Menschen : Bochumer spielt Dame auf Weltklasse-Niveau
Bochum. Mark Podolskij aus Bochum ist der beste deutsche Damespieler. Das Diagonalduell kann einem Vergleich mit dem Klassiker Schach durchaus stand halten, glaubt der passionierte Spieler. Zwei Jahre lang war er Deutscher Meister, 2007 ist er nur knapp am Weltmeistertitel vorbeigeschrammt.
Mark Podolskij (29) ist Deutschlands bester Dame-Spieler. Auf 64 Feldern wurde er zweimal U16- und zweimal U19-Weltmeister, auf 100 Feldern dreimal Deutscher Meister und zweimal Europacupsieger mit der Mannschaft. Hier: Der Übersiedler aus dem russischen Elektrostal spielt am Freitag ( 22.05.09 ) im Bochumer Bermuda3eck eine Partie Dame. Foto: © Ingo Otto
Foto: Ingo Otto
Dame? Hach, ein Kinderspiel! Meistens bleiben die kleinen runden Steinchen in der Spieleschachtel liegen. Denksportler packen lieber Bauer, Läufer und Turm aus, um Schach zu spielen. Den Klassiker, der in diesem Tagen beim Chess-Meeting in Dortmund sein alljährliches Hochamt feiert.
Dame gilt als weniger schwierig
Das Diagonal-Duell gilt dagegen als schneller Zeitvertreib, dem man sich mal so nebenbei, ohne besondere Konzentration widmet. Doch Dame kann sich – wer unbedingt will, kann dies als doppelbödige Anspielung verstehen – als ganz schön kompliziert und tiefgründig entpuppen. Als Bestätigung genügen ein paar Züge mit Mark Podolskij.
Nach nur wenigen Minuten klaffen in der eigenen Phalanx riesige Lücken, Podolskijs Steine beherrschen das Brett – weiterspielen zwecklos. Der zweite und der dritte Anlauf verlaufen ähnlich desaströs.
Beinahe Weltmeister geworden
Der Bochumer beherrscht das Damespiel meisterhaft – von 2005 bis 2007 war er Deutscher Meister. Er gilt nach wie vor als bester Spieler des Landes. Bei der Weltmeisterschaft 2007 in den Niederlanden schrammte er nur deshalb hauchdünn am Titel vorbei, weil er bei Punktgleichheit mit dem Russen Alexander Schwarzmann im Verlauf des Turniers eine Partie weniger gewonnen hatte.
Der Vizeweltmeister aus Bochum? Aus der Dame-Diaspora Deutschland? Die Ursache dafür liegt in der Tatsache begründet, dass Podolskij und seine Familie nicht immer in Bochum gelebt haben. Sie stammen aus der russischen Stadt mit dem erstaunlichen Namen Elektrostal.
Fasziniert vom Duell mit dem Gegner
In Russland, in Polen oder in den Niederlanden ist Dame im Gegensatz zu Deutschland sehr weit verbreitet. Aus Russland wurde es von vielen so genannten Spätaussiedlern quasi nach Deutschland importiert. Podolskij lernte als Siebenjähriger die schrägen Züge kennen, spielte mit seinem Vater und seinen älteren Schwestern. „Mich fasziniert das Kämpferische, dass Duell mit dem Gegner. Den will ich zum Grübeln bringen”, beschreibt Podolskij seine eigene Faszination.
Ins Grübeln kommt man sehr schnell, zumal die Turnierversion sich nicht auf 32 der 64 Felder des Schachbretts ausbreitet, sondern auf einem Brett mit 100 Feldern. Und da die Regeln das Rausschmeißen der gegnerischen Steine zur Pflicht machen – und das bereits ohne Dame auch nach hinten -, steigt die Variationsbreite sprunghaft an.
Zahlreiche Variationen abgespeichert
Podolskij hat eine Vielzahl dieser Variationen in seinem Gedächtnis gespeichert. Wenn der hoffnungslos unterlegene Amateur noch nichts Böses ahnt, hat der 29-Jährige schon Zug- und Opferkombinationen vor dem geistigen Auge, die so unangenehm sind wie eine Wuzelbehandlung – und ihm den entscheidenden Vorteil verschaffen.
Da lässt sich der Vergleich zum Klassiker Schach gar nicht vermeiden. Für Podolskij – der übrigens nie Schach gespielt hat – hält Dame diesem Vergleich stand. Zwar erreiche sie nicht die Komplexität wie Springer, Läufer, König & Co., doch sie entfalte genügend Verwicklungen.
Im Hauptberuf Mathematiker
Wer nicht sofort untergehen will, muss genau wie Schachgroßmeister die vielen Varianten der ersten Züge pauken, bis sie aus dem Effeff sitzen. „Aber Theorie ist bei Dame nicht ganz so entscheidend wie beim Schach”, erläutert Podolskij. Wer gut kombiniere, komme auch sehr weit. Allerdings kann der kleinste Patzer entscheiden. „Wenn man in der Weltspitze einen Stein verliert, kann man dies nicht mehr wettmachen.”
So erklärt es sich, dass Podolskij sein Hobby seit einiger Zeit vernachlässigt. Der promovierte Mathematiker – dass er sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen beschäftigt, deutet nur zufällig auf das Damespiel hin – bewirbt sich zurzeit um eine Professur. Da bleibe ihm keine Zeit zum Training. Und das benötige er, um die Duell gegen die Besten zu bestehen. Niederlagen mag Podolskij gar nicht.
Dame ist schließlich kein Kinderspiel.













