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Interview

Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest

03.01.2010 | 19:10 Uhr
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest

Essen. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hat die harschen Reaktionen aus der Politik an ihrer Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zurückgewiesen. Gegenüber der WAZ bekräftigte sie ihre Haltung. „Für mich ist Krieg nicht zu rechtfertigen."

Frau Bischöfin Käßmann, gibt es angesichts der Finanzkrise und wahrscheinlich steigender Arbeitslosen-Zahlen überhaupt Anlass für die Menschen, mit Zuversicht ins neue Jahr zu blicken?

Käßmann: Mir liegt daran, dass wir bei all den Belastungen erkennen, dass das Wichtigste im Leben Dinge sind, die wir für kein Geld der Welt kaufen können: Vertrauen, Zuversicht, Liebe, Gemeinschaft. Für mich ist es wichtig zu wissen, dass in den Krisenzeiten des Lebens Gottvertrauen trägt und hält. Und vielleicht tut es unserer Gesellschaft gut zu begreifen, dass es auch eine Ethik des Genug gibt, der Bescheidenheit. Es geht mir um eine Lebenshaltung, die nicht auf ökonomischen Erfolg, auf Leistung ausgerichtet ist. Das trägt einen Menschen auf eine ganz andere Weise.

Haben Sie denn den Eindruck, dass die Menschen aus der Finanzkrise gelernt haben?

Es gibt sicher die Weiter-So-Mentalität. Aber ich spüre auch Nachdenklichkeit. Es wäre für mich beeindruckend und überzeugend, wenn sich ein Vorstandsvorsitzender vor die Aktionäre hinstellen und sagen würde: Wir haben zwar nur zwei Prozent Rendite gemacht, aber wir haben alle Arbeitsplätze erhalten – und alle würden applaudieren. Ich denke schon, dass das heute eher möglich ist. Ich bin auch überzeugt, dass das Ideal des ehrbaren Kaufmanns wieder Teil einer Wertehaltung werden kann, die respektiert wird.

Können wir als Nation auch zuversichtlich sein, obwohl wir eine kriegführende Nation geworden sind?

Es ist wichtig, dass wir endlich klar darüber sprechen. Diese Tatsache wurde doch bisher verdrängt. Aber es ist Realität, dass deutsche Soldatinnen und Soldaten sich in Afghanistan in einer Kriegssituation befinden. Für mich ist Krieg nicht zu rechtfertigen. Und alles, was theologisch dazu gesagt wurde - etwa dass die Zivilbevölkerung nicht involviert werden darf - untermauert, dass eine Rechtfertigung unmöglich ist. Krieg bringt immer Gewalt, Zerstörung, Vergewaltigung im Gepäck. Die Kirchen haben nach 1948 gesagt: Krieg darf es um Gottes Willen nicht geben. Es kann nur gerechten Frieden geben.

Ist es überhaupt richtig, dass die Bundeswehr in Afghanistan ist?

Ich halte das für problematisch. Aber jetzt haben wir die Verantwortung. Es kann doch niemandem ein Rückzug als Kurzschlusshandlung nützen. Die Soldaten haben ein Recht darauf, dass ihnen das Mandat nicht unterschwellig entzogen wird, die Zivilbevölkerung in Afghanistan hat ein Recht auf größtmöglichen Schutz.

Sind wir eigentlich ausreichend darauf vorbereitet, dass unsere Armee Krieg führt?

Ich möchte die Schuld jetzt nicht den Politikern geben, das wäre zu einfach. Die deutsche Öffentlichkeit hat die Lage in Afghanistan lange ignoriert. Wir bemerken erst jetzt, wie groß die kulturellen Differenzen sind, wie wenig wir wissen über dieses Land. Und dass der Vorrang für eine zivile Konfliktbewältigung immer wieder hinten angestellt wird, dass er kaum noch Leitbild ist, das finde ich problematisch.

Ihr Leben hat sich gewaltig mit der Wahl zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland geändert. Was wünschen Sie sich für das neue Jahr?

Dass die Menschen entdecken: unsere Kirchen sind Orte, die wir brauchen, damit unsere Seele Raum findet im Leben. Und dass es eine Sehnsucht nach Gottesdiensten gibt, nach einem gemeinsamen Feiern als Unterbrechung des Alltags, der Alltags-Maschinerie. Denn das Leben ist kurz und die Menschen sollten doch Zeit finden zu fragen: Was will ich aus meinem Leben eigentlich machen?

Was wünschen Sie den Menschen?

Ein gesegnetes neues Jahr.

Angelika Wölk

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Kommentare
12.01.2010
12:39
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von seeschwalbe | #55

Es sei daran erinnert, dass allein die EKD in Deutschland nach dem menschenverachtenden Nazi-Krieg eigene Schuld, Versagen eingestanden hat (Stuttgarter Schuldbekenntnis). Aus dieser Tradition heraus kann, darf und muss sie die Politik daran erinnern, dass das Zivile genau so wichtig, wenn nicht wichtiger ist, als ein kriegerischer Einsatz.
In diesem Sinne hat sie recht: Nichts ist gut in Afghanistan!

11.01.2010
17:12
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von zuvielzulangzuteuer | #54

In diesem Land herrscht das Mittelalter und dort wird seit Menschengedenken gekämpft und getötet. Von Alexander dem Großen bis zur Queen Victoria oder Breschniew ist jeder Versuch, dieses Gebirgsland zu befrieden kläglich gescheitert.
Holt die Jungs aus diesem Wahnsinn raus und legt das Geld, das dort verpulvert wird, sinnvoll in der dritten Welt an. Dann gibt es etwas mehr Frieden auf der Welt.
Wir haben doch keine Wahl: Die Soldaten werden zurückkommen, entweder als Fluggast oder im Sarg.

04.01.2010
22:01
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von mausefritzchen | #53

Obwohl ich mich von religiösen Vereinigungen aller Art im allgemeinen eher fernhalte, kann ich mit Frau Käßmann und ihren Ansichten ganz gut leben. Darüber hinaus habe ich die Vermutung, dass z.B. auch junge Taliban-Kämpfer liebenswürdige Menschen sein können, Mütter, Väter und Geschwister haben und ebenso davon überzeugt sind, für eine, für ihre gerechte Sache zu töten und zu sterben. Ihre Überzeugungen und Ideale wurden ihnen genauso eingetrichtert wie die abendländischen den westlichen Soldaten, der Todfeind ist immer der jeweils andere, der anders Lebende, Denkende oder gar anders Glaubende.

Und last not least: Wem nützt es? Wer sind die Kriegsgewinnler? Denen sollte an allererster Stelle mit dem allergrößten Misstrauen begegnet werden! Ohne Taliban, Terror & Co. keine Umsätze, möchte ich mal unterstellen. Nichts schafft mehr Rüstungsmilliarden als fanatischer Fundamentalismus an allen Fronten, da kommen gewisse Gestalten doch immer gerade recht, um das Geschäft in Gang zu halten und ganz nebenbei weltweit die allumfassende Kontrolle möglichst aller zu etablieren.

Dass die Taliban allesamt nichts als den sofortigen gnadenlosen Tod verdient hätten, passt auch nicht gerade zum Geist des aufgeklärten Christentums! Aus ihrer Sicht haben sie es nämlich mit böswilligen fremden Eindringlingen barbarischer, gottloser Kultur zu tun. Wie war das noch in Stalingrad, wer waren da eigentlich die Guten bzw. Bösen?

Gegenseitiges Abschlachten führt offenbar für beide Seiten zu keinem vernünftigen Ergebnis, man muss endlich miteinander reden! Weitsichtigkeit tut not, schonungslose Problemanalysen, Wahrheitsfindungen, Annäherungen, für den Anfang Kompromiss-Suche.

04.01.2010
20:15
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von dr.eisenstein@ish.de | #52

Zum Wohle des Volkes!!! So heißt es im Eid der Politiker. Es ist vorsätzliche Lüge. Die klare Mehrheit des Volkes will den Afghanistan-Krieg nicht. Wir werden ihn verlieren und ungeheuerlich viel Steuergeld verplempern. Wer bestraft die politischen Übeltäter???

04.01.2010
18:21
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von franzjos | #51

„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“

Bertolt Brecht (Werk: Me-Ti. Buch der Wendungen)

04.01.2010
16:14
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von Paul Haverkamp | #50

Die Bibel als Grundlage für Kirchenvertreter


Bischöfin Käßmann hat zum ersten Male als Ratsvorsitzende der EKD die raue politische Wirklichkeit kennenlernen müssen. Für einen Kirchenvertreter – egal ob er mehr rechts oder links in seiner Kirche zu verorten ist – bedeutet es die Quadratur des Kreises, wenn er sich zum Thema Krieg äußert, zumal wenn es sich um einen Krieg handelt, der von der UN genehmigt und der gegen einen Feind geführt wird, der jede Art von Respektierung der Menschrechte und der UN-Charta vermissen lässt.

Diejenigen Kritiker aus dem Politik- und Militärbereich, die nun lauthals auf Käßmann eindreschen, sollten zur Kenntnis nehmen, dass Kirchenvertreter als Grundlage ihrer Äußerungen die Bibel ansehen; ob man das als weltfremd ansieht oder wie der Altbundeskanzler Schmidt erklärt, dass man mit der Bergpredigt keine Politik gestalten könne, möchte ich zunächst nicht beurteilen. Doch ich begrüße es, wenn Kirchenvertreter in ökumenischer Eintracht erklären, dass Krieg immer Gewalt und Unrecht nach sich zieht und dass aus „Schwertern Pflugscharen“ gemacht werden müssen, um der Welt ein menschlicheres Antlitz zu verleihen. Kirchenvertreter können sich doch nur auf die Bibel beziehen – und das ist auch gut so; das sollten Politiker bei aller Kritik bedenken.

Den Kirchenvertretern während des „Dritten Reiches“ hat man zu Recht vorgeworfen, dass sie sich haben instrumentalisieren lassen und dabei die Grundlage ihres Handelns, nämlich die Bibel, auf schmähliche Art und Weise in der Versenkung haben verschwinden lassen.

Ich freue mich darüber, dass Kirchenvertreter im ökumenischen Gleichklang an einem Strang ziehen.

Paul Haverkamp, Lingen

04.01.2010
15:26
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von kuba4711 | #49

@ 43 jcm. Diese - meine Leib u. Magen.-Sendung
,auch noch im ZDF-habe ich auch gesehen.
Mir ist dabei ebenfalls das Lachen quasi im Gesicht erfroren!
Gruss

04.01.2010
13:37
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von jcm | #48

Schramm hat in Neues aus der Anstalt folgendes Szenario gemalt: (sinngemäß): Wenn - durch die Deckelung des Schäubleschen Giftpaketes bis NACH der NRW-Wahl günstig bedingt - schwarz-gelb die Mehrheit verteidigt hat, dann wird Merkel eine Rede an das Deutsche Volk halten. Sie wird den Afghanistan-Einsatz als Krieg bezeichnen und sich dafür entschuldigen, dass diese Terminologie bislang vermieden wurde.
Konsequenz daraus: Wenn wir uns im Kriegsfall befinden, sind dem GG nach SÄMTLICHE WAHLEN so lange aus zu setzen, bis der Kriegszustand beendet ist!

Wenn dieses Szenario Wirklichkeit würde, dann könnte das Merkel weitaus mehr Regierungsjahre aussitzen, als es ******-Kohl geschafft hatte...

04.01.2010
13:33
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von Abgebrühte Berlinlustconibrut | #47

Wir haben selbst hier nicht eine wahre Volksdemokratie, und wir wollen anderen Völkern unser System nahebringen ?

04.01.2010
12:57
Käßmann bleibt hart und hält an ihrer Afghanistan-Kritik fest
von landsberg13 | #46

Was bitte schön hat Jesus bzw. Gott mit der Kirche und speziell mit der eitlen sich als Engel aufspielenden Käsefrau zu tun?
Sich öffentlichkeitswirksam als moralische Instanz gegen Politiker aller Parteien positionieren, sich aber weiterhin von diesen Kriegstreibern alimentieren lassen!

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