die Schulleitung wollte sich auf Anfrage zu diesen Vorwürfen nicht äußern.

Wie bei so vielen Mobbing-Fällen fing es auch bei Sylvia ganz harmlos an. In der siebten Klasse lädt die damals 13-Jährige ihre Mitschülerinnen zu ihrem Geburtstag ein. Die Eltern machen eine Vorgabe: Nicht mehr als zehn Gäste. Drei Mädchen, die deswegen nicht eingeladen werden, wenden sich enttäuscht von ihr ab. Dann, kurz darauf, spricht die gesamte Klasse nicht mehr mit ihr. Sylvia wird wie Luft behandelt, und das über Wochen. „Zuerst wusste ich gar nicht, wie ich reagieren soll“, erinnert sie sich. Als die mit ihr verfeindeten Mädchen merken, dass Sylvia es aushält, von allen geschnitten zu werden, ändern sie ihre Taktik. In den Pausen und im Klassenzimmer wird sie offen beschimpft und gedemütigt.

Keine Hilfe von außen angenommen

Der Klassenlehrer reagiert auf die Situation mit einem Klassengespräch. Doch das Gespräch eskaliert nach wenigen Minuten. „Mein Lehrer war total überfordert. Anstatt zu moderieren, fragte er nur, was los sei und ließ dann zu, dass andere mich beschimpften“, erinnert die Schülerin sich. Gemeinsam mit ihren Eltern sucht sie nun Hilfe beim Schuldirektor. Dieser verspricht, sich um das Problem zu kümmern, doch nichts passiert. „Im Nachhinein denke ich, dass wir in diesem Moment Hilfe von außen gebraucht hätten“, reflektiert Sylvia die Ereignisse von damals.

Hierfür gibt es in jeder Stadt im Ruhrgebiet einen schulpsychologischen Dienst. Sylvias Beispiel zeigt, dass nicht alle Schulen bereit sind, die dort angebotene Hilfe anzunehmen. Und das kann, wie bei dem Klassengespräch bei Sylvia, fatale Folgen haben. „Ein unmoderiertes Klassengespräch kann die Situation wesentlich verschlimmern“, sagt auch Günther Warberg, Schulpsychologe aus Mülheim.

Beide Schulpsychologen sind sich einig: Ungeschulte Lehrer, die spontan reagieren, verschlimmern die Situation oftmals. Zu viele Lehrer verstünden nicht, dass Mobbing kein Problem zwischen Opfer und einem einzelnen Täter ist. „Beim Mobbing geht es immer um die ganze Klasse“, sagt Warberg. Immer gebe es Unterstützer des Täters und eine passive Masse.

Den Glauben an die Lehrer verloren

Was passieren kann, wenn Lehrer nicht oder falsch reagieren, zeigt zudem ein weiteres Ereignis in Sylvias Geschichte. Ihre Situation eskalierte während eines Schulaustauschs nach England: Ein Teil der Mädchen, die Sylvia verfolgen, fährt mit. Sie verbreiten das Gerücht, dass Sylvia leicht zu haben sei. Die Lehrerin, die beim Schüleraustausch mit dabei ist, verspricht ihr daraufhin, die Mädchen zu bestrafen, tut es aber nicht. Die Schülerin hat den Glauben an eine Unterstützung durch ihre Lehrer dadurch endgültig verloren. Ihre Mitschüler, durch das passive Verhalten der Lehrer ermutigt, machen weiter. Zurück in Deutschland verletzt eine Schülerin Sylvia mit einem Tritt in den Rücken so schwer, dass sie ins Krankenhaus muss.

Im Fall von Sylvia bedeutete dies, dass sie ihren Kampf nach anderthalb Jahren aufgab. Sie verließ die Schule und wechselte auf ein anderes Gymnasium. Mit ihrem Buch und durch die Unterstützung durch die FDP hofft sie nun, anderen Mut zu machen und auch anderen Politikern die Augen zu öffnen, dass es nicht reicht, es den Schulen zu überlassen, ob sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen oder nicht.

Katrin Bölstler

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Kommentare
29.03.2011
14:39
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von Michael22 | #19

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21.02.2011
16:47
NRW-Initiative gegen Mobbing an Schulen gefordert
von Siggi.Kattlewski | #18

Oftmals völlig überforderte Lehrer, die alle 45 bis 90 Minuten einen neuen Klassenverband mit 25 - 30 Schülern zu betreuen haben (besonders in den gefährlichen Klassen 7 -9 kann man kaum von unterrichten sprechen), sind gar nicht in der Lage Mobbing überhaupt zu erkennen, geschweige denn richtig zu reagieren. Abhilfe können hier nur kleinere Klassenverbände und eine bessere Lehrerausbildung und -auswahl schaffen. Aus eigener Erfahrung in meiner Schulzeit kenne ich genug Lehrkräfte, die für diesen undankbaren Job völlig ungeeignet sind. Strengere Regeln bei der Lehrerzulassung können meiner Ansicht nach das Problem deutlich zurück drängen. Denn was soll ein Lehrer ausrichten, der den ganzen Tag damit beschäftigt sich selbst aus der Mobbingschussbahn zu bewegen?

21.02.2011
16:26
NRW-Initiative gegen Mobbing an Schulen gefordert
von dr.einnstein | #17

Es ist schade, dass der Beitrag gelöscht wurde, der dem Opfer eine erhebliche Mitschuld gegeben hat. denn genau das ist das, was Mobbing-Opfer in der Schule meistens zu hören bekommen. Wenn er sich nicht so bescheuert verhalten würde, würde er auch nicht gemobbt

Mobbing an Schulen ist übrigens nichts Neues, höchstens der Begriff. Schon zu meiner Schulzeit auf dem Gymnasium sind Mitschüler systematisch gemobbt, verprügelt oder auf sonstige Weise gequält worden. Beliebt war z.B. das Kopfüber aus dem Fenster halten, gegen das der damalige Pädagoge auch nach Hinweisen aus der Elternschaft nicht eingeschritten ist.
Das Problem ist, dass sich weder die mobbenden Schüler noch die wegschauenden Lehrer im Klaren sind, was da angerichtet wird. Insofern ist Aufklärung dringend geboten.

21.02.2011
16:04
NRW-Initiative gegen Mobbing an Schulen gefordert
von michaelroempke | #16

Das Schulministerium unterschätzt das Problem. Was auch daran liegt, dass zuwenig Informationen gemeldet werden.Z.B. hatte eine meiner Töchter mal E-Mails mit der Aufforderung zm Suizid erhalten. Die waren auch so gemeint. Sie konnte erst lange Zeit, nachdem sie die Schule verlassen hatte, darüber sprechen.
Betroffene und Angehörige schweigen oft, weil sie befürchten, das Mobbing würde sonst noch schlimmer.
Ich hoffe, die FDP-Fraktion schafft es, das Schulministerium aus dem Tiefschlaf zu wecken. Leider hat sie das Thema nicht aufgegriffen, als Andreas Pinkwart noch Schulminister gewesen ist.
Die Fraktion sollte ihre Anfrage erweitern: Wie hoch schätzt die Landesregierung die stationären Behandlungskosten pro Jahr, die für von Mobbing beroffene Schülerinnen und Schüler aufgebracht werden müssen?
Die Lehrkräfte allein in die Pflicht zu nehmen, halte ich für zu kurz gegrifen. Alleine schon wegen der Tatsache, dass Lehrkräfte selbst schon Opfer von Mobbing durch Schüler geworden sind.
M.E. ist eine Studie nötig, wieviel Krankmeldungen bei Lehrern und Schülern auf Mobbing zurückzuführen sind. Der volkswirtschafliche Schaden dürfte im zweistelligen Millionenbereich liegen.
Von dem Schiksal der seelisch gebrochenen Menschen und der von Suizid betroffenen oder bedrohten Personen ganz zu schweigen...

21.02.2011
15:57
NRW-Initiative gegen Mobbing an Schulen gefordert
von Dr.Seltsam | #15

Absolut grenzwertiges Thema..
Für einen Außenstehenden, ja selbst für einen Lehrer, der alle 45-90min einen anderen Klassenverband unterrichtet ist nur sehr schwer zu erkennen, ob es sich um harmlose Frotzeleien handelt, oder um ernsthaftes Mobbing.

Für Eltern und Lehrer ist auch nicht immer zu erkennen, ob es sich um echtes Leiden eines Opfers handelt oder um ein weiteres Drama pubertierender Teenager..

Das Thema Mobbing an Schulen wird sich nicht allgemeingültig lösen lassen.

Es wird immer wieder passieren, dass Leiden übersehen und bagatellisiert wird.
Es wird aber auch immer wieder geschehen, dass harmlos gemeinte Späße überdramatisiert und kriminalisiert werden..

21.02.2011
15:30
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von fatih | #14

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21.02.2011
15:27
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von fatih | #13

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21.02.2011
15:11
NRW-Initiative gegen Mobbing an Schulen gefordert
von Anette999 | #12

Wenn die Lehrer nichts gemacht haben, dann müsste das unterlassene Hilfeleistung sein. Es besteht doch auch eine Art Fürsorgepflicht gegenüber den anvertrauten Schülern!
In Betrieben wurden inzwischen schon Urteile auf Schmerzensgeld bis zu einer Höhe von 30.000 Euro von Mobbingbetroffenen (möchte nicht von Opfern sprechen!) gewonnen, da der Chef (also in der Schule Lehrer/ Direktor) nicht eingegriffen hat.
Also muss in solchen Fällen wohl auch mal die Hierarchie und das Meldewesen in der Schule geprüft werden, wieso da nichts geschehen ist. Schließlich können solche Geschichten auch in Selbstmord enden.

21.02.2011
14:56
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von dr.einnstein | #11

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21.02.2011
14:41
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von fatih | #10

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