Das aktuelle Wetter NRW 23°C
Lissabon-Vertrag

Kommentar: Das uneingelöste Versprechen

01.12.2009 | 06:52 Uhr

Brüssel. Der Lissabon-Vertrag war ein hartes Stück Arbeit, hat eine Menge Geld, Zeit und Nerven gekostet. Doch erst in der Praxis wird sich erweisen, ob die Idee des neuen Europa Wirklichkeit wird.

Das klassische Bewegungsgesetz der europäischen Integration ist die Fahrrad-Theorie: in die Pedale treten oder umfallen! Stabilität erreicht man nur mittels Vorwärtsbewegung, Stillstand ist Rückschritt. Siehe das Vertragsziel, „eine immer engere Union“ zu schaffen. Mittlerweile gibt es indes viele, nicht nur in Großbritannien, die das für ein Riesenmissverständnis halten. Vielmehr müsse Schluss sein mit der ewigen Bastelei an Institutionen und Verfahren. Also - Innehalten oder weiter geht’s? Nach dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrages stellt sich das Problem von Neuem.

Der Kommentator: Knut Pries.

Keine Frage, die Innehalter sind in der Vorhand. Es hat die EU acht Jahre Plackerei gekostet, bis das große Projekt Verfassung wenigstens in der Magerstufe „Reformvertrag“ unter Dach und Fach war. Unendliche Mengen Zeit und Geld, politischer Energie und bedruckten Papiers wurden investiert. Zahlreiche Regierungschefs, darunter die Herren Chirac, Blair, Brown und Cowen mussten Federn lassen. Die Öffentlichkeit wurde genötigt, sich mit Wichtigtuern, Großpopulisten und Glühwürmchen wie dem Tschechen Klaus, dem Polen Kaczynski oder dem Iren Ganley zu befassen. „Das tun wir uns so schnell nicht wieder an – nicht in meiner Generation“, seufzt einer, der auf deutscher Seite mitgebastelt hat. Rein psychologisch kann man das nachempfinden.

Erst probieren

Zudem schafft der Vertrag eine Fülle von Verhältnissen, die erst einmal ausprobiert sein wollen. Das gilt für die zusätzlichen Kompetenzen des EU-Parlaments oder der nationalen Abgeordneten ebenso wie für den Job des EU-Ratspräsidenten und die renovierte gemeinsame (?) Außenpolitik der 27 Regierungen. Das ist wie mit einer Neufassung der Abseitsregel: Erst auf dem Spielfeld zeigt sich, ob sie eher den Stürmern oder den Verteidigern nützt.

Der Vertrag sollte die EU effizienter, demokratischer und bürgernäher machen. Die Bürgernähe kann man vergessen, die blieb auf der Strecke, als „Lissabon“ aus den Trümmern der Verfassung errichtet wurde. Bei Effizienz und Demokratie kommt jetzt die Probe aufs Exempel. Das mit der „immer engeren Union“ hat sich freilich nicht erledigt. Nur hat derzeit keiner der EU-Dirigenten den Mut, sich dazu zu bekennen. Noch nie, bei keinem der früheren Verträge, war das Bewusstsein so schwach entwickelt, dass dies Versprechen immer noch seiner Einlösung harrt.

Knut Pries

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2190568/create

Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
Berlin in schwarz-gelb
Bildgalerie
BVB-Fans
Papst Benedikt wird 85
Bildgalerie
Kirche
Aus dem Ressort
Verzögerung am neuen Berliner Flughafen schockt Branche
Wirtschaft
"Wir haben keinen Plan B.", so lautete die Reaktion vieler Verantwortlichen nach der Bekanntgabe, dass sich die Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg verschieben wird. Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn befürchtet unkalkulierbare Kosten. Urlauber werden wohl zu einem anderen Terminal anreisen...
NRW wehrt sich gegen Akw-Neubau in den Niederlanden
Atomkraft
Im niederländischen Borssele ist ein neues Atomkraftwerk geplant. Der Ort in der Provinz Zeeland ist nur wenige Kilometer von Nordrhein-Westfalen entfernt. Die NRW-Landesregierung spricht sich gegen den Bau des Kraftwerks aus. Auch jeder Bürger kann bis zum 12. Januar Einspruch gegen das Akw...