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Kein Zuhause, nirgends - trotz Kinderrechts-Konvention

20.11.2009 | 07:38 Uhr
Kein Zuhause, nirgends - trotz Kinderrechts-Konvention

Ruhrgebiet. Die UN-Kinderrechts-Konvention wird 20 Jahre alt – und gilt in Deutschland noch immer nicht für junge Migranten wie Said. Von einem, der im Irak alles zurück lassen musste und der noch immer Alpträume hat.

Neulich hat Said wieder geträumt. Sonst liegt Said oft wach, aber diesmal muss er geschlafen haben: Er träumte, seine Mama wäre da. Sie hat ihn umarmt, er schreckte hoch, und sofort war die Angst wieder da. Eigentlich hat Said immer Angst, sie ist das einzige, das er mitgebracht hat aus dem Irak, wo er alles zurück ließ. Auch seine Eltern: „Ich weiß nicht einmal, ob sie noch leben.”

Said Haumand, wie sie seinen Namen hier schreiben, war 15, als er nach Deutschland kam. Er kam allein, von Kirkuk nach Köln, ohne Familie, ohne Papiere, er hat keine Grenze gesehen und auch sonst nichts, es war dunkel hinten im Anhänger des Lkws. Said ahnte nicht, „wo ich fahre”, Italien, Holland, „egal, nur weg aus dem Irak”. Er wusste ja nicht einmal, „ob ich noch weiter lebe” und auch nicht, dass sie in Deutschland Ausländer ohne Papiere festnehmen. „Es war nicht in meinem Kopf, wie es hier ist.” Said dachte, es geht in die Freiheit.

Einen Monat muss die Reise gedauert haben, im Juli 2008 kam der Junge über die Türkei und Belgien nach Köln und von dort zu einem Cousin nach Essen; „es geht ihm noch gut”, sagt Schermin Shewan, die sich um ihn kümmert, „andere kennen niemanden”. Die Anderen, das sind nach Schätzungen des Bundesfachverbands Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) 5- bis 10 000 Kinder in Deutschland, die allein aufgebrochen sind oder ihre Eltern unterwegs verloren haben. Geflohen aus Afghanistan, Afrika und dem Irak.

In der Stadt der Bomben

Manche aber, sagt UMF-Referent Thomas Berthold, werden auch geschickt: „Damit es wenigstens einem Kind gut geht.” Wie Said. „Mein Vater liebt mich sehr”, sagt er leise, er war der jüngste zuhause, in dieser Stadt, „wo immer Bomben sind” und wo, wer vor die Tür geht, „nie wissen kann, ob er wieder zurückkommt”. Es gibt keine Sicherheit in Kirkuk, sagt Said, nur Terrorismus, und als jemand auf seinen Bruder schoss und ein anderer versuchte, den kleinen zu entführen, da hat „mein Vater alles organisiert”.

Said sollte zu Schule gehen können, er wollte es, „ich will lernen, damit ich in der Zukunft einen Beruf haben kann”. Wer einen Beruf hat, glaubt Said, „kriegt Arbeit”. Deshalb auch hat er sich angestrengt an der Essener Hauptschule, kam aus der Förderklasse schon nach einem Jahr in die neunte und kriegt nicht mal einen Blauen Brief: Natürlich hat er eine Fünf in Deutsch, er ist erst ein gutes Jahr da, aber mündlich hat er Punkte gesammelt. Am besten kann Said Wörter, die er oft braucht: „Antrag”, „Vormundschaft” oder „Sachbearbeiter”.

Seinen ersten Asylantrag haben sie nach einem Jahr abgelehnt, es gibt auch ein Gerichtsurteil, und ein Berufungs-Antrag läuft. Das Problem ist, sagt Thomas Berthold, dass Minderjährige ab 16 nach dem Ausländerrecht als Erwachsene behandelt würden, „die Fluchtgründe im deutschen Asylverfahren sind erwachsen”, es sei deshalb schwierig, eine Anerkennung zu erreichen. In Deutschland gilt das Ausländerrecht mehr als das Kinderrecht, so steht es in der „Vorbehaltserklärung”, die man der UN-Kinderrechts-Konvention unterschob.

Deshalb, so Berthold, sei auch die Unterbringung der Flüchtlingskinder oft „nicht altersgerecht”. Said lebte eine Weile bei seinem Cousin, er durfte bei ihm auf dem Sofa schlafen, aber erst, wenn die fünfköpfige Familie im Bett war. Weil er mehr Ruhe wollte, auch wegen der Schule, brachten sie ihn ins Flüchtlingsheim. Ein Zimmer hat er dort, Klo, Dusche, Küche auf dem Gang, er sagt, es sei laut, es gebe Diebe und außer ihm „nur Große”. Said ist auf sich selbst gestellt, dabei hat er daheim noch nicht einmal gelernt, wie man Tee kocht.

Das Telefon ist tot

Er kommt jetzt oft zu Schermin, er traut sich sonst nirgends hin. Essen darf er nicht verlassen, er hat Angst, etwas falsch zu machen, und Schermin hat immer ein Ohr für ihn. Obwohl sie ihn kaum trösten kann: „Es tut mir leid, dass ich das so sagen muss. Aber ich sehe für Said überhaupt keine Chance.” Sein Ausweis läuft im März ab, er weiß nicht, was er machen soll, „was soll ich versuchen – und für was”? Daheim in Kirkuk ist das Telefon tot, niemand will etwas von seiner Familie wissen, „es ist sehr schwer für mich”.

Wenn er wach ist, träumt der Junge Said, „dass ich bin wie andere deutsche Leute”.

Annika Fischer

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Kommentare
21.11.2009
10:47
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von udo.michel | #22

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21.11.2009
01:08
Kein Zuhause, nirgends - trotz Kinderrechts-Konvention
von samson84 | #21

Das Schicksal Saids hat doch wohl nichts, aber auch gar nichts mit der Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Deutschland zu tun, sondern einzig und allein mit dem Ausländerrecht. Said macht nun wirklich nicht den Eindruck, daß er 15 oder 16 Jahre alt ist. Seine Probleme haben doch nichts mit dem Einhalten der Kinderrechtskonvention in Deutschland zu tun, sondern mit dem Nichteinhalten der Kinderrechtskonvention in seinem Heimatland. Ich finde den Artikel deshalb ziemlich daneben und er hilft beim Thema Kinderrechtskonvention in Deutschland überhaupt nicht. Er ist eher kontraproduktiv.
Auch nach Artikel 22 kann Deutschland nicht alle verfolgten Kinder dieser Welt aufnehmen. Es geht doch wohl eher darum, die Verhältnisse in ihren Herkunftsländern zu verändern.

20.11.2009
18:05
Kein Zuhause, nirgends - trotz Kinderrechts-Konvention
von fatih | #20

Danke für den hoch interessanten Artikel.

DerWesten hat natürlich beim Thema Kinderrechte mal wieder direkt ins Schwarze getroffen. Anstelle einen Lobartikel, dass die Kinderrechte in Deutschland im internationalen Vergleich gut verwirklicht sind, gibt es einen Schwachpunkt: der Artikel 22 der Kinderrechtskonvention.

Im Artikel 22 geht es um den Schutz minderjähriger Flüchtlinge. Diese Kinder, Kinderflüchtlinge haben nach den Bestimmungen der Konvention Schutz und Fürsorge der deutschen Behörden zu genießen.

Die Bundesregierung hat mit der Ratifizierung der Kinderrechtskonvention einen Vorbehalt hinterlegt, der sinngemäß besagt, dass in Deutschland weiterhin das Ausländergesetz für diese Kinder gilt, nicht die Konvention.

Was das bedeutet, sehen am Beispiel Said: Er wurde als ERwachsener in ein Asylverfahren gedrängt, was er nicht gewinnen kann, weil er keine Verfolgung darlegen kann.

Deutschland hat sich mithin aus dieser Konvention durch die Hintertür wieder hinausgestohlen.

Im neuen Koalitionsvertrag der DCU/CSU/FDP Regierung gibt es aber die Aussage, dass man an die Abschaffung dieses Vorbehaltes denkt. Wie gesagt: denkt!!!, also kein Regierungsprogramm.

Zuwanderer, Ausländer und Asylbewerber in Deutschland werden deshlab genau darauf achten, ob die Bundesregierung damit endlich ernst macht. Es gilt, die Rechte der Zuwanderer und Ausländer in Deutschlaaand zu stärken!

20.11.2009
17:53
Kein Zuhause, nirgends - trotz Kinderrechts-Konvention
von hmmm | #19

Familie Sherwan könnte Said doch Adoptieren!

Dann haben sie das Aufenthaltsbestimmungsrecht und bräuchten kein Asylantrag und der Junge hat wieder eine Familie.

Problem gelöst.

20.11.2009
17:43
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von Thomas.Lau | #18

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20.11.2009
17:30
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von Thomas.Lau | #17

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20.11.2009
13:08
Kein Zuhause, nirgends - trotz Kinderrechts-Konvention
von irgendwoistimmerkrieg | #16

Hier haben wohl ganz viele Leute schon vergessen, dass einige unserer Eltern oder Großeltern nur deshalb überlebt haben, weil sie während des zweiten Weltkrieges von Ihren Eltern in den nächsten Zug oder auf den nächsten Karren in Richtung Ungewissheit gesetzt wurden ... und in anderen Teilen Deutschlands oder des europäischen Auslandes Hilfe (Essen, Kleidung, Obdach) von fremden Menschen bekommen haben ...

20.11.2009
12:24
Kein Zuhause, nirgends - trotz Kinderrechts-Konvention
von HumanityistheDevil | #15

@ #14: *********** wie sie schaufeln uns unser eigenes Grab. Wir brauchen qualitative Zuwanderung, so wie sie von Ländern wie Kanada und der Schweiz beworben wird, keine Migranten aus völlig fremden Kulturen mit psychischem Knax.

Wie sehr wir uns bereits der Zuwanderung geöffnet haben, können sie z.B. in den No Go Areas deutscher Großstädte bewundern. Hört sich hart an, aber es ist an der Zeit an die Zukunft unserer Kinder zu denken.

20.11.2009
12:01
Kein Zuhause, nirgends - trotz Kinderrechts-Konvention
von Heribert Schnohr | #14

Wir brauchen eine neue Verfassung.
Wir brauchen Legitimation unserer Verfasstheit statt mehr als 40 Jahre widerspruchsloser Duldung.
Wir brauchen Staatsangehörigkeit qua Geburt in Deutschland statt über drei Ecken hergeleiteter Blutabstammung.
Wir brauchen Öffnung für Zuwanderung statt Abschottung gegenüber Fremden.
Wir sollten uns dem Leben öffnen um selber zu überlegen statt Mauern aufzubauen um unser Grab zu schaufeln.

20.11.2009
11:57
Kein Zuhause, nirgends - trotz Kinderrechts-Konvention
von hast Du Winterreifen | #13

Wir kennen alle die die Details von Saids Lebensweg, glauben aber, ihn be- und manch einer hier auch gleich ver-urteilen zu könnne - zu dürfen.
Tauscht doch ganz einfach mal den Vornamen aus. Statt *Said* einfach einmal lesen, z. B.: Thorsten; und Thorstens Eltern sind vor zwei Generationen in den Irak ausgewandert und haben sich dort so integriert, wie die richtigen Deutschen unter uns es auch von den hier Eingewanderten erwarten und verlangen.
Dann die Geschichte noch einmal lesen!
Da geht einem doch sofort das Herz auf, nicht wahr, Ihr Gleich-jeden-Abschieber?!

Das es sich nur um eine erfundene Geschichte handeln kann, ist an dem Umstand zu erkennen, dass oben geschrieben steht Er kommt jetzt oft zu Schermin, er traut sich sonst nirgends hin..
Aha! Said traut sich sonst nirgends hin. Außer zu Schermin.....und in die WAZ-Redaktion, oder wie????

@ 10 von asdasd, hast Recht! ;-)

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