Neue Ministerin kritisiert Leiter von Pflegeheimen
02.09.2010 | 18:28 Uhr 2010-09-02T18:28:00+0200
Düsseldorf.NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) macht vor allem Heimleiter für Missstände in der Pflege verantwortlich. Es gebe in NRW „sehr gute bis katastrophal schlechte Einrichtungen“, sagte sie der WAZ.
Barbara Steffens blickt aus ihrem Ministerbüro auf ein Rheinidyll – und redet über alte, wund gelegene Menschen, die an die Decke starren müssen. Als grüne Oppositionspolitikerin hat sie jahrelang die „dramatische Pflegemisere“ kritisiert und tut es noch. Nun liegt es an ihr, daran etwas zu ändern. Im Gespräch mit dieser WR Zeitung erläuterte die Landesministerin für Gesundheit und Pflege, wie sie gegen Personalmangel und Missstände vorgehen will.
Da die Finanzierung der Pflege Sache des Bundes ist, setzt Steffens ihre Hebel ganz unten und ganz oben an: Sie möchte wieder für mehr Ausbildungsplätze sorgen und die Leiter von Heimen mit gravierenden Mängeln in die Fortbildung schicken.
Ausbildungsumlage
Laut dem Landesbericht Gesundheitsberufe 2010 fehlen allein in diesem Jahr 1200 Ausbildungsplätze. Dafür verantwortlich ist laut Steffens unter anderem ein Abbau der vom Land geförderten Plätze in den vergangenen Jahren. Die neue Ministerin plant nun eine Rückkehr zum alten System – sie lässt prüfen, ob alle Träger, insbesondere auch die ambulanten, wieder zu einer Ausbildungsumlage verpflichtet werden können.
Derzeit finanziert das Land die schulische Ausbildung, die Träger zahlen den praktischen Teil. Vor allem ambulante Dienste bildeten kaum aus, weil sie die Kosten scheuen. Das will Steffens ändern: „Wenn alle Träger die Umlage zahlen müssten, hätten sie auch wieder ein Eigeninteresse daran, selbst auszubilden”.
Momentan bildeten die Heime den Nachwuchs für die ambulanten Dienste mit aus. Das sei nicht nur ungerecht, sondern auch der Grund für die „absolut krisenhafte Situation in der Pflegeausbildung”. Von den rund 8600 geförderten Schulplätzen seien 2009 viele gar nicht besetzt worden, weil die dazugehörenden Praxisplätze fehlten.
Das nächste Problem sieht Steffens durch einen Kurswechsel in der Förderung der Pflegeausbildung von Arbeitslosen: „Wenn die Bundesagentur ab 2011 die dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft nicht mehr fördert, bekommen wir massive Probleme. Das können wir mit Landesmitteln nicht kompensieren.” Die von der Großen Koalition eingeführte Förderung läuft aus. Nach Plänen der schwarz-gelben Regierung soll künftig nur noch die zweijährige Ausbildung zum Pflegehelfer gefördert werden. „Das bringt nichts. Pflegehelfer dürfen kaum mehr tun als ungelernte Aushilfen. Wir brauchen mehr Fachkräfte.”
Eine Hauptursache für die Missstände in Pflegeheimen, zuletzt in Mönchengladbach mit tödlichen Folgen, sieht Steffens in der Führungsebene. Sie beklagt, dass es in NRW „eine Riesenspanne von sehr guten bis hin zu katastrophal schlechten Einrichtungen” gebe. Das sei zuallererst ein Führungsproblem. „Jeder kann Heimleiter werden, auch ohne Erfahrung mit Pflegeberufen. Dadurch kommen immer mehr reine Kaufleute ohne Empathie für die zu pflegenden Menschen und die Beschäftigten in Leitungspositionen.” Die Unterschiede seien gravierend: „Gut geführte Heime haben kaum Mitarbeiterfluktuation und kommen ohne Leiharbeit aus. Dagegen verlieren schlecht geführte Häuser gute Stammkräfte und müssen das mit Leiharbeitern ausgleichen.“
Steffens will einen Automatismus einführen, nach dem sie von der Heimaufsicht und dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) Rückmeldungen über Missstände in Pflegeheimen erhält und dann an deren Leiter herantritt. „Die Mitarbeiter leisten doch gerade in problematischen Einrichtungen, was sie nur können. Deshalb will ich ein verpflichtendes Coaching für Führungskräfte einführen, wenn Mängel in den Einrichtungen entdeckt werden.” Vieles sei eine Frage der Organisation. So liege es an der Heimleitung, gute Kräfte zu halten, indem man etwa auf Teilzeitwünsche eingeht und den Dienstplan an den Mitarbeitern ausrichtet statt umgekehrt. Die Leiter sollten von jenen Kollegen lernen, die ihre Heime am besten führen.
Kritik an struktureller Leiharbeit
Leiharbeit in der stationären Pflege hält Steffens für problematisch, vor allem im Umgang mit dementen Menschen. Leiharbeit, wie sie etwa die Diakonie und die AWO mit eigenen Firmen organisieren, sei nur zum Ausgleich von Krankheitsausfällen sinnvoll. „Die Frage ist, ob Einrichtungen ihr Personalproblem lösen wollen oder ob sie systematisch Leiharbeiter einsetzen. Strukturelle Leiharbeit ist in der Pflege völlig verfehlt.” Wenn gar Stammpersonal in die Leihfirma gedrängt werde, etwa weil es auf Teilzeit gehen will, „dann geht das gar nicht”.
11:26
Ich glaube das die einzige Lösung für das unmenschliche Pflegedilemma darin besteht die Pflegequalität zu prüfen und öffentlich zu machen.
Angehörige und Pflegekräfte sollten viel häufiger nach ihren Meinungen gefragt werden, eine Ausbildungspflicht verlagert das Problem in die Zukunft und in falsche Hände.
Werten sie regelmäßig Erfahrungen Angehöriger und Pflegekräfte aus und veröffentlichen sie diese und sie erhalten einen Überblick wem man seine Angehörigen tatsächlich anvertrauen kann und wem nicht.
Als betroffener Angehöriger ist man schon bei der Auswahl eines Pflegeheims komplett überfordert, ein nachträglicher Wechsel findet so gut wie nie statt weil man das den pflegebedürftigen nicht zumuten möchte.
11:21
hallo frua ministerin steffens.
sie haben ja so recht, nur ändern können sie diese situation nur, wenn es neue gesetze gibt.
im augenblick kann jeder ein heim eröffnen, er benötigt nur ex. leitungskräfte, meist aus dn eigenen reihen, die den kopf hinhalten für die machenschaften der leitung. der mdk und die heimaufsicht sind oft bestechlich. habe selber als pflegedienstleitung gearbeitet, es ist schlimm was an der basis läuft. bin gerne zu einem gespräch bereit, war 23 jahre im dienst, noch fragen?????
liebe grüße, i spellmann
10:59
von den schlechten Arbeitsbedingungen mal abgesehen arbeiten genug Fachkräfte in der Pflege die nach jahrejanger Arbeit einen kaputten Rücken haben. Sprich mehrere Bandscheibenvorfälle. Trotzdem arbeiten sie weiter, weil sie müssen.
09:03
@3: Wer ist ihr Arbeitgeber? Sind da noch Stellen frei? Oder kloppen Sie für die 3000 Euro nur Nachtschicht und Überstunden?
Ich bin Fachkrankenpeger mit 25 Jahren Praxis und bekomme nicht so viel Geld!
Fr. Steffens hat viel Verständnis zum Thema und ich wünsche ihr gutes Gelingen beim Ändern der Misere.
08:59
@ #2 Ich stimme Ihnen vollkommen zu!!! Ich bin nach 10 Jahren als Pflegedienstleiter bei einem öffentlichen Träger zu einem privaten Unternehmen gewechselt und habe dort nach 4 Monaten die Segel gestrichen. Das war unerträglich und vor allen Dingen unprofessionell! Von arbeitsrechtlich äußerst zweifelhaften und grenzwertigen Arbeitsbedingungen will ich überhaupt nicht sprechen.
@ #3 Sie müssen mir einmal zeigen, in welcher Einrichtung eine Pflegefachkraft, auch nach etlichen Jahren, etwas mehr als 3000 Euro brutto verdient! Das durchschnittliche Gehalt einer Pflegefachkraft z. B. in der ambulanten Pflege liegt bei ca. 2000 - 2500 Euro monatlich. Inklusive aller Zulagen (Wochenende, Bereitschaftsdienste usw.). Das durchschnittliche Gehalt eines Pflegedienstleiters liegt bei ca. 3000 - 3500 Euro brutto/monatlich. Ich habe aber auch schon Leiter kennengelernt, die für 2100 Euro brutto arbeiten. Dazu kommt das gerade im Bereich der ambulanten Pflege Arbeitsbedingungen herrschen, die man überhaupt nicht mehr vermitteln kann. Von Schicht- und Wochenend- und Feiertagsdiensten will ich dabei gar nicht sprechen. Das gehört zum Berufsbild dazu. Die Regel ist aber, dass Mitarbeiter 12 Tage arbeiten müssen um dann evtl. 2 Tage frei zu haben (wenn man nicht mal wieder eine Krankheitsvertretung machen muss). Oder aber sie müssen Teildienste (im günstigsten Fall morgens 5 Stunden und abends 5 Stunden arbeiten - das kann aber auch durchaus mehr sein, so dass Gesamtdenste von 12 oder 13 Stunden keine Seltenheit sind).
Solange sich an diesen Arbeitsbedingungen nichts ändert, kann die Politik soviele Ausbildungsoffensiven starten wie sie will. Das werden auf Dauer die wenigsten mitmachen. Die berufsimmanenten Belastungen will ich da mal völlig ausklammern. Die, die dabei bleiben sind in der Regel zu bequem zu wechseln oder aber haben Familien mit Kindern und können sich einen Wechsel einfach nicht erlauben.
Es gibt sicherlich Einrichtungen, die sich bemühen, die Belastungen des Pflegepersonals zu reduzieren. Die kenne ich auch. In der Regel sind das aber die Einrichtungen, die a) belächelt werden, und b) finanziell immer auf der Kippe stehen.
Das Ganze ist ein so massives strukturelles Problem, was viel zu komplex ist, als dass man das hier ausführlich darstellen, geschweige denn mit einer Ausbildungsoffensive lösen könnte.
08:16
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08:03
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07:44
Die Einführung einer Ausbildungsumlage wird auch nicht dazu führen, daß mehr qualifizierte Fachkräfte in den Pflegeberufen zur Verfügung stehen.
Ich werde meinen Kindern nicht dazu raten einen Pflegeberuf zu ergreifen. Beschäftigte im Gesundheitswesen sind besonders von schlechten Arbeitsbedingungen betroffen und das Schmerzensgeld (Gehalt) ist einfach zu niedrig. Nach Jahren der Berufspraxis liegt das maximale Gehalt nur bei etwas mehr als 3.000 Euro brutto. Auf Dauer ist solch ein Gehalt äußerst unbefriedigend.
07:26
Habe selber jahrelang Altenheime geleitet, wollte das aber nicht länger und habe die Branche komplett gewechselt. Und was soll ich sagen?! Die Frau hat recht. Es mag sehr gute Einrichtungen geben, die sind aber schwer zu finden. Ich bin selber Pfleger und habe dann BWL studiert. Das große Problem ist, dass immer mehr ehemalige öffentliche Einrichtungen aus Händen der Städte privaten Trägern (häufig Aktiengesellschaften) verkauft. Hardcorekapitalismus und menschenwürdige Pflege verträgt sich nicht!! Ich habe selber bei einer AG der Pflegeindustrie gearbeitet. Die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter sind katastrophal und dadurch ist die Fachkräftefluktuation sehr hoch. Oft müssen dann Zeitarbeiter eingesetzt werden. Diese kennen dann die internen Abläufe und die Bewohner überhaupt nicht. Die Pflege- und damit auch Lebensqualität dieser bricht dann total ein. Pflegedokumentationen werden von vorne bis hinten gefälscht ebenso Trink- und Lagerungsprotokolle.
Jeder alte Mensch der dort nicht Angehörige hat, die wirklich hinter ihm stehen und sich laut beschweren geht unter. Ich kenne eine Einrichtung für alte alkoholabhängige Menschen in NRW die in einem ehemaligen Bankgebäude (!) eingerichtet wurde. Unter dem Dach, hinter schmalen Bürotüren durch die im Notfall keine Tragen des Rettungsdienstes passen, liegen Menschen mit Pflegestufe 3. Unter dem Dach wird es im Sommer heiss und die Menschen liegen dort. Das bedrückenste ist, die Heimaufsicht und MDK weiss davon und greift nicht ein. Und dies wird kein Einzellfall sein.
Ich kann jedem Angehörigen nur empfehlen, sich nicht auf die Hochglanzprospekte der Träger zu verlassen sondern immer mit offenen Augen und Ohren sich dem alten Menschen widmen und bei Verdacht sofort Beschwerde einlegen!
Sonst hat der alte Mensch schlechte Karten...
07:04
dann sollte die Politik mal dafür sorgen, das z. B. die Heimleitung in Stadtnahen Pflegeheimen in die Hände von Fachpersonal gehört und teilweise nicht als politischer, parteinaher Posten mißbraucht wird.