"Wir steigern die Qualität"
NAHVERKEHR. Entlasten und erneuern: Bahn-Regionalchef Heinrich Brüggemann über seine Strategie im Konflikt mit dem VRR.
ESSEN. Der Streit zwischen Bahn und VRR schwelt seit Wochen. Erst kürzte der VRR der Bahn Millionenmittel, dann strich die Bahn Sonderzüge zur Loveparade. Bahn-Regionalchef Heinrich Brüggemann über Weichenstellungen, wie seiner Meinung nach der Konflikt zu lösen ist.
NRZ: Die Bahn hat dem VRR ein neues S-Bahn Konzept vorgelegt - was wird mit diesem Plan besser?
Brüggemann: Wir steigern vor allem die Qualität. Denn seit einigen Jahren reizen wir in NRW die Kapazitäten des Nahverkehrs bis aufs Äußerste aus - das ist für kein System gut.
NRZ: Die S-Bahn wird künftig also pünktlicher?
Brüggemann: Ja, unser Konzept bringt eine Entlastung des Systems. Nehmen wir als Beispiel den Knotenpunkt Düsseldorf. Der wird um 25 Prozent entlastet. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Stoßzeiten zu Verspätungen kommt, wird dadurch geringer. Das strahlt auf die gesamte Region aus.
NRZ: Bedeutet dies auch, dass 25% weniger Züge fahren?
Brüggemann: Nein, es wird nur wenige Kürzungen auf Streckenabschnitten mit geringer Nachfrage geben. Im Ballungsraum wird nicht gekürzt.
NRZ: Worin liegt dann die Entlastung?
Brüggemann: Unser aktuelles Fahrplansystem ist gebaut wie ein Haus, das man immer wieder durch Anbauten erweitert hat. Das geht lange gut. Aber irgendwann entsteht ein unübersichtliches Konstrukt, das Qualitätsmängel hervorbringt. Was wir jetzt gemacht haben, ist, ein neues modernes Haus zu bauen. Wir haben Nachfrage, Angebot und Kapazitäten aufeinander abgestimmt.
NRZ: Hauptärgernis sind immer noch die häufigen Verspätungen. Woran liegt's?
Brüggemann: An der hohen Belastung des Systems: Die Nachfrage und das Zugangebot sind immer weiter gestiegen. Gleichzeitig wird sehr viel gebaut, um die Qualität des Netzes zu verbessern. Da gibt's immer wieder zeitlich begrenzt Umleitungen und Nadelöhre. Mit Fahrzeugreparaturen haben wir weniger zu tun.
NRZ: Dennoch setzen Sie auf neue Fahrzeuge. Wer zahlt die?
Brüggemann: Das zahlen wir. Mit dem Abschluss des Vertrags mit dem VRR haben wir uns verpflichtet, allein 400 Millionen Euro in neue Fahrzeuge zu investieren. Die ersten kommen im Frühjahr 2008. Vor allem die Linie der S6, die heute häufig Verspätung hat, werden wir dann mit modernen Elektrotriebwagen ausstatten.
NRZ: Was spart der VRR durch den neuen Plan?
Brüggemann: Zunächst einmal effektiv Zugkilometer, die an Stellen wegfallen, wo wenige Fahrgäste das Angebot nutzen. Damit spart der VRR Geld. Aber die Frage müsste wohl eher heißen: Was gewinnen die Kunden? Neben einer besseren Qualität sind das saubere Züge, denn wir nehmen für zusätzliche Reinigungskräfte eine weitere Million Euro in die Hand.
NRZ: Was ändert sich am S-Bahn-System?
Brüggemann: Der Rheinkreis Neuss bekommt eine direkte Verbindung zum Flughafen Düsseldorf. Die S1 wird nach Solingen verlängert.
NRZ: Und die S7?
Brüggemann: Die wird es so nicht mehr geben, die Leistung wird von S1 und S11 ersetzt.
NRZ: Wird es auch bei Regionalbahnen Änderungen geben?
Brüggemann: Im Moment bezieht sich der Plan nur auf das S-Bahn-System. Aber wenn das besser läuft, strahlt es auch auf die Regionalzüge aus.
NRZ: Hat der VRR bereits auf Ihr Angebot reagiert?
Brüggemann: Nein, aber wir gehen davon aus, dass er sich mit dem Konzept auseinandersetzen wird.
NRZ: Für Bundesliga-Fans drängt die Zeit. Setzen Sie Ihre Drohung um und fahren bis auf Weiteres keine Sonderzüge?
Brüggemann: Ja. Der VRR hat uns in dieser Frage aber um ein Gespräch gebeten. Vor dem Hintergrund, dass uns der VRR in diesem Jahr vertragswidrig 45 Millionen Euro streichen will, wollten wir nicht Gefahr laufen, dass wir die Sonderzüge fahren und der VRR uns dann auch auf diesem Gebiet die fest zugesagten Zahlungen kürzt.
NRZ: Warum tragen Sie den Konflikt auf dem Rücken der Fahrgäste aus? Wäre auch eine gerichtliche Lösung möglich?
Brüggemann: Mit dem Kernstreit werden wir uns gerichtlich auseinandersetzen müssen. Es läuft ein Mahnverfahren. Wenn bis Anfang August nicht gezahlt ist, werden wir Klage einreichen. Die Erfahrung zeigt, dass das Gericht zehn Monate braucht, um eine Entscheidung zu treffen, deshalb müssen wir zu Alternativen greifen.
NRZ: Sie sind mit dem Konzept auf den VRR zugegangen. Was erwarten sie nun von der anderen Seite?
Brüggemann: Dass sie sagt: Jawohl, auch uns interessieren die Fahrgäste. (NRZ)





























