Gorch Fock – Anstand über Bord
20.01.2011 | 16:43 Uhr 2011-01-20T16:43:00+0100
Berlin. Nach den Meuterei-Gerüchten steht die Ausbildung auf dem Segelschulschiff in der Kritik. Und der Kommandant schimpft über die motorischen Fähigkeiten der Kadetten. Ist das noch die maritime Visitenkarte Deutschlands?
Am 7. November 2010 erhält Obermaat Sarah Lena Seele den Befehl zum Aufentern. So heißt der Klettervorgang in den Hauptmast der Gorch Fock. Das Segelschulschiff der Bundesmarine liegt an diesem windarmen Tag im Hafen von Salvador da Bahia in Brasilien. Die 25-jährige Offiziersanwärterin aus dem Landkreis Holzminden in Niedersachsen steigt wie befohlen – und wie üblich ungesichert – in die Takelage. Beim Abstieg in 27 Metern Höhe verliert sie plötzlich den Halt, stürzt aus ungeklärter Ursache auf das Oberdeck und stirbt wenig später in einem Krankenhaus.
Kommandant Norbert Schatz, ein Bayer und Berg von einem Mann, reagiert schnell. Die Ausbildung auf der 156. Reise des Dreimasters wird abgebrochen. Die Gorch Fock setzt ihren bis Sommer 2011 geplanten Trip zwar fort. Die 70 Kadetten aber werden zur Marineschule Mürwik bei Flensburg ausgeflogen. Dort lernen sie theoretisch und am Simulator das Handwerk.
„Die Jugend sitzt nicht mehr im Kirschbaum, sondern vor dem Computer“
Bei einem Zwischenstopp in Argentinien Anfang Dezember sagt Schatz, womöglich müsse, wohlgemerkt nach ausgiebiger Untersuchung des Vorfalls, das Ausbildungskonzept überarbeitet werden. Mehr Training, strengere Auslese. „Die motorischen Fähigkeiten haben abgenommen, die Jugend sitzt nicht mehr im Kirschbaum, sondern eher vorm Computer“, sagt er in Anspielung auf den tödlichen Sturz zu Journalisten.
In Mürwik müssen das manche der Kameraden von Sarah Lena Seele als zynisch empfunden haben. Sie haben noch in unguter Erinnerung: Im September 2008 ertrank die 18-jährige Offiziersanwärterin Jenny Böken nördlich von Norderney, nachdem sie während ihrer Seewache auf der Gorch Fock über Bord gefallen war. 2002 starb ein 19-Jähriger nach einem Sturz aus der Takelage. 1998 fiel ein ebenfalls 19-Jähriger aus dem Großmast der Gorch Fock aus zwölf Metern Höhe auf die Planken. Tot. Tragische Fälle. Tragische Einzelfälle auf einem Schiff, auf dem in einem halben Jahrhundert mehr als 14 500 Offizier- und Unteroffizieranwärter unfallfrei ihre Grundausbildung absolviert haben. So war das Bild der „Botschafterin in Weiß“, wie die Marine ihren Prestige-Segler nennt, bis Anfang dieser Woche. Es hat mit dem, was in ersten Umrissen heute auftaucht, nur noch wenig zu tun.
Ein beunruhigendes Bild
Denn inzwischen ist ein Brief des Wehrbeauftragten des Bundestags, Hellmut Königshaus, und der Verlauf einer Sitzung des geheim tagenden Verteidigungsausschusses bekannt geworden, der ein „beunruhigendes Bild zeichnet“, wie die FDP-Abgeordnete Elke Hoff der WAZ sagte.
Drei Mitarbeiter von Königshaus waren in der vergangenen Woche in Mürwik und sprachen mit 45 Beteiligten, die seinerzeit in Brasilien mit an Bord waren. Was sie beschreiben, wirft, so es wahr ist, ein fatales Licht auf Kommandant Schatz und seine höchsten Offiziere. Nach dem tödlichen Sturz weigerten sich laut Königshaus etliche Kadetten, in die 45 Meter hohen Masten zu steigen. Auf sie sei trotz des Todesfalls massiver Druck ausgeübt worden, es dennoch zu tun. „Wenn Sie nicht hochgehen, können Sie das Offizierspatent vergessen“, heißt es in dem Brief des Wehrbeauftragten an Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU). In einem Fall sei ein Anwärter, der unter extremer Höhenangst leidet, auf diese Weise in den Mast gezwungen worden.
Die Wahrheit am Ende der Welt
In vier Fällen habe Schatz sogar erwogen, Kadetten wegen „Meuterei“ nach Hause fliegen zu lassen. Ihnen wurden Ablösungsverträge vorgelegt. Kurios: In letzter Minute seien die Offiziersanwärter von der Schiffsführung aufgefordert worden, die Schriftstücke zu verbrennen, heißt es in Königshaus’ Brief. Dazu kommt nach Angaben von Mitgliedern des Verteidigungsausschusses eine Geschmacklosigkeit ohnegleichen: Tage nach der Tragödie soll auf Direktive des Kapitäns an Bord „eine Karnevalsfeier durchgezogen worden sein“.
Die Affäre hat in Berlin hektische Aktivitäten ausgelöst. Die Marine hat ein Ermittlungsteam entsandt. Der Verteidigungsminister verlangt zügige Aufklärung. Die Gorch Fock wurde in den Hafen von Ushuaia auf Feuerland an der Südspitze Südamerikas beordert. Kommt am Ende der Welt die Wahrheit ans Licht?
Beim Aufentern ist kein Seemann gesichert
Seit 1958, als die 89 Meter lange und nach dem Hamburger Dichter Gorch Fock benannte Bark die Werft Blohm & Voss verließ, bekommen Landratten feuchte Augen, wenn sie den Heimathafen Kiel verlässt. Drei Masten, 2000 Quadratmeter Segelfläche – auf den Weltmeeren gilt sie als maritime Visitenkarte Deutschlands. Dass Enge und fehlender Komfort manchen zur Verzweiflung gebracht haben sollen, wird oft verschwiegen. Das gilt auch für das Thema Sicherheitsvorkehrungen. Beim Aufentern ist kein Seemann gesichert. „Erst oben schlägt man einen Karabinerhaken an ein Sicherungsseil aus Draht“, sagte ein Marine-Experte gestern. Diese Praxis, heißt es beim Bundeswehrverband, ist schon oft „als zu gefährlich kritisiert worden“.
Übertrieben findet das Fregattenkapitän Achim Winkler, der Ausbildungsleiter auf der Gorch Fock war. „Es ist technisch unmöglich, sich beim Aufentern anzuseilen. Um sich festzuhalten, hat man ja zwei Hände frei.“ Ein Satz, der einen frösteln lässt, wenn man an Sarah Lena Seele denkt.
20:36
Den Offiziersanwärtern muß bei Unterschrift ihres Vertrages klar sein, was sie tun.
Sie wollen bei der Kriegsmarine anheuern.
Hierzu werden während der Ausbildung, in der Probezeit, ihre pysischen und psychischen Leistungsgrenzen ausgetestet.
Und das man dort nicht nur im Stuhlkreis sitzt und Lieder singt, ist doch klar.
Zudem lernen dies jungen Menschen dort das Schiffe fahren von der Pike auf. Auch lernen sie, welche Entbehrungen die unteren Dienstgrade auch auf modernen Schiffen der Bundesmarine erleiden.
Dies alles trägt u.a. zur charakterlichen Reife dieser jungen Menschen bei. Dies ist notwendig, da sie relativ schnell als Vorgesetzte aufgrund des Dienstgrades (und im regelfall auch uafgrund ihrer Verwendung) Verantwortung für Mensch und Material übernehmen müssen.
Also lassen wir mal alle die Kirche im Dorf.
Dieser Unfall ist tragisch. Das Leid der Hinterbliebenen kaum vorstellbar. Aber deshalb ein über fast 50 jahre bewährtes Ausbildungkonzept über den Haufen zu werfen und die Führungscrew des Schiffes pauschal vorzuverurteilen, halte ich für vorschnell.
11:06
Der Anstand geht auch bei WAZ/NRZ immer mehr über Bord. Sonst hätte es diesen schrecklichen Titel mit Anspielung auf die tote Soldatin nicht gegeben! Das ist mieser Boulevardstil. Offenbar hat der WAZ-Konzern es nötig.
17:48
So ein Unsinn, demnach müsste jeder Kapitän eines von einer Monsterwelle gerammten Schiffes bei Einfahrt in den Hafen verhaftet werden, denn bei solchen Unfällen auch auf Kreuzfahrten sind immer Opfer unter Passagieren und Besatzungen zu beklagen und das sogar im flachen Mittelmeer. Sodass man den Reiseveranstaltern ebenfalls einen Prozess machen muss, weil sie nicht auf schwere See im Prospekt hinweisen??
Dem Reeder der München müsste man einen Prozess machen, weil er die München auf Reise geschickt hat, von der sie und die Besatzung nicht zurück kam??
Man hatte damals, weil man nicht wusste wie hoch manche Wellen sein können, einen Prozess wegen Versicherungbetrugs eröffnet..
Dieser wurde 1980 abgebrochen, nachdem das Schwesterschiff mit Schäden ähnlichen Ausmasses durch eine Wasserwand verursacht, in den Hafen zurückkehren konnte und eben nicht versank.
Egal in welcher Zeit manche leben mögen, Unfälle passieren, ohne wenn und aber, hätte, wäre, wenn, macht weder die Schiffahrt noch die Eier schon gar nicht die Ölförderanlagen und den Auto- und Flugverkehr 100%ig sicher..
Möllemann fiel wie manch anderer mit Fallschirm auf dem Rücken in den Tod... Mancher Schirm geht auf, mancher nicht...
Nur um zu sagen, jeder ist für seine Sicherheit an Bord erstmal selbst verantwortlich, der Kapitän für das Mass grösst möglicher Sicherheit aller..
Er weiss um jede Gefahr.. auf See, wie im Hafen zum Fest- und Losmachen..
Leute, lasst alle U-Boote, Fähren, Frachter, Kutter, Fregatten aus dem Wasser heben, sie können früher oder später in Ost- oder Nordsee und oder auf den Weltmeeren, trotz High Tech an Bord, Schaden nehmen, versinken und weit mehr Opfer fordern, als der Betrieb eines alten Seglers ...
Wer Angst um sein Leben hat, sollte selbiges im Keller verbringen, Pech gehabt, wenn es zum Erdbeben kommt, oder sich unter dem Haus ein Loch auftut, wovon es fast wöchentlich neue gibt..
14:10
Nachtag
Der Kapitän der Gorch Fock ist sofort bei Betreten deutschen Bodens wegen Mordes bzw wegen befohlenen Mord anzuklagen
Da wird die Staatsanwaltschaft ja wohl für sorgen
14:06
In welchem Zeitalter leben den hier einige Kommentatoren
Das Segelschiffzeitalter ist entgültig beendet
Daher m u s s die Gorch Fock sofort ausser Dienst gestellt werden
Alles andere wäre Steuergeldverschwendung
13:40
Es ist völlig egal, ob Mann oder Frau, die Männer führen die Liste der Toten mit 4:2 an.
Klar, könnte mancher sagen, Frauen dürfen erst seit wenigen Jahren mit auf See.
Eine der beiden ist in der Nordsee über Bord, eine ist beim Klettern abgestürtzt, das gleiche passierte 1998 auch einem Mann, der nach der Rettung an Bord, leider im KH verstarb.
Für viele ist es das erste Mal überhaupt in Höhen von 10m und mehr rumzuklettern. Manch einer der heutigen Rekruten kennt einen 10m Sprungturm nur aus dem Fernsehen, anderer hat noch nie eine Fichte, Kiefer, Pappel oder Eiche bestiegen. So guckt man an Bord erstmal faszieniert nach oben, um sich mit der Höhe vertraut zu machen.
Viele bekommen, wenn sie das erste Mal oben sind, dann doch Manschetten, ui ist das hoch, wo ist die Feuerwehr...
Mit der Zeit verliert sich leider der Respekt vor der Höhe, mancher Industriekletterer weiss, was ich meine.
12:14
Zitat: Es hat nichts, aber auch überhaupt nichts damit zu tun, ob man eine Frau oder ein Mann ist.
Ach nein? Wenn unter den 6 Unfallopfern, davon 4 Unfallopfer auf Gorch Fock, 2 Frauen sind, die sich bei ruhigem Schiff im Hafen nicht in den Wanten halten konnten, wenn eine davon technisch gesehen (es gibt Abstände zwischen den Wanten) zu klein ist und trotzdem da rauf durfte, dann hat das natürlich gar nichts damit zu tun, dass Frauen rein körperlich anders gebaut sind als Männer? Die zu kleine Kadettin wird sich körperlich laufend überdehnt haben und dann hat sie, ich kenne die genauen Umstände nicht, kann es mir aber gut vorstellen, wahrscheinlich einmal zu kurz gegriffen und dabei abgestürzt. So bedauerlich und tragisch das ist, der Ausbilder hat die Kadettin in ein freiwillioges Manöver gelassen, denn der denkt über medizinische Tatsachen nicht nach. Der BW-Arzt, der das zugelassen hat, wollte wahrscheinlich keinen Ärger mit der Gleichstellungsbeauftragten riskieren. Wie gesagt: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!
Und wenn Sie Bergsteigerinnen als Beispiel anführen, dann müssen Sie zugeben, dass die sich ihre Eisen selbst entsprechend ihrem Greifabstand zwischen Fuß und Hand setzen. Und für das gefühl in den Wanten zu hängen empfehle ich mal einen Besuch bei der Kieler Woche, da kann man das ausprobieren. Da kommen ausgewachsene nordische Männer schon mal ins Grübeln, südländische Männer fahren besser auf italienischen Schulschiffen, kein Witz, die Takeln kürzer.
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Und das Ausbringen der Signallampen an einer Stahlleiter, die mit kurzen Trittabständen versehen sind, die sich beim Betreten nicht bewegen, das ist qualitativ und technisch was anderes, gerade auch bei Seegang. Wenn ich den Artikel aber richtig gelesen habe, geschah der Unfall im Hafen bei ruhigem Schiff. Die Webleinen geben gut nach! Stahltritte bleiben solide stehen.
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Das Aufentern wird freiwillig gemacht, ganz klar, denn JEDER an Bord weis ja, wie gefährlich das ist.
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Und seit 1958 nur 6 tödliche Unfälle und die meisten in den letzten Jahren, das zeigt, dass der Offizier Recht hat, wenn er meint, dass die Jugendlichen heute eben nicht mehr in Kirschbäumen rumklettern. Seit 53 Jahren im Dienst und bei der Gefährlichkeit im Dienst nur 6 Tote: Tolle Schiffsführungen! Das klappt noch nicht mal in Fabriken an Land, die mit allem Sicherheitsequipment ausgestattet sind, die die Technik hergibt.
11:52
#EinKnaeuel , am 21.01.2011 um 11:45
Ich habe mal die Seite der Marine angeklickt:
Insgesamt kam es zu sechs tödlichen Unfällen (2 Frauen) Insgesamt wurden 14 500 Offizier- und Unteroffizieranwärter ausgebildet. Seit 1958.
11:45
3 tötliche Unfälle (2Abstürze, 1Frau über Bord) in 13 Jahren in über 50 jähriger Betriebszeit, manch ein Unternehmer zur See wäre froh über solch eine Bilanz..
Niemand wird gezwungen aufzusteigen, aufsteigen, darf aber nur, wer sich fit genug fühlt, leider kann ein Fehltritt der Letzte sein..
Jeder Tote ist immer einer zuviel, absolute Sicherheit am Arbeitsplatz gibt es aber nicht.
11:06
#RitterKokosnuss , am 21.01.2011 um 10:39
Das ist aber eine sehr merkwürdige Ansicht. Es hat nichts, aber auch überhaupt nichts damit zu tun, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Dieser Unfall ist der sechste tödliche Unfall auf der Gorch Fock. Bis auf einen Unfall alles männliche Matrosen. Frauen sind ja auch Bergsteigerinnen.
Unfälle passieren ja in der Regel beim Raufklettern, oben hacken sie sich ja dann in die Takelage ein. Gefährlich wird das ganze beim Setzen oder Bergen der Segel und bei hohem Seegang und nasser Takelage. Der Unfall ereignete sich aber im Hafen ohne Sturm und Wind. Es gibt Segelschiffe, da sind die Segel mit kleinen Motoren ausgestattet. Dass Setzen oder Bergen geht dann per Mausklick von der Kabine aus. Passt das zum Segelschiff?
Klettern müssen Matrosen doch immer. Auch die Positionslaternen auf den Zerstörern oder Fregatten müssen per Hand gesetzt werden. Da gibt es zwar kleine Leitern, aber gehe Du mal bei Seegang noch oben.
Die Offiziersanwärter auf der Gorch Fock machen ja hier nur ihre Grundausbildung, bekommen das Patent und gehen dann zum Studium.