Das Elend der Huren auf dem Dortmunder Straßenstrich
Im Westen, 03.06.2009, Annika Fischer
Diejenigen, die den Frauen helfen wollen, sagt Rechtsdezernent Wilhelm Steitz, „stehen mit leeren Händen” davor. Dabei ist man viel Kummer gewohnt in diesem Stück Dunkel-Dortmund, wo viel Ausland wohnt und viel Armut und wo abends zuweilen Staus entstehen vor den „Verrichtungsboxen” der Prostituierten. Aber das nun, gesteht Steitz, „sprengt alle bisher gekannten Integrationsproblematiken”. Unter „furchtbar elenden Bedingungen” lebten die Frauen, sprechen kein Deutsch, können oft nicht lesen, haben keinerlei Gesundheitsversorgung; sie ahnen ja nicht mal, dass es die gibt!
Es werden immer mehr
Im letzten Sommer waren sie auf einmal da, die Bulgaren, „überraschend” kamen sie, „Schlag auf Schlag”, erinnern sich die Sozialarbeiterinnen der Beratungseinrichtung „Kober”. 1500 sind sie jetzt oder 3000, jedenfalls vierstellig, etwa 180 bieten auf der Straße ihre Dienste an. Sie werden immer mehr, und sie dürfen das: Die EU, seit ihrer Erweiterung, erlaubt ihnen das Reisen, sie brauchen keine Aufenthaltserlaubnis, nur eine „Freizügigkeits-Bescheinigung”, was ein bemerkenswerter Begriff ist in diesem Zusammenhang. Abhängig arbeiten dürfen sie zwar nicht, ein Gewerbe anmelden schon. Also wählen die Frauen das älteste der Welt.
Und finden dabei alles besser als zuhause. Die meisten nämlich kommen aus Stolipinovo nach Dortmund, einem Vorort der Stadt Plovdiv und einer Art Ghetto für eine Roma-Minderheit. Ohne Strom, ohne Wasser, ohne Schulen, ohne jede medizinische Versorgung lebten sie dort, berichten die Frauen den Beraterinnen von Kober, die seit kurzem mit einer Dolmetscherin auf den Strich gehen und endlich nach solchen Dingen fragen können: Die Bulgarinnen sprechen einen seltenen Dialekt. „Sie sind besonders motiviert, ihr Elend zu beenden”, sagt Sozialarbeiterin Sabine Reeh: Das Ende des Elends ist für sie tatsächlich der Anfang des Anschaffens.
Geld für die Familie
Viele finanzierten mit dem Geld, das sie auf der Straße verdienen, daheim eine Großfamilie, häufig auch eigene Kinder, obwohl sie selbst oft keine 20 sind. „Wie ein Arbeiter auf Montage”, sagt Claudia Attig-Grabosch, Psychologin bei Kober. Nur sind die Bulgarinnen wohl gekommen, um zu bleiben: „Zuhause haben die doch keine Perspektive.”
In der Tat: „Die Frauen kennen aus ihrer Heimat nur bitterste Not”, hat auch Dezernent Steitz lernen müssen – was sollten sie also einzuwenden haben gegen die „üblen Verhältnisse”, in die sie nun geraten: fünf, sechs Frauen in heruntergekommenen Häusern, ein modriger Matratzenplatz für 100 Euro? „Die werden hemmungslos ausgenutzt”, weiß Steitz. Auch von den Freiern. Denn die Bulgarinnen aus Plovdiv wissen ja nicht, wie man verhütet, sie sind noch nie auf die Idee gekommen, ihren Körper zu schützen, der nie etwas besseres als wertlos war.
Die Betreuerinnen von Kober berichten von Prostituierten, die Tampons für ein Verhütungsmittel halten, die niemals hörten von Geschlechtskrankheiten oder Aids, die glauben, eine Pille verhindere Schwangerschaften für immer. Nur tun sie das eben nicht: In kürzester Zeit gab es 13 Abtreibungen. Die in der Regel von der öffentlichen Hand bezahlt werden: Notfallversorgung, die teuer ist. Die eigene Krankenversicherung ist in Deutschland wertlos, aber sei's drum: „Die meisten, weiß Claudia Attig-Grabosch, „haben gar keine.”
Zustände wie vor 100 Jahren
Die Kommunikations- und Beratungsstelle Kober ist eine Einrichtung des Sozialdienstes Katholischer Frauen für ausstiegwillige, ehemalige und aktive Prostituierte. Die Mitarbeiterinnen arbeiten regelmäßig in den Abend- und Nachtstunden in einem Container auf dem Straßenstrich, der als niedrigschwellige Kontaktstelle für die Frauen dient. Angestrebt wird eine Verbesserung der Lebenssituationen.
Spenden: Sozialdienst katholischer Frauen e.V., Stichwort: Kober, Stadtsparkasse Dortmund, Kontonr. 13 10 131 32, BLZ 440 501 99
Kürzlich kümmerte sich Kober um ein schwangeres Mädchen, das sein Kind austrug. „Es hat sie sehr belastet”, und natürlich konnte die junge Frau nicht arbeiten. Schlief in einer Übernachtungsstelle, gab das Baby zur Adoption frei und zeigt seither traurig ein Foto herum. Die Familie daheim weiß von alledem nichts, wie die meisten nicht wissen (wollen), was ihre Töchter tun in der Fremde. Geld schickte eine Zeit allein die Schwester des Mädchens: Auch sie schafft in Dortmund an.
Wie soll man diesen Frauen helfen, die nichts verstehen, denen ein Faltblättchen nichts sagt, die ärztliche Untersuchungen nicht einmal bezahlen könnten, wenn sie einsähen, dass die nötig sind? „Man weiß nicht mehr, wo anfangen”, sagt Sabine Reeh von Kober. Die Mitternachtsmission berichtete im Sozialausschuss von „Zuständen, wie es sie vor 100 Jahren gab”.
Und „mal eben Lösungen erfinden” kann selbst der Runde Tisch nicht, der in Dortmund jetzt tagt. Auch nicht für das Problem der bulgarischen Männer. Denn die stehen ja ebenfalls herum, in Gruppen an immer denselben Ecken: fremde Leute, mit denen sich keiner verständigen kann. „Subjektiv löst das Ängste aus”, sagt Stadtrat Steitz, es habe „massive Beschwerden” gegeben. Zuhälter sind die Männer angeblich nicht, auf dem Strich sind sie angeblich auch: dem Schwarzarbeiterstrich, erzählt man sich in der Stadt. Der Zoll kann zwar nichts nachweisen, „aber was sollen sie sonst machen”, fragt selbst der Rechtsdezernent. Sicher ist für ihn nur: „Das Stadtviertel verkraftet das alles nicht.”
