Karnevalszüge stehen im Schatten der Loveparade
24.01.2011 | 11:22 Uhr 2011-01-24T11:22:00+0100
Essen. Seit dem Loveparade-Unglück ist auch der Karneval nicht mehr derselbe. Die Sicherheits-Standards sind strenger. Gerade kleine Veranstalter kämpfen mit bürokratischen Hürden und höheren Kosten. In Mülheim-Mintard mussten Narren den Zug sogar absagen.
Sie ist der Stolz der Attendorner und seit Jahren der spektakuläre Auftakt des Veilchendienstagszuges. Wenn die größte Konfetti-Kanone der Welt durch die Straßen rollt, schauen rund 25.000 Menschen zu. Knapp fünf Meter ragt sie empor und hat es damit sogar ins Guinness Buch der Rekorde geschafft. Doch ihr großer Auftritt ist diesmal in Gefahr. Sie ist der Knackpunkt im Sicherheitskonzept, das die Veranstalter in diesem Jahr vorlegen müssen.
Das Loveparade-Unglück wirft seinen Schatten auch auf die Karnevalszüge. Seit der Massenpanik mit 21 Todesopfern hat das NRW-Innenministerium die Genehmigung für Open-Air-Veranstaltungen ab 5000 Zuschauern an strengere Vorgaben geknüpft. Attendorn darf den Zug diesmal nur genehmigen, wenn Polizei, Feuerwehr, Bau- und Ordnungsamt mit dem Sicherheitskonzept einverstanden sind.
Und die Ordnungsbehörden sind nach der Loveparade besonders vorsichtig, schauen noch genauer hin. Notwendig sind unter anderem Angaben zu Streckenverlauf, Zugängen, Absperrungen, medizinischer Versorgung, Ordnungskräften und eine ausreichende Haftpflichtversicherung. Die Kommunen müssen sich zudem mit dem Kreis, kreisfreie Städte mit der zuständigen Bezirksregierung abstimmen. Vielerorts ringen jetzt gerade die Veranstalter kleinerer Züge mit bürokratischen Hürden und fürchten höhere Kosten.
„Die Zeit drängt“
Auch vor den Attendornern liegt noch ein langer Weg, bis sie wissen, ob ihre Konfetti-Kanone an den Start gehen darf. Zuvor soll sie eine Probefahrt durch die Innenstadt bestehen. Mehrere Behörden müssen hierfür jedoch noch grünes Licht geben. „Die Zeit drängt. Zum Glück ist Karneval in diesem Jahr spät“, sagt Zugleiter Thomas Dolanc. „Wenn die Kanone nicht dabei ist, wäre das ein herber Verlust.“
In Mülheim haben die Narren bereits kapituliert. Der Kinderkarnevalszug durch den Stadtteil Mintard fällt aus. Einen maßstabsgetreuen Plan mussten die Veranstalter liefern, in dem jede Bank und jeder Mülleimer verzeichnet werden sollte. Ein weiteres Problem: Sie sollten dafür sorgen, dass sich nach Zugende Verkehr und Fußgänger nicht in die Quere kommen. Ein Rettungsweg hätte freigehalten, alle paar Meter ein Ordner positioniert werden müssen.
„Die Auflagen sind der Wahnsinn“
Zu groß war der Aufwand für das zwanzigköpfige Organisationsteam. „Wir hätten 100 Leute gebraucht“, sagt Andreas Schmidt von der Interessengemeinschaft Mintarder Kinderkarneval. Der Zug ging alle zwei Jahre durch Mintard. Bisher sei nie etwas passiert, sagt Schmidt. „Die Auflagen, die wir plötzlich erfüllen müssten, sind der Wahnsinn. Da wird einfach kein Unterschied zwischen unserer Veranstaltung und der Cranger Kirmes gemacht.“
Beim Festausschuss Kupferdreher Karneval kämpfen die Jecken derzeit noch mit der Formulierung des Sicherheitskonzepts. Der traditionelle Rosenmontagszug soll in diesem Jahr zum 139. Mal durch den Essener Stadtteil ziehen. Doch Zugleiterin Gisela Tüffers ist zuversichtlich: „Wir haben bisher schon viel Wert auf Sicherheit gelegt. Mehr kann man eigentlich nicht erwarten.“ Bereits zuvor wären an den Achsen jedes Motivwagens je zwei Ordner mitgelaufen. Für die Vereine sei das teuer, da sie die Leute bezahlen müssten. Deshalb hofft Gisela Tüffers, dass nicht noch mehr Kosten auf die Karnevalisten zukommen. „Das könnten wir kaum schultern.“
Karnevalisten haben Geldsorgen
Auch bei den Narren in Bochum-Wattenscheid lautet die Sorge: Wenn mehr Sicherheitspersonal gefordert wird, könnte es für einige Gruppen zu teuer werden. Die Veranstalter suchen derzeit verzweifelt nach Spendern. „Einige Sponsoren sind uns weggebrochen oder zahlen nicht mehr soviel“, klagt Josef Najda vom Festausschuss Wattenscheider Karneval. Auch die klamme Stadt unterstütze den Zug nicht mehr. Zudem sei vom Bonbon bis zur Musikkapelle alles teurer geworden.
Wurde die Meßlatte für die Sicherheit von Veranstaltungen nach der Loveparade-Tragödie vielleicht doch zu hoch gehängt? Das mag Jörg Rademacher vom NRW-Innenministerium nicht bestätigen. Im Gegenteil: Die Kommunen seien ohnehin sensibilisiert und hätten den Vorstoß des Ministeriums durchweg positiv aufgenommen. Das Innenministerium wolle ab Februar eine Projektgruppe mit Akteuren zum Thema Großveranstaltungen einrichten, in der unter anderem die Erfahrungen der vergangenen Monate gesammelt werden sollen. Konkreteres ist nicht zu erfahren.
Düsseldorf rechnet mit keinen Änderungen
Megaveranstaltungen wie der Düsseldorfer Rosenmontagszug sind dagegen weniger betroffen. Die Veranstalter sind an strenge Sicherheits-Auflagen gewöhnt. „Wir rechnen nicht damit, dass sich an unserem Konzept viel ändern wird“, sagt Hans-Peter Suchand vom Comitee Düsseldorfer Carneval. Zurzeit sei das Papier noch in der Abstimmungsphase. Der Rosenmontagszug, zu dem jedes Jahr rund eine Millionen Menschen in die Innenstadt strömen, sei ohnehin nicht mit der Duisburger Loveparade vergleichbar. „Der Bewegungsspielraum für die Zuschauer ist groß, die Straßen alle offen, es gibt keine Engpässe oder Nadelöhre“, sagt Suchand. „Der Zug ist fast durchgängig abgesperrt. Die Menschen haben einen großen Sicherheitsabstand zu Tieren und Wagen.“ Todesfälle oder schwere Verletzungen habe es in der Vergangenheit nicht gegeben.
Noch einer muss sich um seinen Zug keine Sorgen machen: Helmut Scherer wird in diesem Jahr zum letzten Mal den kleinsten Karnevalszug der Welt durch Unna führen. Der 55. Umzug in seinem 77. Lebensjahr sei ein willkommener Abschluss, sagt der Karnevalist. Scherers Zug ist längst Kult und Solist ist er schon seit einigen Jahren nicht mehr. Auch 2011 wird sein Bollerwagen von Tanzmariechen, Musikern und vom Kinderprinzenpaar begleitet. Doch mehr als ein paar hundert Schaulustige kommen nie. Und das sei auch gut so, sagt Scherer. „Mit Sicherheits-Fragen musste ich mich noch nie rumschlagen.“
07:17
Es dauert nicht mehr lange, dann gibts Handyverbot auf Butterschiffen, könnten ja vom Kurs abkommen...
Die Städte sind auf bestem Wege, sich von zusätzlichen Einnahmen und Gewinnen zu befreien, Touristen bleiben aus, Umsatzeinbrüche in der gesamten Gastronomie, Bussgelder entfallen, da keine Führerscheine kassiert, keine Falschparker abgeschleppt werden müssen.
6 Tage, die für volle Kassen sorgen, politisch platt gemacht, klasse Leistung, in den Rathäusern wimmelt es von Eigentorschützen, die aus der Bundesliga längst entlassen wären..
Alles nur weil die LP, Dank der Annahme völlig falscher Besucherzahlen zum Scheitern verurteilt war..
11:58
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
19:20
@#3 von tiptel160 , am 24.01.2011 um 14:40
Zu: Wenn etwas passiert, dann sind Politik und Behörden schuld weil sie zu wenig getan haben, passiert nichts sie sie schuld an Problemen und Kosten der Veranstalter, weil die Auflagen zu hoch sind.
Die Loveparade ist Duisburg ist weder mit Paraden in Essen/Dortmung, noch mit denen in Berlin vergleichbar.
In Duisburg fand kein Umzug statt, sondern eine geschlossene Veranstaltung (Einzäunung des Geländes) für viel zu viele Besucher auf einem zu kleinen Gelände mit nur einem Ein- und Ausgang.
Für dieses Fest galt die BauO und/bzw. SBauVO-NRW. So wie es gegenwärtig aussieht hätte diese geschlossene Veranstaltung nicht genehmigt werden dürfen.
Die Karnevalsumzüge sind mit der Loveparade 2010 in Duisburg absolut nicht vergleichbar. Die Verschärfungen des Innenministers aus NRW, der im übrigen selbst aus Duisburg kommt, wurden wenige Tage nach der Loveparade und unter dem Eindruck des Unglücks erlassen.
Zu: Also entweder akzeptieren wir Unglücke als Teil des allgemeinen Lebensrisikos, dann können wir zurück in Zeiten vor der Loveparade in Duisburg, oder aber wir akzeptieren die Auflagen.
Die StA-Duisburg prüft gerade ob fahrlässige Tötung und/oder fahrlässige Körperverletzung (evtl. mit Todesfolge) vorliegt. Dies wäre dann alles andere als Unglücke als Teil des allgemeinen Lebensrisikos. Es hat Vorwarnungen bezüglich der Durchführung der geschlossenen Veranstaltung gegeben, insbesondere auch wegen des Tunnels. Zudem scheint es Pannen beim Genehmigungsverfahren gegeben zu haben.
Die Besucherzahl für die geschlossene Veranstaltung in Duisburg war schlicht zu hoch, und der Tunnel für die Anzahl der Besucher zu eng.
Zu: Da nach Duisburg aber jeder Behördenmitarbeiter, der an der Genehmigung einer Veranstaltung beteiligt ist, mit einem Bein vor dem Kadi steht, sollten wir auch akzeptieren, das nun die Auflagen besondern streng ausfallen.
Nicht ganz, weil die Kirche schon im Dorf gelassen werden sollte.
Die Sicherheitsvorkehrungen beim Straßenkarneval deswegen zu verschärfen, weil es das Unglück in Duisburg gab, hieße nach jedem Flugzeugabsturz sämtliche Sicherheitsvorkehren auf Hochseeschiffen zu verschärfen. Vielleicht können Sie diesen Vergleich nachvollziehen. ;-)
.
18:51
es ist sehr traurig das man nicht mal seine Meinung etwas extremer äussern kann ,dann wird sie sofort gestrchen.dann sollte man keine möglichkeit in dieser Form schaffen.Ado574
17:49
Es ist eine unverschähmtheit was sich unsere Nichtsnutze inStadten und Gemeinden heraus nehmen.Man sollte sie alle gemeinsam zum Teufel jagen.Ado574
16:16
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
16:12
In Duisburg werden sich ebenfalls die Ratssitzungen verteuern, da bei jeder Sitzung des Stadtrates zusätzliche Sicherheitskräfte und Rettungsteams an den Eingangstüren des Sitzungssaales postiert werden müssen. Die etwa 100 Jahre alte Doppel-Klapptür stellt eine bislang unerkannte Engstelle dar. Beim finanziellen Zustand der Stadtkasse, so ein Sprecher der Duisburger Verwaltung, stellt sich die Frage, ob wir uns Ratssitzungen überhaupt noch leisten können oder aber nicht besser darauf verzichten sollten.
15:10
@3 von tiptel160
Diese Veranstaltungen sind doch überhaupt nicht zu vergleichen.
Wenn die Duisburger LP, wie die Karnevalsumzüge und alle vorhergehenden LPs, mitten durch die Stadt gegangen wäre, hätte es dieses Unglück nie gegeben.
D.h. Solange die Veranstalter der Karnevalsumzüge nicht auf die Idee kommen, alle Narren auf einem Güterbahnhofgelände einzusperren, gibt es überhaupt keinen Grund, hier die Vorschriften zu verschärfen.
Wie lange gibt es diese Umzüge schon?
Wie oft hat es eine Massenpanik gegeben?
14:40
Wenn etwas passiert, dann sind Politik und Behörden schuld weil sie zu wenig getan haben, passiert nichts sie sie schuld an Problemen und Kosten der Veranstalter, weil die Auflagen zu hoch sind.
Also entweder akzeptieren wir Unglücke als Teil des allgemeinen Lebensrisikos, dann können wir zurück in Zeiten vor der Loveparade in Duisburg, oder aber wir akzeptieren die Auflagen.
Da nach Duisburg aber jeder Behördenmitarbeiter, der an der Genehmigung einer Veranstaltung beteiligt ist, mit einem Bein vor dem Kadi steht, sollten wir auch akzeptieren, das nun die Auflagen besondern streng ausfallen.
12:54
Wenn alle Karnevalsumzüge im Kreis um einen alten Güterbahnhof fahren würden, und zudem dieses Gelände eingezäunt zwischen Bahnanlagen und einer Autobahn liegt, dann könnten die verschärften Sicherheitsvorschriften vielleicht Sinn machen.
Notwendig wären sie allerdings, wenn des weiteren alle Besucher von zwei Seiten durch einen schmalen Tunnel gepresst werden und dann über eine viel zu enge Rampe auf das eingezäunte Gelände getrieben würden.
Dient der Tunnel dann zudem als einziger Zu- und Abgang, dann wären die verschärften Sicherheitsvorkehrungen unvermeidbar.
Dann allerdings wären wir bei der Duisburger Freiheit und einem Oberbürgermeister ...