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Ladenschluss bei Schlecker

01.06.2012 | 16:46 Uhr
Foto: /dapd/Sascha Schuermann

Ladenschluss bei Schlecker: Die Drogeriekette macht nach dem Ausverkauf dicht, 13.762 Mitarbeiterinnen sollen noch im Juni ihre Kündigung erhalten. Das zahlungsunfähige Unternehmen wird zerschlagen, weil die Verluste und die Risiken zu hoch waren - und sich deswegen kein Investor finden ließ.

Ehingen/Berlin (dapd). Ladenschluss bei Schlecker: Die Drogeriekette macht nach dem Ausverkauf dicht, 13.762 Mitarbeiterinnen sollen noch im Juni ihre Kündigung erhalten. Das zahlungsunfähige Unternehmen wird zerschlagen, weil die Verluste und die Risiken zu hoch waren - und sich deswegen kein Investor finden ließ. "Eine Gesamtlösung für die Anton Schlecker eK war nicht möglich", sagte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz am Freitag in Berlin. Zuletzt habe es nur noch ein einziges Investorenangebot gegeben, "das im Preis inakzeptabel ist". Ver.di-Chef Frank Bsirske sprach von der "größten Insolvenz in der Geschichte" der Bundesrepublik.

Das letzte Angebot habe deutlich unter einer Zerschlagung gelegen, sagte Geiwitz. Von wem es kam, verriet er nicht. Medienberichten zufolge war nur noch der US-Finanzinvestor Cerberus im Rennen. Zuletzt hatte der deutsch-amerikanische Milliardär Nicolas Berggruen in der Nacht zum Freitag sein Angebot zurückgezogen.

Neben den finanziellen Risiken habe Berggruen auch Angst vor der Öffentlichkeitswirkung gehabt, sagte Geiwitz. Berggruen habe befürchten müssen, dass die Maßnahmen, die er bei Schlecker einleite, sich negativ auf sein Geschäft in Deutschland auswirke. Er hatte einst Karstadt aus der Insolvenz übernommen.

Zwtl.: Ihr Platz, XL-Märkte und Auslandsfirmen machen weiter

Bei der Schlecker-Tochter Ihr Platz, den Auslandsgesellschaften und den Schlecker-XL-Märkten solle es weitergehen, sagte Geiwitz. Zudem gebe es Interessenten für einzelne Schlecker-Märkte. Die Geschäfte liefen bereits wieder besser.

Bsirske sagte, die Verantwortung liege bei der Politik, bei der "Ignoranz und Kaltschnäuzigkeit der FDP", die sich gegen eine Transfergesellschaft ausgesprochen habe. Die Folge seien 4.500 Kündigungsschutzklagen der bereits Entlassenen gewesen. Das sei das größte Hindernis für die Gewinnung von Investoren gewesen.

Jetzt sei ein Sonderfonds nötig aus Mitteln des europäischen Globalisierungsfonds, verlangte Bsirske. Er sei für die Bewältigung von Zusammenbrüchen da. Für jeweils einen Monat müssten 21 Millionen Euro eingezahlt werden, um die Löhne weiter zahlen zu können. Zwei bis drei Monate seien notwendig, um Investoren zu finden.

Bsirske sagte, von den 11.000 bereits entlassenen Mitarbeitern hätten erst 1.200 eine neue Tätigkeit gefunden. Zumeist habe es sich dabei um Minijobs oder andere prekäre Beschäftigungen gehandelt. Wirtschaftsminister Philipp Rösler hatte sich im März zuversichtlich gezeigt, die Frauen würden eine "Anschlussverwendung" finden.

Geiwitz sagte, die rund 4.500 Kündigungsschutzklagen seien ein "K.o.-Kriterium" gewesen. In Interviews hatte er die Kosten, die bei einer Wiedereinstellung entstehen würden, auf mehr als 100 Millionen Euro beziffert. Die einstmals zweistellige Zahl an unverbindlichen Angeboten habe sich immer weiter reduziert, je mehr Klagen hinzugekommen seien.

Geiwitz zufolge war es zwar gelungen, die Verluste von 200 Millionen Euro im Jahr 2011 auf voraussichtlich 25 Millionen in diesem Jahr zu drücken. "Das ist einerseits zwar ein großer Erfolg, andererseits aber immer noch ein Verlust - und den darf ein Insolvenzverwalter auf Dauer nicht machen", sagte er. Zudem standen hohe Personalkosten im Weg. Laut Geiwitz hätten die Mitarbeiter zeitweise auf 15 Prozent ihres Lohnes verzichten müssen. Die Gewerkschaft ver.di bot einen Verzicht von 10,5 Prozent an. Die Kündigungen an die betroffenen Mitarbeiter von Schlecker Deutschland sollen bis Ende Juni verschickt werden, sagte Geiwitz. Schlecker starte den Ausverkauf in seinen 2.800 deutschen Märkten.

Sowohl Wettbewerber wie dm oder Rossmann als auch branchenfremde Unternehmen hätten Angebote für einzelne Schlecker-Läden abgegeben, sagte Geiwitz. Es handle sich mal um 50, mal um 60 Läden, aber nicht um eine große Lösung, sagte er.

Zudem habe es am Freitag eine Sitzung des Gläubigerausschusses von Ihr Platz gegeben. Es liege ein unterschriftsreifer Kaufvertrag vor, über den entschieden werden solle. Geiwitz geht davon aus, dass der Interessent zudem die XL-Märkte übernimmt und in Ihr Platz umfirmiert. Auch für die Auslandstöchter mit 10.000 Mitarbeitern gebe es Interessenten.

Schlecker-Frauen demonstrierten am Nachmittag vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Fassungslos zeigte sich die Schlecker-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Christel Hoffmann. "Das ist eine absolute Hiobsbotschaft und eine menschliche und soziale Katastrophe", sagte sie. Verantwortlich für die Pleite seien die Familie Schlecker und die Politik. Die Familie habe die roten Zahlen einfach weiter wachsen lassen. Jede Privatperson wäre wegen Insolvenzverschleppung belangt worden. Die Politik habe sich durch fehlende Qualifikation und unglaubliche Arroganz ausgezeichnet.

dapd

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