Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Nachrichten

Karlsruhe zweifelt an Sondergremium zur Euro-Rettung

29.11.2011 | 17:22 Uhr

Karlsruhe (dapd). Das Bundesverfassungsgericht zweifelt daran, dass die Abgeordneten des Bundestags bei der Euro-Rettung ausreichend beteiligt werden. Das wurde am Dienstag in Karlsruhe bei der mündlichen Verhandlung über die Klage zweier SPD-Bundestagsabgeordneter deutlich. Sie wenden sich gegen das neunköpfige Sondergremium, das in besonders eiligen oder vertraulichen Fällen anstelle des Bundestags-Plenums oder des Haushaltsausschusses Entscheidungen zum Euro-Rettungsschirm EFSF treffen sollte. Das Verfassungsgericht hatte Ende Oktober per Eilentscheidung eine Arbeitsaufnahme des Gremiums vorerst gestoppt.

Sein endgültiges Urteil wird der Zweite Senat wohl im Januar verkünden. Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle sagte: "Ich bin skeptisch, ob wir es vor Weihnachten schaffen, aber wir werden uns bemühen."

Voßkuhle äußerte sich kritisch zu dem Sondergremium. Im Fall eines solchen "Kleinstgremiums" sei es möglich, die übrigen 611 Parlamentarier "aus der Verantwortung" zu nehmen. "Ich habe gewisse Zweifel, ob das richtig sein kann", sagte Voßkuhle. Der Berichterstatter des Verfahrens, Richter Udo di Fabio, sprach von "Gefahren", wenn lediglich neun Abgeordnete "exklusiv" wichtige Informationen im Zuge der Euro-Rettung erhalten und dann entscheiden müssen.

Gerichtspräsident Voßkuhle wies zudem darauf hin, dass es beim Parlamentsrecht "allgemeingültige verfassungsrechtliche Maßstäbe" gebe. Auch angesichts der europäischen Staatsschuldenkrise dürften Sachzwänge "nicht allein handlungsleitend" sein. Die Forderung "Not kennt kein Gebot" habe den Menschen "wenn überhaupt - immer nur sehr kurzfristig Glück gebracht", sagte Voßkuhle.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hält das Sondergremium, deren Teilnehmer aus dem Kreis der 41 Mitglieder des Haushaltsausschusses des Bundestages gewählt wurden, für verfassungsgemäß. Der CDU-Politiker betonte, Deutschland habe eine "hohe Verantwortung für die Stabilität" des Euro. "Seit Gründung des EFSF haben wir eine Zuspitzung der Marktsituation - und die nimmt jeden Tag zu", sagte der Minister. Um eine "Ansteckungsgefahr" im Euro-Raum zu bekämpfen, könnten Entscheidungen "in Einzelfällen sehr eilbedürftig und sehr vertraulich sein".

Schäuble fügte hinzu, schon jetzt sei die "Ansteckung" im Euro-Raum, vor der man noch vor einem Jahr gewarnt habe, Wirklichkeit. Die Gefahren seien heute womöglich größer als bei der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite im Jahr 2008. Schäuble mahnte, Deutschland müsse mit allen seinen Verfassungsorganen "berechenbar" und "verlässlich" bleiben.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Unions-Fraktion, Peter Altmaier (CDU), nannte als Beispiel für eine mögliche eilbedürftige Entscheidung des Sondergremiums, dass eine Bank in eine "existenzielle Situation" gerät. Altmaier sagte, das Verfassungsgericht stehe vor einer "Entscheidung von großer Bedeutung für die nationalen Belange unseres Landes und für die europäische Staatengemeinschaft".

dapd

dapd

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6119058/create

Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Politik
Spielabbruch nach Schlägen
Bildgalerie
Gewalt
Prinz mit 80 Jahren
Bildgalerie
Karneval
Aus dem Ressort
Bedauern und Überraschung über Rücktritt von Benedikt XVI.
Papstrücktritt
Der angekündigte Rücktritt von Papst Benedikt XVI. sorgt in Deutschland für große Betroffenheit und Überraschung. Politiker und Organisationen verleihen ihrem Mitgefühl und ihrem Respekt vor dem Würdenträger Ausdruck. Andere Gläubige hoffen auf einen Neuanfang.
Letzter Arbeitstag für Gießerei-Mitarbeiter in Oberhausen
Wirtschaft
In dieser Woche gingen die Mitarbeiter der Oberhausener Babcock-Gießerei zum letzten Mal zur Arbeit. Nur wenige von ihnen haben bisher einen neuen Job gefunden. Knapp drei Dutzend der Mitarbeiter haben noch Restarbeiten erledigt. Nun wurden die letzten Gießmodelle von den Auftraggebern abgeholt.