Das aktuelle Wetter NRW 20°C
Nachrichten

Ein Bild hilft beim Erinnern

22.10.2011 | 16:14 Uhr

Bielefeld (dapd-nrw). Etwas unschlüssig nimmt Margret Petereit die Ukulele in die Hand und zupft ein paar Saiten. Die 78-Jährige sitzt vor der Reproduktion eines Gemäldes von Pablo Picasso und soll einem Gitarrenspieler in einer Kneipe nacheifern, der auf dem Bild mit dem Titel "Au Lapin Agile" (Zum flinken Karnickel) zu sehen ist. Beobachtet wird sie von ihren drei Begleitern und Daniel Neugebauer, der die älteren Besucher durch die Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle leitet. Die vier Senioren nehmen an einer Führung für Menschen mit Demenz teil, die seit gut einem Jahr in der Kunsthalle angeboten wird.

Anders als eine normale Führung geht es aber weniger um Kunstströmungen, Zentralperspektive oder kulturhistorische Einordnung der Werke. Wenn Neugebauer zu den Bildern geht und die alten Leute davor Platz nehmen, knüpft der Mitarbeiter der Kunsthalle unmittelbar an die Erfahrungen und Stimmungen der Senioren an. "Wir denken uns jetzt mal, wir sind in Paris und besuchen die Kneipen", sagt er. Die Konzentration lenkt er auf die zentrale Figur der Kneipenszene "Au Lapin Agile", in der Picasso seine eigenen Züge verewigt hat. "So richtig fröhlich sieht der aber nicht aus", sagt Frau Petereit. Da nützt auch das Harlekinkostüm nichts, das die Figur trägt.

Bisweilen sitzen die Senioren etwas uninspiriert vor den Gemälden, manchmal stoßen die Werke auch Erinnerungen aus dem eigenen Leben an. Und für die humoristischen Einwürfe ist an diesem Tag Wilhelm Bunte zuständig. "Ich würde mir das Bild ja kaufen, aber ich habe keinen Platz zu Hause", scherzt der 85-Jährige. Neugebauer informiert ihn darüber, dass das "Flinke Karnickel" bei einer Auktion einen "hohen zweistelligen Millionen-Betrag" einbringen dürfte. Nicht zuletzt deshalb handelt es sich bei dem in Bielefeld gezeigten Werk um eine Reproduktion.

Bunte und seine drei Begleiter sind als Tagesgäste des Wilhelm-Augusta-Stifts der Arbeiterwohlfahrt in Bielefeld-Sieker zu Gast in der Kunsthalle. Bevor die eigentliche Führung beginnt, gibt es für sei erst einmal eine Stärkung: Im Kreativraum der Kunsthalle warten Kaffee und Kuchen auf sie. Daniel Neugebauer, der in der Kunsthalle für Bildung und Kommunikation zuständig ist, informiert sie dabei kurz über den Künstler Picasso und die frühen Jahre in Paris, denen sich die Ausstellung in Bielefeld widmet.

Beim Gang durch die Schau geht es Neugebauer vor allem darum, die Besucher zu stimulieren. "Wir erzählen mit den Bildern Geschichten. Die Leute sollen ins Reden oder ins Nachdenken kommen", erklärt er. Und um den Effekt zu verstärken, greift Neugebauer auf Instrumente zurück. So gibt er dem Quartett vor einem Bild, dass eine Hafenszene zeigt, eine Trommel mit Kügelchen. Wenn man die schwenkt, machen die Kügelchen ein Geräusch wie Meereswellen.

Und auch die eigene Kreativität soll erkundet werden. Nachdem die Senioren ihre Tour beendet hat, bemalen sie in dem Kreativraum noch Teller mit Gesichtern, die sie dann mit nach Hause nehmen können. Wilhelm Bunte greift eher zögernd zum Stift. "Wenn Sie das in die Ausstellung bringen, sagen Sie nicht, dass es von mir ist", mahnt er.

Etwa zwei Führungen dieser Art werden in der Kunsthalle Bielefeld pro Monat gebucht. Das Angebot gilt für Gruppen von bis zu acht Personen und Betreuern. Die Kosten liegen bei 80 Euro - inklusive Verköstigung. "Das Feedback auf die Führungen ist extrem gut", berichtet Neugebauer. In Zeiten des demografischen Wandels seien solche Angebote sehr wichtig.

Als Vorreiter bei Führungen für Menschen mit Demenz gilt das Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg. Die Einrichtung bietet die Führungen seit 2007 an. "Wichtig ist es, Exponate auszusuchen, zu denen die Besucher einen emotionalen Kontakt knüpfen können", betont Sybille Kastner, die in dem Museum für Kunstvermittlung zuständig ist. So wird etwa in der aktuellen Ausstellung "100 Jahre Lehmbrucks 'Kniende' - Paris 1911" die damalige Zeit mit historischer Mode wachgerufen. Dazu gibt es ein Fotoshooting mit den Gästen.

Über ein Theaterprojekt für Demenzkranke in Moers sei man damals auf die Idee gekommen, solche Angebote auch für das Lehmbruck-Museum zu entwickeln, berichtet Kastner. Und mittlerweile sei die Nachfrage nach diesen Führungen so groß, dass das Museum keine Werbung mehr dafür machen müsse.

dapd

xnr008

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/5187453/create

Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
Berlin in schwarz-gelb
Bildgalerie
BVB-Fans
Papst Benedikt wird 85
Bildgalerie
Kirche
Aus dem Ressort
Verzögerung am neuen Berliner Flughafen schockt Branche
Wirtschaft
"Wir haben keinen Plan B.", so lautete die Reaktion vieler Verantwortlichen nach der Bekanntgabe, dass sich die Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg verschieben wird. Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn befürchtet unkalkulierbare Kosten. Urlauber werden wohl zu einem anderen Terminal anreisen...
NRW wehrt sich gegen Akw-Neubau in den Niederlanden
Atomkraft
Im niederländischen Borssele ist ein neues Atomkraftwerk geplant. Der Ort in der Provinz Zeeland ist nur wenige Kilometer von Nordrhein-Westfalen entfernt. Die NRW-Landesregierung spricht sich gegen den Bau des Kraftwerks aus. Auch jeder Bürger kann bis zum 12. Januar Einspruch gegen das Akw...