Kein Patentrezept für gute Schulen
20.07.2010 | 19:14 Uhr 2010-07-20T19:14:00+0200
Essen.Wie sehen gute Schulen aus? Was muss sich in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen ändern? Der Hamburger Volksentscheid über die sechsjährige Grundschule gibt der schwelenden Schulsystemfrage neue Nahrung. Die Debatte läuft.
Doch wie nah an der Lebenswirklichkeit sind eigentlich diese Debatten über unterschiedliche Systeme? Wie erklären die Musterländer ihre Bildungserfolge, was ist in Nordrhein-Westfalen anders? Und liegt der Schlüssel nicht in einer besseren frühkindlichen Bildung? Ein Überblick.
Internationale Bildungsstudien wie Pisa haben gezeigt: Deutschlands Schulen sind keinesfalls Spitze im weltweiten Vergleich. Und der Vergleich der 16 Bundesländer belegt: Auch innerhalb Deutschlands gibt es erschreckend große Unterschiede bei Lernergebnissen und Kompetenzen.
Wie erklären die Musterländer in den Bildungsstudien ihre Erfolge, was ist in Nordrhein-Westfalen anders? Und liegt der Schlüssel nicht in einer besseren frühkindlichen Bildung? Ein Überblick.
Wie kam es zur Unruhe in deutschen Schulsystemen?
Die erste internationale Pisa-Studie kam im Dezember 2001 wie ein Erdbeben über Deutschland. Das Land der Dichter und Denker liefert bei der Ausbildung seines Nachwuchses bestenfalls Mittelmaß ab. In der Lesekompetenz klaffte eine große Lücke zu anderen Teilnehmerländern der OECD-Studie. Vor allem Finnland und Kanada präsentierten sich als Musterschüler. Bei den Folgestudien verbesserte sich das deutsche Ergebnis zwar leicht, im internationalen Ranking blieb man aber von der Spitze weit entfernt.
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Wie sind die großen Unterschiede erklärbar?
Eine einzelne, wissenschaftlich eindeutig belegte Erklärung gibt es nicht. Einflussfaktoren sind neben unterschiedlichen Schulsystemen und frühkindlichen Bildungsangeboten auch unterschiedliche soziale Gesellschaftsstrukturen, die finanzielle und vor allem personelle Ausstattung von Kitas und Schulen, aber auch der Anteil von Migranten im jeweiligen Land. Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, gibt es in den Bundesländern große Unterschiede. Sachsen und Bayern können im internationalen Vergleich vorn mithalten. Nordrhein-Westfalen rangiert dagegen leicht unter den deutschen Durchschnittswerten.
Was macht das Pisa-Musterland Finnland aus?
Das finnische Bildungssystem ist zentralistisch organisiert. Alle Weichen stellt das Bildungsministerium in Helsinki. Bis zur neunten Klasse besuchen alle Schüler eine integrierte Gesamtschule, erst dann geht es entweder auf Gymnasium, Berufsschule oder ins Berufsleben. Das Abitur können die Jugendlichen nach elf, zwölf oder 13 Jahren Schulzeit ablegen.
Förderschulen - etwa für Lernbehinderte oder körperbehinderte Kinder - gibt es nicht. Vor der Gesamtschule besuchen die kleinen Finnen eine gemeinsame Vorschule.
Alle Kinder bis zum dritten Lebensjahr haben Anspruch auf einen Krippenplatz, danach auf einen Kita-Platz. Kindergärtnerinnen werden zusammen mit Grundschullehrerinnen an der Universität ausgebildet. Die Gruppengröße ist gering: bei Kindern unter drei Jahren kommen vier Kinder auf einen Erwachsenen, bei Drei- bis Sechsjjährigen sieben Kinder auf einen Erwachsenen. In der Oberstufe sind die Klassen dagegen groß.
Schulmaterialien und Mittagessen sind kostenlos für jedes Kind, Ziffernoten gibt es erst ab Klasse 7.
Finnische Lehrer verdienen weniger Geld als deutsche. Sie werden aber weit besser und intensiver ausgebildet und genießen ein hohes Ansehen. Auf einen Studienplatz kommen im Schnitt vier Bewerberinnen und Bewerber.
Was ist an Kanada Besonderes?
Hier funktioniert das Bildungssystem auch föderalistisch. Der Musterschüler Kanada ist in zwölf Provinzen unterteilt, die die Hoheit über die Schulbildung haben. Mit Finnland gemein ist hingegen das System Einheitsschule. Für „herausragende Kinder“ (das kann eine Behinderung sein oder eine besondere Begabung) gibt es spezielle Förderprogramme.
Vorbildlich ist in Kanada der Umgang mit Migranten. Diese werden sehr frühzeitig systematisch und individuell sprachlich gefördert. Der Erfolg dieser Investitionen ist messbar: Alle Bildungsstudien belegen, dass das Leistungsniveau von Einwandererkindern nicht von dem gebürtiger Kanadier abweicht.
Ein wesentliches Prinzip des Lernens in Kanada lautet: „Probleme sind Schätze“. Fehler werden nicht bestraft, sondern analysiert: Wer die Logik seines Fehlers erkennt, hat schon etwas gelernt.
Wer ist in Deutschland Spitze in Sachen Bildung?
Beim aktuellen Ländervergleich vom Juni nach nationalen Standards lagen Thürigen, Sachsen und Bayern vorn. Nordrhein-Westfalen lag im Durchschnitt der 16 Länder. Ähnlich war das Bild bisher bei Vergleichen nach Pisa-Standards.
Was machen Sachsen und Thüringen anders als wir?
In beiden Ländern gibt es nach der vierjährigen Grundschule in der Regelschule (Thüringen) bzw. der Mittelschule (Sachsen) zwei Jahre gemeinsamen Lernens, bevor differenziert wird. Schüler können auch nach der vierten Klasse auf Gymnasium oder Förderschule wechseln.
In der vorschulischen Bildung setzt Thüringen Maßstäbe. Ab zwei Jahren haben Kinder einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, unter zwei Jahren auf Tagesbetreuung. Der Freistaat hat Kita und Grundschule verzahnt und einen Bildungsplan für Kinder bis zu 10 Jahren aufgestellt. Der Bildungsauftrag des Kindergartens ist festgeschrieben.
Wie läuft es in Bayern?
Zum kommenden Schuljahr werden die Hauptschulen in Mittelschulen mit Ganztagsangeboten und Technikschwerpunkten umgewandelt. Zudem gibt es Real- und Wirtschaftsschulen sowie Gymnasien. In ländlichen Regionen mit zu wenigen Kindern gibt es Verbundschulen. Der Anteil der Abiturienten ist in Bayern gering.
Was kostet es das Land, den Kita-Besuch für Eltern kostenfrei zu machen?
In NRW sind bei schrittweiser Einführung von Beitragsfreihheit mit 150 Millionen Euro jährlich zu rechnen. Sind alle drei Jahrgangsstufen beitragsfrei, werden 450 Millionen Euro im Jahr fällig.
Gibt es eine Kita-Pflicht?
Nein. Aber ebenso wie die Schulpflicht müsste diese vom jeweiligen Bundesland geregelt werden. Würde ein Land beschließen, dass jedes Kind die Kita - eine Art Vorschule - besuchen muss, dann müsste dies kostenlos für die Eltern angeboten werden.
Migrationshintergrund
Ein signifikantes Merkmal des deutschen Schulsystems sind die Bildungs-Unterschiede zwischen Kindern deutscher Herkunft und denen mit Migrationshintergrund. In Mathe etwa lagen 2006 die Werte der beiden Gruppen im Durchschnitt deutschlandweit 85 Punkte auseinander (Deutsches Gesamtergebis 516 Punkte). Im Vorzeigeland Bayern ist der Anteil der Bildungsverlierer bei Schülern mit Migrationshintergrund besonders hoch.
Wie kann eine Strukturreform helfen?
Ob und wie längeres gemeinsames Lernen allen hilft, ist nicht eindeutig nachweisbar. Dass frühes Aussortieren Kindern aus sozial schwachen Familien schadet bzw. Chancengerechtigkeit verhindert, ist jedoch sicher belegt. Damit langes gemeinsames Lernen funktioniert, müssen Lehrer speziell dafür ausgebildet werden.
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