Hartz IV - Fluch oder Segen?
09.02.2010 | 11:36 Uhr 2010-02-09T11:36+0100Sind die Hartz-IV-Regelsätze menschenwürdig? DerWesten hat mit 15 Betroffenen in Essen gesprochen.
Ein paar hastige Züge noch an der Zigarette, dann muss er rein. Doch den Luxus gönnt er sich, das Rauchen, wenigstens das. In zwei Minuten hat er einen Termin beim Jobcenter, jetzt aber schnell: "Wo ist denn hier der Aschenbecher?" Ein rascher Blick zu Boden - hat sich erledigt, die meisten nehmen den großen Ascher, die Treppe an der Lützowstraße ist mit Glimmstengel-Stummeln übersät, doch nein: Er drückt sie aus.
"Was ich von Hartz IV halte, wollen Sie wissen?" Der junge, kräftige Mann schüttelt verständnislos den Kopf. Chris will er genannt werden, mehr wird nicht verraten. Muss ja nicht jeder mitkriegen, das mit dem Hartz IV, die eigenen Sorgen; finanzielle sind es, meistens. "Das Geld ist manchmal einfach ganz schön ungerecht verteilt. Vor Kurzem hatte ich zum Beispiel kein Brot mehr im Haus - aber mal eben in den Supermarkt gehen? In schlechten Monaten reicht es selbst dafür nicht."
"Der Untergang"
In der Kita St. Anna ist das Geschrei groß. Schnell in die warmen Wintermäntel geschlüpft, die Eltern warten schon, Mamas meistens - und die haben's eilig. Dirk Grigoleit nicht. Er ist zu früh dran, eine Viertelstunde vor der Zeit. Denn Zeit, die hat man ja irgendwie genug mit Hartz IV, wenn bloß das Geld... "Hartz IV, das ist der Ungergang. So einfach ist das." Grigoleits Frust ist hörbar - und doch, er weiß um Vorurteile und Vorteile. Natürlich sei er dankbar. "Geld fürs Nichtstun bekommen", dafür müssen andere hart arbeiten - doch es ist einfach nicht genug. "Für meine zwei und vier Jahre alten Töchter gibt man mir rund 200 Euro pro Kind", sagt Grigoleit. "Davon müssen Kleidung, Spielsachen, Nahrung bezahlt werden. Wie soll das gehen?" Er hofft, dass die Richter heute ein Einsehen haben, die Regelsätze für Kinder endlich steigen. "Dann müssen wir uns die Kindergeburtstage endlich nicht mehr vom Munde absparen. Wir wollen unseren Töchtern doch was bieten."
Vor der gedeckten Tafel
Mit Einkaufswägelchen rücken sie an, der Weg soll sich lohnen - das Schlangestehen auch. Das Thermometer will heute nicht mehr hoch hinaus, ein paar Grad unter Null sind es, doch der beheizte Supermarkt: zu teuer. "Sonst geht es irgendwie schneller", beschwert sich eine bibbernde Frau, doch da öffnen sich die Glieder der rot-weißen Sicherheitskette: Die "Essener Tafel" ist gedeckt.
Auch die 45-jährige Heike "kauft" hier ein, woanders ist nicht drin, jedenfalls meistens nicht. Ihr rotes Haar trägt sie heute offen, der letzte Friseurbesuch ist zum Glück noch nicht so lange her: "Ich war erst im Dezember zum Haareschneiden. Das war ein schönes Weihnachtsgeschenk." Davor hatte sie anderthalb Jahre kein Haarstudio mehr von innen gesehen: "Das ist für mich purer Luxus." Heike mag sich nicht beschweren, bloß ins Kino, ach, da würde sie so gern mal wieder hin. "Aber mit Hartz IV?" Da sei man irgendwie im falschen Film.