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Herne setzt ein Denkmal gegen das Vergessen

28.01.2010 | 08:37 Uhr
Herne setzt ein Denkmal gegen das Vergessen

Herne. Vor 65 Jahren war Edith Jankielewitz das letzte Mal in Herne. Noch als Kind flüchtete sie über Belgien nach Palästina. Ihre Eltern, beide Juden, aber kamen im Konzentrationslager um. Zur Einweihnung des Herner Holocaust-Mahnmals ist Jankielewitz nun zurückgekehrt.

Edith Jankielewitz aus Herne gibt es nicht mehr. Lediglich ein paar vergilbte Schwarzweißfotos erinnern an das kleine Mädchen, das fein herausgeputzt mit einer Schultüte in der Hand in die Kamera lächelt. Aber das ist lange her.

Heute heißt Edith Esther und ist eine 78-jährige temperamentvolle Dame. Ihre Heimat Herne musste sie vor über 70 Jahren verlassen, denn Edith/Esther ist Jüdin. Schleichend kroch der Nationalsozialismus und mit ihm der Hass auf die Juden in das unbeschwerte Kinderleben des kleinen Mädchens. Zur Einweihung des Shoah-Mahnmals ist Esther Hocherman in die Stadt ihrer Kindheit zurückgekehrt.

Das Erinnern fällt ihr schwer

Die Welt von Edith war eine hinter Glas, denn die Nachbarskinder ließen sie, die Jüdin, nicht mitspielen. Ihr blieb nur der sehnsüchtige Blick aus dem Küchenfenster der elterlichen Wohnung an der Kaiser-Wilhelm-Straße (heute Viktor-Reuter-Straße). Dann bemerkte Edith eines Morgens, es war der 10. November 1938, eine Veränderung: „Ich sah vom Fenster aus sonst immer den goldenen Davidstern, aber der war weg, ich sah nur schwarzen Rauch.“ In der Reichspogromnacht hatten die Nazis die Synagoge an der Schäferstraße zerstört.

Rosa und Chaim, Ediths Eltern, spürten, dass sie sich in großer Gefahr befanden, erinnert sich Esther Hocherman: „Sie merkten, dass Deutschland kein Platz zum Leben ist, aber wir kamen nicht raus.“ Ein Fluchtversuch des Vaters endete mit Verrat und Verhaftung. Schweren Herzens entschied sich Rosa Jankielewitz, wenigstens die Tochter zu retten. Am 6. Februar 1939, Edith war gerade mal sieben Jahre alt, setzte ihre Mutter sie in einen Zug nach Belgien. „Ich habe meine Mutter an diesem Tag das letzte Mal gesehen.“ Esther Hocherman schluckt, Tränen steigen ihr in die Augen. Das Erinnern fällt der 78-Jährigen schwer. „Wissen Sie, die Holocaust-Überlebenden haben jahrelang nicht davon gesprochen.“ Zu sehr hat sich das Trauma von Verfolgung, Verlust und Tod in ihr Gedächtnis eingeschrieben.

Historiker kämpfte für das Mahnmal

Hocherman spricht zwar über die schrecklichen Kindheitserlebnisse, aber sie wechselt dafür die Sprache. Das, was ihr widerfuhr, erzählt sie nicht in der Sprache der Täter, sondern auf Englisch. 65 Jahre war sie, die 1944 nach Palästina ging und heute in Tel Aviv lebt, nicht in Herne. Erst 2004 kam Esther Hocherman zurück. Jetzt ist sie noch einmal für die Einweihung des Shoah-Mahnmals gekommen. Mit ihr sind fünf weitere Überlebende aus aller Welt angereist.

Das ist auch das Verdienst des Historikers Ralf Piorr, der sich gut 15 Jahre lang für ein Shoah-Denkmal in Herne eingesetzt hatte. „In Herne wird an alles erinnert, aber es gab keine einzige Straße, nichts, um an die jüdische Gemeinde zu erinnern“, berichtet Piorr, der seit 1987 in Herne lebt und ein Buch über die jüdische Bevölkerung in Herne und Wanne-Eickel geschrieben hat. Zusätzlich zu den Gedenktafeln, die seit 2004 in der Stadt an jüdische Schicksale erinnern, kämpfte Piorr für ein Mahnmal. Auch den Überlebenden lag das sehr am Herzen. Esther Hocherman schickte jahrelang Briefe an den Bürgermeister, hakte immer wieder nach. „Ich wollte, dass das Denkmal mitten in der Stadt steht, damit die Holocaust-Leugner die Namen der Menschen sehen, die hier lebten“, sagt sie.

Am Samsstag erfüllt sich ihr Wunsch. Das Mahnmal – eine Steinplatte mit 410 Okularen, in denen die Namen der Opfer eingelassen sind, steht auf dem Willi-Pohlmann-Platz. Unter den 410 Namen sind auch Rosa und Chaim Jankielewitz. Sie wurden 1944 im KZ Stutthof ermordet.

Julia Hildebrandt



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