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Sanierung: Kult-Kiosk in Essen vor dem Aus

Im Westen, 08.07.2009, Julia Hildebrandt

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Essen. Seit 1963 betreibt der 70-jährige Willy Göken in Essen einen Kiosk - eine "Bude". Jetzt soll das Viertel neu gestaltet werden. Und für Willys alte Bude ist kein Platz mehr. Viele Anwohner sind entsetzt.

Willy ist an diesem Nachmittag nicht gut drauf. Er war krank am Wochenende, und irgendwie drückt ihm heute die Ungewissheit besonders schwer aufs Gemüt. Aber Willy ist Profi, lächelt, scherzt und schiebt unermüdlich Lakritze, Flaschenbier oder Frikadellen durch das Verkaufsfenster. Gelernt ist gelernt.

Schließlich steht der 70-Jährige schon seit 46 Jahren sieben Tage die Woche in seinem Kiosk an der Rüselstraße in Essen-Altendorf. Willys Bude ist im Viertel so etwas wie eine Institution. Er kennt fast alle Kunden mit Namen, aber auch Fremde werden mit einem fröhlichen „Wat krisse?” begrüßt. Manche kommen seit vierzig Jahren. „Watte nich machen darfs, ist die Kunden bescheißen”, sagt Willy und füllt dabei kleine Tüten mit bunten Süßigkeiten. „Lieber machste einen mehr rein, als einen zu wenig.”

Willy Göken vor seinem Kiosk in Essen-Altendorf. Foto: Ulrich von Born Foto: uvb / NRZ

Großzügig war Willy Göken immer, hat dabei schon mal viel Geld verloren, aber das ist eine andere Geschichte. Zurzeit hat Willy Sorgen, ernste Sorgen: Über seiner Bude schwebt das Damoklesschwert. Die Stadt will das sozial schwache Altendorf durch ein Sanierungsprojekt aufwerten. Schon bald sollen Schrebergärten und triste Mietshäuser einem künstlichen See und schicken neuen Wohnungen weichen. Willys Bude ist dabei im Weg. Die schriftliche Kündigung hat er bereits. Sein liebevoll gestalteter Garten, wegen der zahlreichen Tierskulpturen ein beliebtes Foto-Motiv, muss schon in den nächsten Wochen weg.

Seit 1963 hinter der Ladentheke

Die Bude darf bleiben, bis der neue See tatsächlich angelegt wird. „Die Halle steht seit '53, meine Mutter hat die aufgemacht”, erzählt Willy, den die ganze Situation mehr mitnimmt, als er zugeben mag. Klar, in den letzten Jahren war es nicht immer leicht, vor allem, seit auch die Supermärkte Milch, Toast und Nudeln bis 22 Uhr verkaufen. Aber jetzt ist es schlimmer. Die Stadt hat ihm zwar ein neues Grundstück angeboten, aber den Bau einer neuen Bude, den zahlt ihm keiner.

Im letzten Monat wurde Willy 70. „Wenn ich zehn Jahre jünger wär', wär' das was anderes”, seufzt er. Und denkt dabei auch an Dustin, seinen lang ersehnten vierjährigen Sohn, der aufgedreht durch den Kiosk tobt. Dabei ist Willy so was wie ein Multitalent. Gelernt hat er Maurer, dann eine Wäscherei besessen, mit gerade 24 die Bude übernommen. Ende der 80er Jahre eröffnete der Essener noch ein Sportartikelgeschäft, in dem er Urkunden, Pokale und Medaillen verkauft. Aber: „Der Laden hat nicht so reingehauen, wie ich mir das vorgestellt hatte”, sagt er. Den größten Umsatz bringt die Bude. Die ist Getränkemarkt, Sparclub, Lottoannahmestelle, Tante-Emma-Laden und Treffpunkt in einem – was es nicht gibt, kann Willy besorgen.

Wer einmal gemütlich mit ihm bei einem Kaffee zusammen gesessen hat, bekommt schnell eine Idee davon, wie wichtig der Kiosk für das soziale Leben im Viertel ist. In den letzten 15 Jahren habe sich zwar vieles verändert, aber – und darauf legt Willy Wert: „Ich hab' seit 1963 nicht einmal die Polizei gebraucht.”

Hoffen auf ein Wunder

Ruth, Hans, Robert und Hans-Dieter, den sie alle nur HD nennen, kommen jeden Tag. Bei gutem Wetter sitzen sie draußen unter dem Zeltdach, trinken ein paar Bier, reden oder hängen bei zahlreichen Zigaretten ihren Gedanken nach. Es geht familiär zu, man kümmert sich umeinander. Für Ruth Bodden ist Willys Bude seit vierzig Jahren ein zweites Zuhause. Als ihr Mann starb, fand sie dort bei ihren Freunden Halt: „Die haben mich aufgefangen”, erzählt die 78-Jährige. Nachmittags besucht sie Willy auf ein Tässchen Kaffee, abends, wenn die anderen zum Feierabendbier eintrudeln, ist Ruth natürlich wieder da.

Dass Willy vielleicht bald zumachen muss, mag sich die Runde nicht vorstellen: „Das wäre sehr traurig, wenn die Bude wegkommt”, sagt Hans Stachowiak, mit 86 Jahren der Älteste unterm Zeltdach. „Da wird manche Träne fließen”, ergänzt Ruth. So richtig glauben kann es allerdings keiner von ihnen, sie alle hoffen auf ein kleines Wunder.

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Im Westen, 30.06.2009, André Bauer

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