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Betteln

"Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus"

25.12.2009 | 15:27 Uhr

Essen. Sie gehören zum Straßenbild jeder Großstadt: Menschen, die Obdachlosenzeitungen verkaufen. Oder den Passanten einen Plastikbecher entgegenhalten. Unter ihnen Gestrandete, die ums Überleben kämpfen. Aber auch Bettelprofis.

Er ist Reftar, den Namen hat er sich selbst zusammengesetzt, das r steht für „Revolution”, das a für „Anarchie”, das f für „fucking” – und den Rest hat er vergessen. Reftar steht immer an dieser Stelle, wo's ums Eck zu Aldi geht, lehnt an seinem Rollator, daneben liegt sein Hund, und da verkauft er dann „Bodo”, die Obdachlosenzeitung. „Ich bin doch kein Bettler”, sagt Reftar, und im engsten Sinne stimmt das, denn Bodo-Verkäufer müssen erst Geld vorlegen, 90 Cent pro Zeitung, um dann Geld zu verdienen. Sie tun was, sie sind die Oberschicht der Bettler. „Das seh ich so mit den Schichten”, sagt Reftar später. Aber natürlich nimmt er an, wenn ihm jemand Geld gibt ohne Bodo.

Keine Statistik über Bettler

Ein Leben lang hat er sich als Gelegenheitsarbeiter durchgeschlagen, mit Zeichnen experimentiert dazwischen, „ich hab abends immer mein Geld gehabt”. Aber lebensabends? Heute ist der Mann 60, hat noch jemand Fragen? Kleinstrente, die paar Bodos, das wird dann knapp: „Wo ich viel Geld ausgebe, das ist das Rauchen und dann für'n Hund. Ein Bier kostet doch nichts, keine 30 Cent. Sonst, was brauch' ich?” Aber Jahr für Jahr zieht ihm der Winter mehr in die Knochen, „mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus”, dann schiebt er mit dem Rollator und dem Hund nach Hause. „Vielleicht fang' ich wieder an zu zeichnen, vielleicht mach' ich was mit Ausstellung.” Das war Reftar.

Bettler. Sie sind: Obdachlose, Punks, Hartz-IV-Empfänger, Ausländer. Einzeln oder in Gruppen, was man aber nie sofort erkennt. Gefühlt werden sie mehr, aber keine Statistik gibt das her.

Bettler auf dem Ostenhellweg

Wenn man also mit offenen Augen den geschäftigen Westen-/Ostenhellweg in Dortmund hinuntergeht, und das ist kein Kilometer Fußgängerzone: Die junge Frau, die anscheinend Blumen verschenkt, aber wer annimmt, dem tritt sie fordernd zu nah. Dann der vermummte Mann am Boden, der einen tiefgefrorenen Pappbecher ausstreckt. Dann ein Mann mit Ziege: „Kleiner Zirkus bittet um eine Spende. Danke!”. Ein Bodo-Verkäufer. Eine Frau, die auf einem Kissen kniet. Mann mit Plastikbecher. Stehgeiger. Ziegenmann. Ein Schwarzer mit Gitarre, spielt „Gimme hope Jo'anna”. Noch ein Pappbecher. Noch ein Ziegenmann. Und auf demselben Weg zurück fällt auf, dass man noch den, den, sie, den und die übersehen hat. Mann mit Pappbecher, zu dem sich eine ältere Frau hinunterbeugt mit einem eigenen Anliegen auf einem großen Schild: „Jesus rettet!” Hinter ihr stochert ein Mann mit einem Stecken in einem Abfalleimer herum. Bettler?

Das Ordnungsamt Bochum hat es im Jahr mit 10 000 „Feststellungen” zu tun, es ist die bunte Welt der Ordnungswidrigkeiten: Pinkeln auf der Straße, Abfall heimlich wegwerfen, 100 Dezibel Musik, unerlaubtes Plakatieren... „Stilles Betteln ist erlaubt”, sagt die Abteilungsleiterin Irmgard Gulan. Untersagt ist aber „aggressives” Betteln: „Jacke zerren, Hund als Druckmittel, Weg versperren, verfolgen”; selbst das berühmte „Hasse maa'n Euro?” ist danach nicht zulässig. Aber das ist kein Schwerpunkt und kein Brennpunkt – von 10 000 Feststellungen 2009 bezogen sich ganze 89 auf Bettler. Und das Gerede über Banden? „Wenn man Personalien aufnimmt, sieht man manchmal, die kommen alle aus demselben Ort oder haben alle denselben Namen”, sagt Gulan. Verwandte, Süd- oder Osteuropäer, heute hier, morgen da, sie werden herumgefahren.

Acht Jahre obdachlos

Das hier ist eigentlich kein Platz für Menschen, unter der Eisenbahnbrücke vor der Bochumer Innenstadt. Oben acht Gleise, unten fünf Fahrspuren, der Lärm ist furchtbar; hierhin kommt Mike nahezu täglich, 13 Uhr bis frühen Abend, und setzt sich auf das Pflaster. „Der Mensch ist eine Ratte, er gewöhnt sich”, sagt Mike. Im Innern seiner Jacken löst er ein Kreuzworträtsel.

Manche Bettler schwören auf die Fußgängerzone, die vielen Passanten da, Mike sitzt lieber hier. Weniger Passanten, aber sein Stammplatz, viele Jahre, „ich blockiere hier kein Schaufenster, die Leute können vorbei und die Polizisten wissen, ich mache keinen Ärger”. Möbelschreiner war er in einem früheren Leben, und was dann geschah, tut hier nichts zur Sache. „Ich mach' das hier nicht, weil ich Häuser bauen will, ich mach' das, weil ich muss”, sagt der 45-Jährige.

Acht Jahre war er obdachlos, heute hat er ein winziges Zimmer mit Schräge, Bett und Kochplatte. Zwölf bis 20 Euro bekomme er pro Schicht, sagt Mike, „das war früher mehr” – und am bisher schlechtesten Tag: 3,50 Euro. Aber manchmal gebe es auch Ausreißer, einen Zwanziger, ganz selten einen Fünfziger. Und ein einziges Mal hat ihm jemand 200 Euro zugesteckt: „Da habe ich drei Tage Hotel genommen.”

"Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr...

Hubert Wolf

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Kommentare
09.10.2010
11:00
Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus
von No Name | #13

wie es aussieht ist der Aufschwung auch da vorbei gegangen.

26.12.2009
06:56
Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus
von gimma | #12

Nichts gegen die Bettler am Osten-und Westenhellweg.Aber wenn meine Frau in der leeren Probsteikirche mitten im Gebet angesprochen wird,dann wird die Toleranzgrenze überschritten.

26.12.2009
00:06
Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus
von hamicha | #11

Schon mal dran gedacht,daß Sie auch in diese Situation geraten könnten ? Und was dann ?
Geht schneller als manche(r) denkt !

26.12.2009
00:00
Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus
von radieschen | #10

Die betroffenen Menschen haben wahrscheinlich ihr Leben lang nie sparen gelernt oder sparen können.
Solche Gedanken können nur Personen haben, die in einem gewissen Wohlstand leben.
Ich habe am Montag an einer Weihnachtsfeier für wohnungslose Männer teilgenommen. Etwas beeindruckenderes habe ich vorher nicht erlebt.
Da war selbst der Gottesdienst am Hl. Abend fade dagegen.

25.12.2009
19:57
Blockierter Kommentar.
von James.Brunt | #9

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25.12.2009
19:35
Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus
von Hagen =Nein Danke | #8

Ja, das große Problem ist zuerkennen wer es wirklich nötig hat und wer nicht.
Obwohl doch eigentlich jeder die möglichkeit hat etwas zu bekommen, und se es bei der Bahnhofsmission, oder sehe Ich das falsch ?
Und wenn die Bettler mit Geld umgehen könnten würden die meisten wohl nicht betteln müssen.
Wenn Ich 200€ überhabe gehe Ich auch nicht 3 Tage ins Hotel, sondern spare es für schlechte Zeiten, aber soweit denken die wohl eher nicht, leben halt wie Eintagsfliegen, dann gehört eben auch hungern und frieren dazu!

25.12.2009
17:17
Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus
von Moers Sued | #7

Und es werden immer mehr dank Hartz4 und Wirktschaftskrise!

25.12.2009
17:16
Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus
von socke01 | #6

Ich habe über die Feiertage auch einen Obdachlosen zu besuch und er trägt nicht nur im Haushalt seinen Teil dazu bei,er trägt sogar zum Lebensunterhalt bei (Essen und Trinken).Habe bis jetzt nur positive Erfahrungen gemacht und würde ihn wieder aufnehmen.

25.12.2009
16:32
Mit der Kälte, das halt ich nicht mehr aus
von udo.michel | #5

[bezog sich auf einen entfernten Kommentar]

25.12.2009
16:01
Blockierter Kommentar.
von Grundgesetz | #4

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