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Interview

Grüne bleiben bei Forderung nach Umbau des Schulsystems

14.04.2010 | 08:52 Uhr
Grüne bleiben bei Forderung nach Umbau des Schulsystems

Düsseldorf.Im Interview mit der WAZ erklärt die Fraktionschefin der Grünen im Landtag, Sylvia Löhrmann, warum ihre Partei eine Schule für alle und längeres gemeinsames Lernen will und der Ministerpräsident Interesse am Erstarken der Linken haben könnte.

Frau Löhrmann, reden wir über Ihre Zukunft. Möchten Sie bald neue Schulministerin in NRW sein?

Löhrmann: Ich möchte, dass Barbara Sommer nach dem 9. Mai nicht mehr Schulministerin ist. So nett sie auch als Mensch ist, wir brauchen einen Neuanfang in der Schulpolitik.

In diesem Amt könnten Sie dann die Gemeinschaftsschule durchsetzen, die Jürgen Rüttgers als Einheitsschule kritisiert.

Löhrmann: Wenn Herr Rüttgers von Einheitsschulen redet, diffamiert er alle Grundschulen in NRW. Denn das sind die Schulen, die alle Kinder aufnehmen, sie gut fördern und die in internationalen Tests sehr gut mithalten. Aber Herr Rüttgers will ja nicht überzeugen, er fährt eine Angstkampagne gegen die Weiterentwicklung des Schulsystems. Er zettelt einen Schulkrieg an. Wir Grüne wollen eine Schule für alle mit längerem gemeinsamem Lernen. Dabei unterstützen uns viele CDU-Kommunalpolitiker.

Alle Schulformen für alle Schüler stärken

Wollen Sie das Gymnasium abschaffen?

Löhrmann: Wir schaffen keine Schulform ab, wir wollen auch keine Zwangsbeglückung, sondern auf Landesebene einen demokratischen Prozess in Gang setzen. Der ermöglicht es den Schulen, alle Kinder zu fördern und zu guten Leistungen zu führen. Wir brauchen die Stärken aller Schulformen für alle Kinder. Wichtig ist, gymnasiale Standards in das gemeinsame Lernen hineinzunehmen. Als Anreize planen wir Klassen mit maximal 25 Schülern und die beste Fortbildung für das Lehrerteam. Pro Jahr wollen wir zehn Prozent der Schulen auf diesen Weg der Zukunft bringen. Übrigens, wenn Eltern vor Ort befragt werden, sprechen sie sich mit überwältigender Mehrheit für eine Gemeinschaftsschule aus.

Das Gymnasium geht also in dieser Schulform auf?

Löhrmann: Auch das Gymnasium kann sich dem Reformprozess doch nicht entziehen. Viele Eltern wollen eben keine Schule, die ihr Kind in acht Jahren zum Abi triezt und wo es ohne private Nachhilfe nicht mehr geht. Wir wollen das Gymnasium in den Entwicklungsprozess einbeziehen, auch in Schulverbünde. Es muss sich zur Ganztagsschule entwickeln und alle Schüler besser fördern. Sonst wird es zu einer abgeschotteten Schulform und hat auf Dauer gegen die Gesamtschule keine Chance. Grundsätzlich gilt, entschieden wird vor Ort, in den Städten und Gemeinden.

Die CDU hält eisern am mehrgliedrigen Schulsystem fest. Wo könnte ein möglicher Kompromiss liegen?

Löhrmann: Wieso Kompromiss? Wir kämpfen für Rot-Grün. Die Chancen stehen gut, das wollen jetzt schon 49 Prozent der Wählerinnen und Wähler.

Keiner „redet soviel über die Linken wie Rüttgers“

Nach allen Umfragen gäbe es weder eine Mehrheit für Rot-Grün noch für Schwarz-Gelb, weil die Linke stabil bei sechs Prozent liegt.

Löhrmann: Noch sehe ich die Linkspartei nicht im Landtag. Das größte Interesse daran hat wohl Herr Rüttgers, deshalb redet keiner so viel wie er über die Linke. Denn bei einem Einzug der Linken in den Landtag rechnet er sich die Chance aus, wenigstens Ministerpräsident einer Großen Koalition oder einer schwarz-grünen Koalition zu werden. Das finde ich perfide.

Sie wollen – im klaren Gegensatz zur CDU – die Gemeinschaftsschule, das Ende der Studiengebühren und keine neuen Kohlekraftwerke. Sind das Knackpunkte für Koalitionsgespräche?

Löhrmann: Wir Grüne haben ein Programm, das wir insgesamt verhandeln werden. Besonders wichtig sind uns zentrale Punkte wie ein ideales Bildungssystem, Klima- und Naturschutz, die Energiewende. Und es muss wieder sozial gerecht zugehen, nur Reiche können sich arme Städte leisten.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu SPD-Spitzenkandidatin Kraft?

Löhrmann: Ich freue mich sehr, dass sie einen viel angenehmeren Stil im Umgang mit den Grünen pflegt als wir ihn jahrelang besonders von Herrn Clement gewohnt waren. Unser Verhältnis ist gut. Und wenn es mal Irritationen gibt, greifen wir schnell zum Telefon und räumen sie aus. Wir wissen beide, dass jeder eigene Akzente setzt, wir getrennt marschieren müssen, um am Ende die Wahl zu gewinnen.

Und Ihr Verhältnis zu Herrn Rüttgers?

Löhrmann: Das ist schlechter als viele schreiben.

Studiengebühren = Studien-Hürde

Eine Abschaffung der Studiengebühren würde Einnahmeausfälle von 250 Millionen Euro für die Hochschulen bedeuten. Wie soll das kompensiert werden?

Löhrmann: Wir werden diese Summe in vollem Umfang aus Landesmitteln ersetzen. Die Unis werden keinen Cent weniger zur Verfügung haben.

Hochschulminister Pinkwart verweist auf eine Studie der Uni Bochum, nach der Studiengebühren keineswegs sozial ungerecht sind.

Löhrmann: Da kenne ich andere Fakten. Danach nehmen pro Jahr 4000 Abiturienten aus einkommensschwachen Haushalten kein Studium auf, weil sie Angst haben, Schulden anzuhäufen. Das heißt, die Gebühren treffen vor allem junge Menschen aus Familien, in denen das Geld knapp ist. Das darf nicht sein. Diese Hürde muss weg.

Herr Pinkwart hält dagegen, dass die Anmeldezahlen an den Unis steigen.

Löhrmann: Aber doch nur, weil wir mehr Abiturienten haben. 2009 haben 120 000 junge Leute in NRW die Hochschulreife erworben, davon haben 90 000, also 75 Prozent ein Studium aufgenommen. 2005 betrug die Übergangsquote noch 78,3 Prozent. Die Gebühren drücken also die Studentenzahlen. Das ist auch aus ökonomischer Sicht fatal.

Die Finanzlage vieler Kommunen ist ausweglos. Wie kommen die Städte da raus?

Löhrmann: Auf drei Wegen. Erstens müssen auch arme Städte Förderprogramme von Bund, Land und Europa nutzen können. Wir brauchen daher eine Flexibilisierung beim Eigenanteil. Sonst bleiben sie immer in ihrem Teufelskreis. Zweitens plädieren wir Grüne für einen kommunalen Rettungsschirm. Nur wenn die Zins- und Altschulden der Städte mit Nothaushalt in eine Art Bad Bank ausgelagert werden, haben sie wieder Luft zum Atmen und eine Chance, ihrer Vergeblichkeitsfalle zu entrinnen.

Pläne für Kraftwerk Datteln nicht „einfach zu heilen“

An Sparen denken Sie nicht?

Löhrmann: Doch, natürlich muss auch weiter konsolidiert werden. Aber seien wir ehrlich: Viele Städte sparen seit Jahrzehnten und kommen auf keinen grünen Zweig. Da gibt es nur noch eine Bücherei, deren Existenz jetzt auch noch auf dem Spiel steht. Deshalb müssen wir den Kommunen helfen und brauchen eben drittens mittelfristig eine Gemeindefinanzreform, damit die Einnahmen verlässlicher werden. Zum Beispiel sollen Freiberufler in die Gewerbesteuer einbezogen werden. Was wir keinesfalls brauchen, sind weitere Steuersenkungen. 950 Millionen Euro haben Stadt und Land schon verloren, das haben die Herren Rüttgers und Pinkwart im Übrigen mal eben so durchgewunken.

Die Grünen fordern einen Bildungssoli. Woher soll das Geld kommen?

Löhrmann: Wir sind dafür, einen Teil des Soli Ost abzuzweigen für wichtige Bildungsinvestitionen in der ganzen Republik, auch in NRW. Wir können uns darüber hinaus eine Vermögensabgabe und einen höheren Spitzensteuersatz vorstellen. Außerdem wollen wir 300 zusätzliche Steuerprüfer in NRW einstellen. Das würde nicht nur die Einnahmen verbessern, sondern wäre auch ein Beitrag zu mehr Steuergerechtigkeit.

Was passiert mit dem Kraftwerk Datteln, wenn Sie in die Regierung kommen?

Löhrmann: Das Oberverwaltungsgericht hat den Bebauungsplan für das Kraftwerk Datteln in Bausch und Bogen zerrissen. Das Bundesverwaltungsgericht hat diese Entscheidung bestätigt. Ich glaube nicht, dass dieses so rücksichtlos durchgeführte Genehmigungsverfahren einfach zu heilen ist. Wenn im Abstanderlass ein Abstand des Kühlturms von 1500 Metern von der Wohnbebauung gefordert ist, hier aber der Kühlturm nur 400 Meter Abstand hat, kann ich nicht sehen wie das zu heilen ist. In jedem Fall wird diese Fehlplanung weitere Gerichte beschäftigen. Politik sollte nicht Gesetze ändern, um einzelne Bauvorhaben durchzubringen, wie es die Landesregierung gemacht hat.

Theo Schumacher

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Kommentare
03.05.2010
20:38
Grüne bleiben bei Forderung nach Umbau des Schulsystems
von R. Witsch | #56

Seehofer hat recht, und das Schlimme ist, auch die Grünen, auch die SPD, und auch die Linke weiß es.

03.05.2010
20:35
Grüne bleiben bei Forderung nach Umbau des Schulsystems
von R. Witsch | #55

Ich stimme 24von von.ideologen.belogen voll zu. Die Einheitsschule führt nur zu weiterer Niveausenkung. Wir erreichen doch keine bessere Bildung, wenn wir einfach allen Schüler ein Abitur schenken - auch wenn die Statistik natürlich gut aussieht!

03.05.2010
20:29
Grüne bleiben bei Forderung nach Umbau des Schulsystems
von R. Witsch | #54

Von der WAZ weiß man ja, dass sie rot-grün-freundlich ist. Tatsache aber ist, dass die Forderungen v.a. der Grünen und der Linken insgesamt nur dazu führen, dass sich die Gesellschaft weiter spaltet. Die Wohlabenden werden sich bei Einführung einer Alles-in-einen-Topf-Schule schnell teuren Privatschulen zuwenden(dieser Prozess ist schon seit einiger Zeit im Gange), und gute städtische Gymnasien und Realschulen werden zerstört.

14.04.2010
20:32
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von Wolfgang R. | #53

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14.04.2010
11:30
Grüne bleiben bei Forderung nach Umbau des Schulsystems
von DIE LiNKE ist die bessere Wahl | #52

>>Denn bei einem Einzug der Linken in den Landtag rechnet er (Herr Rüttgers) sich die Chance aus, wenigstens Ministerpräsident einer Großen Koalition oder einer schwarz-grünen Koalition zu werden.<<

Genau so sehe ichs auch ...
Und damit wir einen anderen MP bekommen, ist es m. E. nötig, dass DIE LiNKE weit über die momentanen 6 Prozent in den Landtag einzieht ...

Wer will ein Weiterso, nur mit anderen Nebendarstellern ???

Schwarz/Geld muss weg in NRW und das nicht nur partiell !!!

14.04.2010
11:06
Grüne bleiben bei Forderung nach Umbau des Schulsystems
von Sozialerdemokrat | #51

Richtig ist, dass es immer einen Anteil von Jungen und Mädchen geben wird, die ungebildet bleiben. Aber ob dieser Anteil bei 8 % oder 25 % liegt, ist vom Bildungssystem und von den Lehrerinnen und Lehrern abhängig. Die gering Gebildeten werden wahrscheinlich von Hartz IV abhängig sein. Für sie gibt es nicht genügend Stellen. Auch für viele Facharbeiterberufe reicht eine geringe Bildung nicht mehr aus. Bisher konnten die Unternehmen aus dem Vollen schöpfen. Sie konnten die Besten auswählen. Dass wird sich ändern. Außerdem ist damit zu rechnen, dass in einigen Jahren Hundertausende aus den EU-Ländern Rumänen, Polen, Estland, Lettland, Litauen und Bulgarien zuwandern werden. Für Geringqualifizierte gibt es dann noch weniger Stellen. Die Gesellschaft kann es sich einfach nicht mehr leisten 20 % eines Jahrgangs im Alter von 10 Jahren auszugrenzen. Daher brauchen wir ein anderes Schulsystem, aber auch fähige Lehrerinnen und Lehrer, die den schwächeren Schülerinnen und Schülern helfen.

14.04.2010
11:00
Grüne bleiben bei Forderung nach Umbau des Schulsystems
von Alternativ | #50

Also ich werde in jedem Fall GRÜN wählen. Ein Blick in unseren künstlich bewölkten Himmel reicht doch, um zu wissen, dass wir längst ganz andere Probleme haben, als das beste Gymnasium fürs Kind.
Wacht doch endlich mal alle auf und versucht, so gut und wann immer es geht, diesen Planeten zu schützen.
Das alleine zählt, für uns alle!!! Und für die Zukunft der Kinder!!!

14.04.2010
10:46
Grüne bleiben bei Forderung nach Umbau des Schulsystems
von Hallo??? | #49

zu von ideilogien
Richtig so wars vielleicht. Mein Kind besucht eine Gesamtschule die die Drittelparität einhalten mußte damit sie genehmigt wurde durch jetzige Landesregierugn NRW. Also von jeder Grundschulempfehlung ein Drittel Gymnasium, Realschule und Hauptschule. Keine Überhänge von irgendeiner Empfehlung. Das macht es jetzt spannend. Schauen wir uns am Ende dieser Schulzeit mal die Statistiken an, dauert aber noch ein paar Jährchen. Und übrigens der beste Hauptschüler ist so gut wie der schlechtetse Gymnasiast, nur welche Chancen hat der Hauptschüler um hoch zu kommen, ich meine jetzt nicht den einen der es geschafft hat.

14.04.2010
10:42
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von miriam.lessmann | #48

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14.04.2010
10:39
Blockierter Kommentar.
von miriam.lessmann | #47

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