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Archiveinsturz in Köln

Ingenieurkammer: "Das grenzt an Schlamperei"

08.03.2009 | 18:31 Uhr
Ingenieurkammer: "Das grenzt an Schlamperei"

Köln. Nach dem Einsturz des Stadtarchivs in Köln kam für den 17-jährigen Kevin K. jede Hilfe zu spät. Er wurde tot in den Trümmern geborgen. Nach Meinung der Ingenieurkammer hätte der Einsturz des Gebäudes wohl verhindert werden können, wenn die Verantwortlichen die Signale ernster genommen hätten.

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs hätte nach Einschätzung der Ingenieurkammer NRW möglicherweise verhindert werden können. Die längere Zeit vor dem Unglück aufgetretenen Risse seien nicht auf ihre Ursachen hin überprüft worden. «Da hätte man mehr tun müssen, und dann wäre man irgendwann drauf gekommen, da bewegt sich was, da tut sich was in der Erde. Und wenn man das erkannt hätte, dann wäre der Unfall vermieden worden», sagte der Vizepräsident der Ingenieurkammer und Sachverständige für Gebäude-Statik, Heinrich Bökamp, im WDR-Magazin «Westpol» nach einer Mitteilung von Sonntag.

Grafik mit Fundort der Leiche.

Im Kölner Stadtarchiv waren demnach bereits Ende 2008 bis zu vier Zentimeter breite Risse entdeckt worden. Die Stadt hatte dazu ein Gutachten in Auftrag gegeben, das weitere Untersuchungen empfohlen hatte. Sowohl die Stadt Köln als auch die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) seien dieser Empfehlung jedoch nicht gefolgt, berichtete das Magazin.

Bökamp erklärte, natürlich seien die Risse nicht die Ursache der Katastrophe, aber ein Alarmsignal. Er kritisierte besonders, dass die Stadt auf das ihr vorliegende Gutachten nicht reagiert hat. «Das grenzt an Schlamperei.»

Experte fordert höhere Baustandards

Der Kölner Geotechniker Josef Steinhoff sagte dem WDR zu Kontrollen beim Bau der Kölner U-Bahn: «Man hätte die Qualitätsstandards bei einer solchen Baugrube höher gestalten können.» Weltweit übliche Messverfahren, die die Dichtigkeit der abstützenden Betonwände überprüfen können, seien nicht angewandt worden, weil sie in Deutschland nicht vorgeschrieben seien. Der Experte fordert als Konsequenz aus der Katastrophe eine gesetzliche Verschärfung der Baustandards.

Die Rettungskräfte konnten viereinhalb Tage nach dem verheerenden Unglück am frühen Sonntagmorgen einen 17-Jährigen nur noch tot aus dem Trümmern bergen. Die Suche nach einem ebenfalls vermissten 24-jährigen in dem Schuttberg blieb laut Feuerwehr am Sonntag zunächst ohne Ergebnis.

Kölner Verkehrsbetriebe entschuldigen sich

Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) entschuldigten für das bei offenkundig U-Bahn-Bauarbeiten entstandene Unglück. KVB-Chef Jürgen Fenske sagte am Sonntagnachmittag, «dass ich mich auch entschuldigen möchte für das, was passiert ist». Die Entschuldigung richte sich an die Angehörigen der Opfer, die geschädigten Anwohner und all diejenigen, «die sich nun Sorgen machen um ihre Situation». Dies sei aber ausdrücklich kein Schuldeingeständnis.

Auf einer Bahre tragen Retter die Leiche des jungen Mannes aus den Trümmern. Foto: ap

Der Sonntagfrüh um 01.50 Uhr in den Trümmern gefundene Tote hatte im Dachgeschoss eines der beiden Häuser gewohnt, die das sechsstöckige Gebäude des Kölner Stadtarchivs mit seinen wertvollen Dokumenten am Dienstag mit in die Tiefe gerissen hatte. Dem noch vermissten Nachbarn des 17-Jährigen wurden kaum noch Überlebenschancen eingeräumt, sollte sich der 24-Jährige ebenfalls unter den Trümmern befinden. Der Tote wurde nach Angaben von Kriminaldirektor Tobias Clauer anhand von Fingerabdrücken zweifelsfrei identifiziert. Laut Obduktion wurde das offenbar im Schlaf von dem Unglück überraschte Opfer sofort getötet.

Bürgermeister spricht Beileid aus

Der 17-Jährige hatte im hinteren Teil des Dachgeschosses gewohnt. Gefunden wurde er aber im vorderen Teil und unter dem Niveau des Kellerbodens. «Das ist also der Weg, den er beim Absturz mitgemacht hat», sagte Kölns Feuerwehrchef Stephan Neuhoff. Einem Feuerwehrsprecher zufolge wurde der junge Mann unter einem Trümmerberg von bis zu acht Metern Höhe gefunden. Die Leiche lag in dichtem Schutt.

Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) sprach den engsten Angehörigen des 17-Jährigen auch im Namen von Rat und Bürgerschaft sein Beileid aus. Zudem sei in der Domstadt eine Gedenkfeier geplant. Die Opferfamilien wurden von Polizei und Notfallseelsorgern betreut.

Polizei und Feuerwehr bekräftigten, es gebe weiter keine Hinweise, dass unter dem immer noch großen Trümmerberg in der Kölner Südstadt weitere Menschen verschüttet sein könnten. Die Feuerwehr hatte am Freitagabend mit der Suche nach den beiden jungen Männern begonnen. Zuvor hatten einsturzgefährdete Nachbargebäude und anhaltender Regen die Bergungsarbeiten tagelang verzögert.

Staatsanwaltschaft ermittelt nun auch wegen fahrlässiger Tötung

Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt seit Mittwochmorgen wegen des Einsturzes. Das Verfahren richtet sich laut Oberstaatsanwalt Günther Feld derzeit gegen Unbekannt. Es gehe um den Vorwurf der Baugefährdung sowie der fahrlässigen Körperverletzung und nun auch der fahrlässigen Tötung. Aufschluss über die genaue Unglücksurache erhoffen sich die Ermittler von drei Gutachtern, die bereits an der Unglücksstelle tätig wurden.

Laut «Kölner Stadt-Anzeiger» bezieht die Staatsanwaltschaft auch angebliche Probleme bei der Grundwasser-Ableitung an der U-Bahn-Baustelle vor dem eingestürzten Stadtarchiv in ihre Ermittlungen ein. Dem Blatt zufolge sollen die KVB seit längerem von ernsten Problemen mit einem von drei Brunnen gewusst haben. Bei ihm ließ sich demnach der Wasserspiegel trotz des Einsatzes leistungsstarker Pumpen nicht senken. Die KVB wollten dazu keine Stellungnahme abgegeben und begründeten dies mit den laufenden Ermittlungen der Justiz.

Derweil brachten Helfer zum Schutz der verschütteten Dokumente des Stadtarchivs weitere wasserdichte Folien auf dem Schuttberg an. Zugleich setzte die Feuerwehr die Arbeit an einem 40 Meter breiten Schutzdach über der Unglückstelle an der Severinstraße fort. Die wertvollen Archiv-Materialien gelten zusätzlich durch den ausgiebigen Regen als gefährdet, der in den vergangenen Tagen über Köln niederging. (afp)

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DerWesten

Kommentare
11.03.2009
21:23
Ingenieurkammer: Das grenzt an ********rei
von BerndBruns | #21

Das systemimmanente Problem ist allerdings auch, dass die Staatsanwaltschaften de facto auch den politisch motivierten Weisungen aus dem...
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http://www.derwesten.de/nachrichten/ingenieurkammer-das-grenzt-an-schlamperei-id853312.html
2009-03-08 18:31
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