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Experten prangern mangelnde medizinische Versorgung von Senioren an

03.05.2012 | 14:41 Uhr
Foto: /dapd/Martin Oeser

Nach Einschätzung von Sozial- und Pflegeexperten haben Einsparungen in der medizinischen Versorgung gravierende Folgen für ältere Menschen. "Es ist absolut unerträglich, wenn beispielsweise Hüftprothesen für Ältere rationiert werden sollen", sagte die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Ulrike Mascher, am Donnerstag der Nachrichtenagentur dapd in Berlin.

Berlin (dapd). Nach Einschätzung von Sozial- und Pflegeexperten haben Einsparungen in der medizinischen Versorgung gravierende Folgen für ältere Menschen. "Es ist absolut unerträglich, wenn beispielsweise Hüftprothesen für Ältere rationiert werden sollen", sagte die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Ulrike Mascher, am Donnerstag der Nachrichtenagentur dapd in Berlin. Für viele Menschen - nicht nur für Ältere - seien solche medizinischen Eingriffe "zum Erhalt der Beweglichkeit notwendig". Ältere Patienten könnten dadurch auch "länger ohne Pflegehilfe in ihrem gewohnten Umfeld bleiben", sagte die VdK-Präsidentin.

Gesundheitsminister Daniel Bahr versicherte derweil, in Deutschland könne sich "jeder darauf verlassen", auch in Zukunft die notwendige Behandlung und Operation zu erhalten. Auch würden Hüft- und Knieoperationen weiter bezahlt, sagte Bahr im dapd-Interview. Der FDP-Politiker bezeichnete einen Bericht der "Bild"-Zeitung, wonach künftig Senioren nicht mehr jede Operation bezahlt werden soll, als "vollkommener Unsinn". Vielmehr habe die Koalition gerade beschlossen, den Krankenhäusern mehr Geld zu geben, "damit sie eine gute Versorgung für jedermann weiterhin gewährleisten".

Auch Unionsfraktions-Vize Johannes Singhammer (CSU) wies den Zeitungsbericht als unrichtig zurück. "Die Debatte geht in eine völlig falsche Richtung", sagte Singhammer dem "Münchner Merkur" (Freitagausgabe). Die Regierung wolle Senioren nicht notwendige Operationen versagen. "Es geht darum, unnötige Operationen zu vermeiden - ganz unabhängig vom Alter der Patienten." Eine Operation bleibe auch in Zukunft eine "reine Arztentscheidung", bekräftigte Singhammer.

Der Vorsitzende der CDU-Senioren-Union, Otto Wulff, verlangte, die Entscheidung für oder gegen eine Operation dürfe "nicht vom Lebensalter oder der statistisch verbleibenden Lebenserwartung des Patienten abhängig gemacht werden".

Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2010 insgesamt rund 214.000 künstliche Hüftgelenke sowie rund 158.000 Kniegelenke implantiert. Im Jahr 2005 hatte die Zahl der Hüftgelenke noch rund 194.000 betragen; mit insgesamt rund 129.000 fiel auch die Zahl der implantierten Kniegelenke seinerzeit niedriger aus.

Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Fritz Uwe Niethard, wandte sich gegen Mutmaßungen, in Deutschland würden zu häufig künstliche Hüft- und Kniegelenke eingesetzt. Die Frage, welche Operationsrate angemessen sei, werde seit 30 Jahren diskutiert, sagte Niethard. Es sei für Deutschland aber keine Alternative, das niedrige Niveau Rumäniens anzustreben und ältere Menschen, die an Gelenkkrankheiten litten, wieder "in den Lehnstuhl" zu verbannen. "Wenn Politiker den 70-Jährigen verbieten wollen, aktiv zu sein, werden sie ein Problem bekommen", warnte der Aachener Orthopäde.

Die Deutsche Hospiz Stiftung forderte die Politik auf, "Fehlentwicklungen im medizinischen Alltag von Krankenhäusern zu korrigieren". So sei seit Jahren bekannt, dass beispielsweise Mängel in der Pflege zu einer erhöhten Zahl an Stürzen bei pflegebedürftigen Menschen führen, hieß es in einer Erklärung. "Doch in der Praxis wird daran nichts geändert."

Die Stiftung erhob den Vorwurf, sowohl Pflegeheime als auch Krankenhäuser profitierten von der Situation: "Das Krankenhaus kann die Fallpauschale abrechnen, und das Pflegeheim erhält einen höheren Pflegesatz." Die Behandlung einer Hüftfraktur koste rund 8.300 Euro, auf 600 bis 1.000 Euro beliefen sich die durchschnittlichen Kosten für die Folgen eines Sturzes, unabhängig davon, ob ein Knochenbruch aufgetreten sei. Derzeit würden bei den Pflegeheimbewohnern mehr als eine Million Stürze registriert. "Dies kostet eine Milliarde Euro - das menschliche Leid lässt sich nicht beziffern", hieß es.

Im Hamburg eröffnete am Donnerstag Bundespräsident Joachim Gauck den zehnten Deutschen Seniorentag. Für Freitag (4. Mai) erwarten die Veranstalter einen Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

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